Chapter 1

Der Schleier der Vergessenheit

Elara lebt mit einer tiefen inneren Leere und wiederkehrenden, rätselhaften Albträumen. Sie spürt, dass etwas aus ihrer Kindheit sie verfolgt, doch die Erinnerungen sind verschwommen und schmerzhaft. Ihre Suche nach Antworten beginnt.

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Der Schleier der Vergessenheit

Die Nacht hatte Elara wieder einmal fest im Griff. Nicht die wohlige Dunkelheit eines friedlichen Schlafes, sondern eine, die sich wie ein schwerer, feuchter Stoff über ihre Brust legte und ihr die Luft zum Atmen raubte. Schatten tanzten an der Wand ihres Schlafzimmers, geformt vom Mondlicht, das durch die Jalousien fiel, doch in ihrem Kopf waren es keine harmlosen Silhouetten. Es waren flüchtige Bilder, Fragmente einer längst vergangenen Zeit, die sich in ihrem Unterbewusstsein festgesetzt hatten wie Splitter unter der Haut. Ein Schrei, der irgendwo in der Ferne verhallte, das kalte Gefühl von nassem Gras unter bloßen Füßen, die verzerrte Fratze einer Gestalt, die sie nicht greifen konnte. Und immer wieder diese Leere. Eine bodenlose Grube in ihrer Seele, die sich seit jeher wie ein ständiger Begleiter anfühlte, ein stummes Echo dessen, was ihr fehlte, dessen, was ihr genommen worden war.

Sie wachte mit einem Ruck auf, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel. Schweiß klebte ihr an der Stirn, und ein leiser Laut der Verzweiflung entwich ihren Lippen. Die vertrauten vier Wände ihres Zimmers schienen sich zu verengen, als wollten sie sie erdrücken. Langsam, zögerlich, richtete sie sich im Bett auf. Das Mondlicht fiel nun direkt auf ihren Nachttisch, wo ein Stapel Bücher und eine halb geleerte Tasse Tee lagen. Ein Buch mit einem abgewetzten Einband, „Erinnerungen an eine verlorene Zeit“, lag aufgeschlagen da. Sie hatte es gestern Abend zur Hand genommen, in der Hoffnung, sich in den Seiten zu verlieren, doch die Worte waren an ihr vorbeigerauscht, ihre Gedanken gefangen in den Schleiern der Nacht.

Elara stand auf und ging zum Fenster. Die Stadt lag still und dunkel unter ihr, nur hier und da ein einsames Licht. Eine fremde Stadt, in der sie nun lebte, eine Stadt, die ihr keine Antworten bot, sondern nur eine weitere Kulisse für ihre innere Unruhe. Sie war hierhergekommen, um neu anzufangen, um der Vergangenheit zu entkommen, doch die Vergangenheit war wie ein Schatten, der sich hartnäckig an sie klammerte. Sie spürte, dass etwas tief in ihr verborgen lag, etwas Dunkles und Verdrängtes, das darauf wartete, ans Licht gezerrt zu werden.

Ein leises Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Frau Schmidt. Ihre Nachbarin, eine Frau mit freundlichen Augen und einem Lächeln, das die Falten um ihre Mundwinkel vertiefte. Frau Schmidt war eine Konstante in ihrem Leben, eine ruhige Präsenz, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Sie hatte Elara oft beobachtet, mit einer Mischung aus Neugier und Sorge in ihrem Blick, wenn sie mit ihren Eltern am Gartenzaun plauderte.

„Elara, mein Kind? Ist alles in Ordnung? Ich habe dich gehört“, sagte Frau Schmidt leise, ihre Stimme war sanft wie ein Streicheln.

Elara öffnete die Tür einen Spaltbreit. „Nur ein schlechter Traum, Frau Schmidt. Nichts Schlimmes.“ Sie versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten, aber sie zitterte leicht.

Frau Schmidt nickte langsam, ihr Blick ruhte auf Elaras blassem Gesicht. „Diese Träume… sie scheinen dich nicht loszulassen, nicht wahr?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Elara schluckte. „Ich… ich weiß nicht, wovon sie handeln.“ Sie wich dem Blick der alten Dame aus.

„Manchmal sind die Dinge, die wir am tiefsten vergraben, die, die uns am meisten verfolgen“, sagte Frau Schmidt und ihre Augen schienen eine tiefe Melancholie zu spiegeln. Sie trat einen Schritt näher und legte Elara eine Hand auf den Arm. Ihre Berührung war warm und tröstlich. „Du bist nicht allein, Elara. Auch wenn es sich so anfühlt.“

Die Worte hallten in Elara nach, als Frau Schmidt sich wieder zurückzog und in ihre eigene Wohnung verschwand. Nicht allein. Aber wen sollte sie ansprechen? Ihre Eltern waren tot, seit vielen Jahren bereits. Ihr Vater war gegangen, als sie noch klein war, und ihre Mutter war ihr kurz darauf gefolgt, ein schneller, unerwarteter Abschied, der sie mit einer tiefen Narbe zurückließ. Sie hatte nur noch ihre Großmutter, die sie in den Arm genommen hatte, bis auch sie nicht mehr war. Und die Erinnerungen an sie waren wie verblasste Fotografien, deren Farben mit der Zeit immer mehr verblassten.

Am nächsten Morgen, im grellen Licht des Tages, fühlte sich die Nacht wie ein ferner Traum an, doch die Leere in ihr war realer denn je. Sie beschloss, etwas zu unternehmen. Etwas, das sie schon lange vor sich herschob, etwas, das sie gleichzeitig ängstigte und neugierig machte. Sie ging auf den Dachboden ihrer kleinen Wohnung, ein Ort, den sie selten besuchte. Staub bedeckte alles, und der Geruch von alten Dingen hing schwer in der Luft.

Sie öffnete eine alte Holztruhe, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte. Darin lagen vergilbte Kleidungsstücke, ein paar Spielzeuge und verstaubte Fotoalben. Sie nahm eines der Alben zur Hand und blätterte vorsichtig durch die Seiten. Bilder ihrer Kindheit tauchten auf: sie selbst als kleines Mädchen, mit großen, fragenden Augen und einem schüchternen Lächeln. Ihre Eltern, jung und lachend. Und ihre Großmutter, die sie fest im Arm hielt. Doch es gab auch Lücken. Bilder, die fehlten. Momente, die seltsam leer waren.

Dann stieß sie auf einen Umschlag, der zwischen den Seiten versteckt war. Er war nicht adressiert, und das Papier war alt und brüchig. Vorsichtig öffnete sie ihn. Darin lagen einige Briefe und ein kleines, verblasstes Foto. Die Briefe waren von ihrer Großmutter, an eine unbekannte Person gerichtet. Ihre Handschrift war elegant, aber die Worte waren voller Sorge und einer fast verzweifelten Bitte um Hilfe. Sie sprach von einem Geheimnis, von einer Gefahr und von etwas, das Elara „geschützt“ werden müsse.

Das Foto zeigte sie, Elara, als kleines Kind. Sie saß im Gras, und hinter ihr stand eine Gestalt. Die Gestalt war im Schatten verborgen, aber Elara konnte erkennen, dass es eine Frau war, die sie anlächelte. Ein Lächeln, das nicht warm war. Ein Lächeln, das kalt und fremd wirkte. Und etwas an der Art, wie die Frau sie ansah, ließ Elara erschaudern. Es war ein Blick, der mehr enthielt als nur Freundlichkeit. Ein Blick, der Besitzanspruch signalisierte.

Ein Schwindelgefühl überkam sie. Sie legte die Briefe und das Foto beiseite und schloss das Album. Diese Frau… sie hatte sie schon einmal gesehen, oder? Nicht in ihren Erinnerungen, aber irgendwo… in ihren Träumen? Die Bilder begannen sich zu vermischen, die Schatten der Nacht und die verblassten Bilder des Tages.

Sie musste mehr erfahren. Sie musste wissen, was diese Briefe bedeuteten, wer diese Frau auf dem Foto war und was ihre Großmutter so sehr beunruhigt hatte. Ihre Neugier war stärker als ihre Angst. Sie beschloss, ihre Verwandten zu kontaktieren. Ihr Onkel, Herr Müller, war der einzige lebende Verwandte, den sie noch kannte. Er hatte sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen, aber er war ihre einzige Verbindung zur Vergangenheit.

Sie fand seine Nummer in einem alten Telefonbuch und wählte sie mit zitternden Fingern. Nach mehreren Klingeltönen meldete sich eine raue Stimme.

„Ja?“

„Onkel Müller? Hier ist Elara. Elara Klein.“

Eine kurze Pause am anderen Ende. „Elara? Meine Güte, dich hätte ich fast nicht erkannt. Was willst du?“ Seine Stimme klang gereizt, fast abweisend.

„Ich… ich wollte nur mal anrufen. Sehen, wie es Ihnen geht.“ Elara spürte, wie ihre Stimme unsicher wurde.

„Mir geht’s gut. Und jetzt, wenn du nichts weiter hast…“

„Warten Sie!“, rief Elara, ihre Stimme wurde dringlicher. „Ich habe ein paar alte Sachen von meiner Großmutter gefunden. Alte Briefe und Fotos. Sie erwähnen… ein Geheimnis. Und sie klangen sehr besorgt.“

Eine weitere, längere Pause. Elara konnte das Atmen ihres Onkels hören, ein unruhiges, flaches Geräusch.

„Ach, dieses Zeug“, sagte Herr Müller schließlich, seine Stimme war nun angespannt. „Das ist alles lange vorbei, Elara. Deine Großmutter hat sich immer zu viele Sorgen gemacht. Das ist nichts, worüber du dir Gedanken machen musst.“

„Aber sie schrieb von einer Gefahr. Und von mir. Sie sagte, ich müsste geschützt werden.“

„Deine Großmutter war eine gute Frau, aber sie hatte eine lebhafte Fantasie. Lass das alte Zeug ruhen, Elara. Es bringt nichts, in der Vergangenheit zu wühlen.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Konzentrier dich auf deine Zukunft. Das ist das Wichtigste.“

„Aber ich kann es nicht“, flüsterte Elara. „Es verfolgt mich. Diese Träume… diese Leere…“

„Das sind nur Albträume, Elara. Jeder hat mal Albträume. Das ist normal.“ Er klang genervt. „Ich habe jetzt keine Zeit. Wir können ein anderes Mal reden. Wenn du unbedingt willst.“

Mit einem abrupten „Tschüss“ legte er auf.

Elara starrte auf ihr ausgeschaltetes Handy. Herr Müller war eindeutig nicht bereit, ihr zu helfen. Er wollte, dass sie vergaß. Aber warum? Warum so vehement? Seine Nervosität war fast greifbar, selbst durch das Telefon. Er wusste mehr. Er verheimlichte etwas.

Sie blickte wieder auf das Foto. Die Frau im Schatten. Das kalte Lächeln. Die bedrohlichen Augen. Sie fühlte, wie sich ein eisiger Knoten in ihrem Magen bildete. Ihre Großmutter hatte sie schützen wollen. Vor wem? Vor was? Und warum konnte sie sich an nichts erinnern?

Die Nacht würde wiederkommen. Und mit ihr die Schatten. Und die Leere. Aber jetzt hatte sie einen Anfang. Einen winzigen, zitternden Faden, an dem sie ziehen konnte. Einen Faden, der sie tiefer in das Labyrinth ihrer eigenen Vergangenheit führen würde. Ein Labyrinth, das sie, so schmerzhaft es auch sein mochte, durchqueren musste, um endlich ihren Frieden zu finden. Das Rätsel war noch lange nicht gelöst, aber die Suche hatte begonnen. Und Elara spürte, dass diese Suche sie verändern würde, ob sie wollte oder nicht.

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