Chapter 2
Am Zaun der Schatten – Kapitel 2
Minna und Miss Abigail vertiefen ihre Verbindung durch heimliche Gedichte und getauschte Bräuche. Trotz Karl, der das Geheimnis zu kennen scheint, geht Minna das Risiko ein, sich nachts zu verkleiden und Miss Abigail im Garten zu treffen. Gemeinsam erleben sie einen verbotenen Hauch von Halloween. Doch das plötzliche Auftauchen eines Dorfbewohners setzt ein gefährliches Ereignis in Gang, das ihre Freundschaft auf die Probe stellt und die Dorfgemeinschaft gegen sie aufbringt.
Der Wind trug den Herbst von Haus zu Haus, und ich stand am Fenster, den Blick fest auf den Garten jenseits des Zauns gerichtet. Die Welt draußen war nicht mehr freundlich grün, sondern voller Schatten und Rascheln. Hinter den Fenstern meines Zimmers brannten heimlich Worte auf meiner Zunge – Worte, die ich nicht sagen durfte. Worte wie 'Halloween'. Oder 'Freundin'.
Meine Mutter stapelte Holzscheite in der Ecke, ihr Blick misstrauisch zum Fenster gerichtet. „Du träumst schon wieder, Minna“, rief sie. „Hilf lieber beim Wassertragen!“
Doch mein Herz war draußen bei Miss Abigail, bei ihren Kürbisgesichtern und ihren geheimnisvollen Sprüchen. Im Schuppen, unter der knarrenden Bank, lag der kleine Kürbis mit der eingeritzten Frage, die mich nachts nicht schlafen ließ: Friend?
Jede freie Minute stahl ich mich zum Zaun. Niemand durfte mich dort sehen. Einmal fand ich einen neuen Zettel zwischen den Latten geklemmt. Englisch, mit dicken, schwungvollen Buchstaben:
_When night is dark and windows gleam,
Hide your wishes in a dream._
Darunter, in kleiner, zittriger Schrift, hatte Miss Abigail die Übersetzung versucht. Ich lachte leise, weil sie „Wünsche“ zu „Träume für Mäuse“ gemacht hatte. Ich schrieb auf die Rückseite:
_Wenn Nebel auf den Wiesen tanzt,
Steckt Sehnsucht uns im Mantelsaum.
Träumt jedes Herz von Anderwärts –
Und macht daraus ein Zauberklaum._
Das Wort 'Zauberklaum' hatte ich erfunden. Es fühlte sich richtig an – wie eine Mischung aus Klammern, Klauen und Traum. Ich schob den Zettel zurück durch den Zaun.
So vergingen die Tage, meine geheimen Stunden wurden zu einem eigenen Leben. Ich beobachtete, wie Miss Abigail abends Lichter in ihren Kürbissen entzündete. Die Flammen malten tanzende Gesichter an die Hauswand. Manchmal huschte ihr Kater am Zaun entlang, und ich versuchte, ihn zu locken, vorsichtig, damit niemand im Dorf Verdacht schöpfte. Der Kater – sie nannte ihn „Shadow“ – miaute nur kurz, warf mir einen langen Blick zu und sprang davon, als wolle er sagen: Du bist hier nicht allein.
Doch der Zauber war nicht ohne Gefahr. Mein Bruder Karl schlich immer häufiger in meiner Nähe herum. Er stellte Fragen, die zu neugierig waren. „Was schreibst du da?“, „Warum bist du abends immer so spät im Bett?“ und vor allem: „Was ist mit dem Kürbis im Schuppen?“
Eines Morgens, als der Nebel noch dick über den Feldern hing, lauerte er mir auf. „Wenn du ihr noch einmal etwas bringst, sag ich es Mutter.“
Mir blieb die Luft weg. Ich wusste nicht, ob ich flehen oder trotzen sollte. Doch dann erinnerte ich mich an Miss Abigails Gedicht: 'Hide your wishes in a dream.' Also hob ich mein Kinn und flüsterte: „Du verstehst es nicht, Karl. Sie ist nett. Sie bringt mir Gedichte bei.“
Er verdrehte die Augen, doch etwas in seinem Blick blieb weich. „Gedichte – pah. Pass auf, Minna. Die Leute sagen, sie macht Hexenkram.“
Ich schüttelte den Kopf, doch mein inneres Zittern verriet mich. „Sie ist keine Hexe. Sie mag nur Geschichten.“
Karl schwieg lange. Dann nickte er langsam. „Wenn du erwischt wirst, halte ich dich nicht raus. Aber ich verrate dich auch nicht gleich. Versprochen.“
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich rannte in den Tag hinaus, der plötzlich heller schien.
Am nächsten Abend, als die Sonne wie ein Blutapfel am Horizont hing, saß ich mit klopfendem Herzen an meinem Schreibtisch. Ich wollte etwas Besonderes für Miss Abigail machen. Ich nahm mein dünnstes Blatt Papier und schrieb:
_Wenn Masken fallen, Nacht erwacht,
Verkleide ich mein Sehnen.
Nur einmal im Jahr, nur für eine Nacht,
Darf Freundschaft sich nicht schämen._
Ich faltete den Zettel, steckte ihn in meine Manteltasche und schlich aus dem Haus. Mein Vater war mit den Nachbarn beschäftigt, meine Mutter nähte bei Kerzenschein. Niemand bemerkte, wie ich hinausglitt.
Am Zaun wartete schon ein kleines Licht: eine Kerze im ausgehöhlten Apfel. Miss Abigail stand dahinter, in ein dunkles Tuch gehüllt, das sie wie eine Gestalt aus einer anderen Welt wirken ließ. Ihr Gesicht leuchtete im Kerzenschein. Als sie mich sah, hob sie die Hand zum Gruß. „Minna“, flüsterte sie, „willst du es versuchen?“
Ich nickte. Sie reichte mir eine kleine Maske – aus buntem Papier, mit schwarzen Punkten und goldenen Schnörkeln. „In Amerika darfst du an Halloween jemand anderes sein – was immer du willst.“
Ich setzte die Maske auf, lachte leise, ließ mich von dem Gefühl tragen, für einen Moment nicht Minna, sondern jemand ganz Neues zu sein. Wir huschten am Zaun entlang, tauschten Gedichte wie geheime Zeichen. Miss Abigail zeigte mir, wie man aus Maiskolben kleine Puppen macht, die böse Geister vertreiben sollen. Ich zeigte ihr einen alten Reim, den meine Großmutter mir beigebracht hatte:
_Spinn, Spinn, spinne fein,
Bring mir Glück ins Haus herein!_
Sie lachte, und ich fühlte mich größer, mutiger – als hätte die Maske mir eine neue Haut geschenkt.
Die Dunkelheit wurde dichter, das Dorf schlief schon. Aber wir waren wach, zwei Schatten am Zaun, verbunden durch Flüstern und Licht. Wir wagten es, noch näher zu kommen. Miss Abigail flüsterte: „Heute Nacht ist Halloween. In meiner Heimat gehen die Kinder von Tür zu Tür. Sie sammeln Süßes. Willst du sehen, wie wir feiern?“
Ich nickte atemlos. Sie schob mir eine kleine Tüte unter dem Zaun durch: darin waren Zimtsterne, kandierte Kürbisstreifen, und ein winziger, süßer Apfel. „Da. Das ist unser Fest.“
Wir aßen schweigend, hörten auf die Geräusche der Nacht. Plötzlich – Schritte auf der anderen Seite der Hecke. Ich erstarrte. Miss Abigail zog sich zurück, das Licht verlöschte. Ich war ganz allein im Schatten.
Ein Mann trat aus dem Dunkel. Es war Herr Schröder, der Nachbar, ein Mann mit spitzer Nase und misstrauischen Augen. „Wer schleicht da herum?“, knurrte er.
Ich hielt den Atem an. Herr Schröder trat näher. „Minna? Was machst du hier, so spät? Weiß deine Mutter davon?“
Ich rang um Worte, doch meine Stimme war verschluckt vom Wind. Herr Schröder blinzelte, schnupperte an der Luft. „Riecht nach fremdem Gebäck. Nach Hexenwerk. Du solltest besser nach Hause gehen, Kind.“
Ich nickte, rannte los, fühlte seine Augen wie Hände in meinem Rücken. Ich warf einen letzten Blick zurück – da sah ich durch die Hecke einen schwachen Lichtschein. Miss Abigail war noch da. Ich winkte, nur ganz kurz, und sie winkte zurück, ehe alles wieder finster wurde.
Zitternd kroch ich durch das Fenster in mein Zimmer. Im Gang hörte ich das leise Murmeln der Eltern. Ich schlich ins Bett und zog die Decke bis ans Kinn. Mein Herz klopfte noch immer wie wild. Hatte Herr Schröder mich erkannt? Würde er etwas erzählen? War alles verloren?
Aber dann, im Zwielicht zwischen Schlaf und Erwachen, hörte ich draußen ein leises, sanftes Klopfen. Ich wagte mich ans Fenster. Im Garten leuchtete wieder ein Kürbisgesicht. Diesmal blickte es entschlossen, nicht traurig – als wolle es sagen: Gib nicht auf!
Am nächsten Tag im Dorf war alles verändert. Die Leute tuschelten, deuteten zu Miss Abigails Haus. „Sie hat dem Mädchen was zugeflüstert“, hörte ich eine Frau sagen. „Die Kinder werden noch alle verdorben.“
Ich spürte die Blicke auf mir brennen, wo immer ich ging. Doch als ich am Zaun vorbeilief, lag dort ein weiterer Zettel. Ich hob ihn schnell auf, schob ihn in die Tasche.
_Sometimes the bravest heart is small,
But dares to hope, against them all._
Darunter, in krakeliger Handschrift auf Deutsch:
_Manchmal ist das Herz nicht groß,
Doch wagt zu hoffen, ganz famos._
Ich lächelte. Miss Abigail wollte mir Mut machen. Ich beschloss: Ich würde nicht aufgeben. Auch wenn das Dorf gegen uns war, auch wenn die Erwachsenen ihre Furcht wie ein Schild vor sich hertrugen. Ich wollte wissen, wie das Fest wirklich war. Ich wollte bei Miss Abigail lernen, wie man aus der Dunkelheit Geschichten macht, nicht nur Angst.
In der Schule wurde ich gemieden. Die anderen Kinder kicherten, wiesen mit den Fingern auf mich. Nur Karl war manchmal in meiner Nähe. Einmal, in der Pause, drückte er mir einen zerknitterten Zettel in die Hand: „Herr Schröder hat mit Vater gesprochen. Pass auf, Minna.“
Ich schluckte. Am Abend wagte ich mich dennoch wieder zum Zaun. Miss Abigail war schon da, in ein weites, schwarzes Kleid gehüllt, mit einer Girlande aus getrockneten Blumen im Haar. In ihrem Blick lag Sorge, aber auch etwas Trotz.
„Sie reden über uns“, sagte ich leise.
Miss Abigail nickte. „Sie haben Angst vor dem, was sie nicht kennen.“
Ich ballte die Fäuste. „Warum bist du trotzdem freundlich zu mir?“
Sie lächelte traurig. „Weil ich auch einmal fremd war. In Amerika. Weil ich weiß, wie es ist, anders zu sein. Und weil ich glaube: Wer dich versteht, kann kein Feind sein.“
Wir standen schweigend nebeneinander, getrennt nur durch den Zaun. In diesem Moment wünschte ich mir, ihn für immer niederreißen zu können.
Die Tage bis Halloween wurden kürzer, die Schatten länger. Jeden Abend, wenn ich heimlich meine Gedichte schrieb, malte ich mir aus, wie es wäre, offen am Feuer zu sitzen, Geschichten zu erzählen, mit Miss Abigail zu lachen, ohne Angst vor Herrn Schröder oder vor den Worten meiner Mutter.
Am Vorabend der großen Nacht brachte Miss Abigail mir eine kleine, aus Stoffresten genähte Katze. „Für Glück“, sagte sie. In der Tasche der Katze steckte ein neues Gedicht:
_Wir gehen durch die Nacht,
Mit Mut, der leise kracht.
Was gestern Angst gemacht,
Wird heute unser Lachen._
Ich schloss die Katze fest in meine Hand. Die Angst war noch da, doch sie war nicht mehr so groß wie meine Sehnsucht.
Dann kam die Nacht. Die Schatten waren tiefer als sonst. Ich legte mein einfachstes Kleid an, zog die Papiermaske über das Gesicht und schlich aus dem Haus, so leise wie ein Geist. Am Zaun wartete Miss Abigail, ihr schwarzer Kater saß auf ihrem Arm.
Sie nahm meine Hand durch die Latten. „Komm“, flüsterte sie. Gemeinsam krochen wir unter einer lockeren Bohle hindurch. Zum ersten Mal war ich auf der anderen Seite.
Im Garten standen Dutzende kleiner Lichter zwischen den Beeten. Auf der alten Bank lagen Süßigkeiten, ein Krug warmer Apfelsaft, und – so viele Masken, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Wir setzten uns. Miss Abigail reichte mir einen warmen Keks, und ich fühlte mich leicht, beinahe unsichtbar.
Wir erzählten uns Reime und Geschichten. Sie berichtete von Amerika, von Kindern, die an Türen klopften, von Lachen in der Dunkelheit – und ich erzählte von meinen Träumen, vom goldenen Herbst und von all den Momenten, in denen ich anders sein wollte.
Plötzlich ein Krachen im Gebüsch. Mein Herz raste. Stimmen, immer lauter. Herr Schröder! Er hatte Verstärkung geholt – zwei Männer, Taschenlampen, lautes Poltern.
Miss Abigail schaute mich erschrocken an. „Du musst zurück, Minna!“
Ich zögerte. Doch dann schob sie mich sanft, flüsterte: „Vertrau auf dein Gedicht. Du bist mutig.“
Ich kroch durch das Loch im Zaun, raste über das feuchte Gras, die Maske fest ans Gesicht gepresst. Hinter mir hörte ich die Stimmen, dann Stille. Der Kater miaute leise.
Wieder in meinem Zimmer, atmete ich schwer. Tränen liefen mir übers Gesicht. Was, wenn sie Miss Abigail etwas antaten? Was, wenn unsere Freundschaft verraten war?
Doch im Morgengrauen – als der Nebel die Dächer küsste –, fand ich am Zaun einen letzten Zettel, geschützt unter einem Stein:
_Der Mut geht weiter, Nacht für Nacht,
Solang ein Herz noch Sehnsucht macht._
Ich wusste: Unsere Geschichte war nicht vorbei. Der Zaun war noch da, aber er trennte nicht mehr alles. Und in meinem Herzen, zwischen den Zeilen von Angst und Hoffnung, brannte eine Flamme, die niemand mehr löschen konnte.