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Chapter 1

Kapitel 1: Der fremde Kürbis

Ein neugieriges Mädchen namens Minna beobachtet im Herbst ihre neue amerikanische Nachbarin, Miss Abigail, wie sie seltsame, leuchtende Kürbisse und geheimnisvolle Bräuche praktiziert. Obwohl ihre Familie und das gesamte Dorf jeglichen Kontakt mit der Fremden verbieten, wächst Minnas Sehnsucht, mehr über die fremden Sitten zu erfahren. Heimlich sucht Minna Nähe zu Miss Abigail, indem sie sie aus dem Schatten beobachtet und ein erstes, verstohlenes Gedicht hinterlässt.

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Der Nebel hing wie ein altes Tuch über unserem Dorf, und ich, Minna, saß auf dem schmalen Ast der alten Buche am Feldrand. Die Hände zerkratzten vom Klettern, das Kleid voller Flecken, doch Augen und Herz glänzten. Mein Blick war auf die fremde Hütte gerichtet, die seit jenem Sommer am Hang stand. Dort wohnte die Amerikanerin, Miss Abigail – ein Name, der in meinem Mund wie Zimt auf Apfelringen schmeckte: unbekannt, ein wenig scharf, irgendwie süß.

In unserem Dorf hieß es, sie bringe Unruhe und Teufelskram. Die Erwachsenen zeigten mit ernsten Mienen auf ihr Haus und flüsterten: „Bleib fern von der Fremden. Wer weiß, was sie beschwört.“ Aber ich spürte mit jeder Faser, dass in ihrem Garten kein Unheil wuchs, sondern etwas, das ich noch nie gekannt hatte: Neugier, Licht, Lachen in der Luft.

Oft sah ich sie, wenn die Sonne schon tief hinter den Hügeln hing, wie sie im Garten arbeitete. Einmal schnitzte sie einen riesigen Kürbis, setzte eine Kerze hinein, und – oh! – sein Grinsen leuchtete durch den Nebel, als hätte der Mond einen Bruder bekommen. Damals wusste ich nicht, dass dieses Fruchtgesicht „Jack O’Lantern“ hieß. Ich kannte nur das Staunen in meinem Bauch, das so groß wurde, dass es an meiner Brust zerrte.

Im Geheimen begann ich, Verse zu reimen. Der Wind trug sie fort, doch ich hoffte, sie würden Miss Abigail erreichen – sie, die wie ein Rätsel war, das meine Gedanken nachts auf Trab hielt:

_Kleine Lichter, fremde Fratzen,_

_Glöckchenlachen, Herbstblattschwanz._

_Was verbirgt sich hinter Masken?_

_Darf ich tanzen? Find’ ich’s raus?_

Meine Eltern – Vater mit Stirn wie ein Winterfeld, Mutter mit Händen rau wie der Mühlstein – duldeten keine Fragen über die Fremde. „Amerika ist weit, die Wege der Fremden noch weiter. Bleib bei deinen Leuten, Minna.“ Ich nickte und schwieg, doch das Verbot war wie ein Schlüssel, der eine Truhe voller Sehnsucht aufschloss.

Abends, wenn ich das Kerzenlicht auf den Fensterläden sah, wurde mein Verlangen nach dem Geheimnis noch stärker. Ich stellte mir vor, wie es drinnen roch: nach Gewürzen, Wachs und vielleicht einer Prise Fernweh. Ich malte mir aus, wie Miss Abigail Lieder sang, die in keiner deutschen Kirche erklingen dürften.

In der Schule tuschelten die Kinder, wenn jemand wagte, Miss Abigail zu erwähnen. „Sie isst Kürbisse mit Zucker!“ „Sie redet mit Katzen, als wären’s Menschen!“ „Sie lacht, wenn’s donnert!“ Ich schlich mich abends heimlich aus dem Haus, nur um einen Blick auf ihr Licht zu werfen.

Eines Tages – es war der letzte Oktobertag, und der Nebel war dicker als je zuvor – schlich ich mich erneut hinaus. Mein Herz klopfte wie die Kirchturmuhr zur Mitternacht. Ich trug ein Blatt Papier bei mir, darauf mein Gedicht, geschrieben mit krakeliger Hand:

_Die Nacht ist lang, der Wind ist wild,_

_Wer bist du, der Geschichten spinnt?_

_Fremdes Licht, fremde Zeit,_

_Bist du fern, bist du bereit?_

Ich schob den Zettel unter den Gartenzaun, in der Hoffnung, Miss Abigail würde ihn finden. Dann versteckte ich mich hinter einer knorrigen Eiche und wartete. Die Kälte kroch mir unter die Haut, aber ich blieb. Und dann – ein Zeichen: Die Haustür öffnete sich, ein Schatten beugte sich zum Zaun, hob das Papier auf und las es im Licht der Kürbislaterne.

Miss Abigail lächelte in die Nacht. Sie drehte sich ganz langsam, als hätte sie längst gewusst, dass ich hier lauerte. Und dann – ein leiser Reim, auf Englisch, so weich wie Nebel. Ich verstand die Worte kaum, aber spürte: Sie galten mir.

Das war unser erstes, heimliches Gespräch – nicht mit Stimmen, sondern mit Versen und Blicken. Ich schlich heim, das Herz voll Glück und einen Hauch Angst im Nacken. In meinem Bett rollte ich mich zusammen, lauschte dem Wind und fragte mich: Was würde morgen geschehen? Würde sie antworten? War unsere Freundschaft geboren, oder hatte ich den Bann gebrochen, von dem die Erwachsenen so oft sprachen?

Im Morgengrauen, als der Hahn krähte und meine Mutter schon an der Tür stand, fand ich einen Kürbis vor unserem Haus. Er war klein, krumm, mit einem Gesicht darauf, das nicht lachte und nicht weinte – es blickte neugierig. In den Mund hatte jemand ein kurzes englisches Wort gekratzt:

_“Friend?”_

Mein Herz hüpfte. Ich wollte antworten, jetzt, sofort! Aber wie? Die Angst vor Entdeckung lähmte meine Finger. Doch in mir wuchs der Mut, der größer war als jedes Verbot.

Ich versteckte den Kürbis unter der Bank im Schuppen, dort, wo mein Vater nie suchte. Den ganzen Tag dachte ich an das englische Wort, das ich nur aus Büchern kannte. „Friend“. Es schmeckte nach Abenteuer und nach einem Versprechen.

In den folgenden Tagen veränderte sich alles. Ich sah, wie Miss Abigail weitere Kürbisse schnitzte und kleine bunte Zettel zwischen die Latten des Zauns steckte. Immer neue Gesichter erschienen im Mondlicht: Eines schielte, eines grinste breit, eines hatte eine Narbe auf der Stirn. Manchmal las ich, was auf den Zetteln stand – Worte, die ich nicht verstand, aber die wie Zaubersprüche wirkten.

Wieder und wieder zog es mich zu ihrem Garten. Ich beobachtete, wie sie seltsame Gebäckstücke buk, die nach Zimt und Muskat dufteten, und wie sie mit einem kleinen schwarzen Kater sprach, der ihr folgte wie ein Schatten. Ich wünschte mir, ein solcher Schatten zu sein – immer in ihrer Nähe, immer bereit, Neues zu lernen.

Eines Abends, als der Wind die Blätter durch die Luft jagte, hörte ich auf einmal ein Geräusch hinter mir. Ich wirbelte herum – und stand meinem Bruder Karl gegenüber. Er war zwei Jahre älter, frech und neugierig wie ich, aber er wusste, wie man Geheimnisse entdeckt.

„Du spionierst ihr nach, oder?“ fragte er mit einem Grinsen. „Das gibt Ärger.“

Mir wurde heiß und kalt. Doch dann spürte ich, wie der Mut erneut wuchs. „Sie ist nicht böse“, flüsterte ich. „Sie macht nur Sachen, die anders sind.“

Karl sah mich lange an, dann zuckte er die Schultern. „Wenn du erwischt wirst, sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“ Dann drehte er sich um und verschwand zwischen den Bäumen.

Die restliche Nacht lag ich wach. Ich überlegte, ob Karl mich verraten würde. Würde meine Mutter den Kürbis im Schuppen finden? Was, wenn das ganze Dorf Wind davon bekäme?

Aber mein Wunsch war zu groß. Ich wollte diese fremde Welt kennenlernen. Ich wollte herausfinden, wie es war, wenn die Dunkelheit nicht unheimlich, sondern voller Geschichten war – so wie Miss Abigail es zu erleben schien.

Am nächsten Tag wagte ich mich näher an den Zaun. Miss Abigail war gerade dabei, einen weiteren Kürbis zu schnitzen. Sie blickte auf, bemerkte mich, und ein warmes Lächeln hob ihre Wangen. Ich atmete tief ein – und dann sprach ich meinen ersten Satz auf Englisch, so gut ich konnte: „Friend?“

Miss Abigail lachte, ein leises, freundliches Lachen, das keine Spottlust kannte. Sie nickte und winkte mich näher.

_Am Zaun, wo Kürbisse leuchten,_

_Ziehn Worte wie Fäden durchs Land._

_Wir sind verschieden, doch beide_

_Haben Sehnsucht in unserm Gewand._

Ihre Stimme war weich, ihre Aussprache anders, aber die Bedeutung glitt wie Licht in mein Herz. Für einen Moment vergaß ich alle Warnungen, alle Regeln, alle ängstlichen Stimmen der Erwachsenen. In diesem Augenblick zählten nur zwei Kinder und ein Zaun, der plötzlich weniger trennte als verband.

Ich erzählte ihr leise, dass ich Gedichte liebte. Miss Abigail zeigte mir ein kleines Heft, darin waren Seiten voller Reime – manche deutsch, manche englisch. Sie blätterte, zeigte mir Bilder von Kürbissen, Masken, schwarz gekleideten Kindern mit Körben voller Süßigkeiten. Ich verstand nicht alles, doch ich fühlte die Freude, die in den Seiten steckte.

„In Amerika“, erklärte sie langsam, „verkleiden sich Kinder. Sie klopfen an Türen und rufen: ‘Trick or treat!’ Dann bekommen sie Süßes.“

Mein Mund stand offen. Das klang wie Zauberei! In unserem Dorf durfte niemand maskiert durch die Straßen laufen, und schon gar nicht nach Süßem fragen. Ich fragte: „Und die Erwachsenen? Sind die nicht böse?“

Miss Abigail schüttelte den Kopf. „Dort nicht. Hier schon?“

Ich nickte stumm. Und da – ein Hauch von Traurigkeit glitt über ihr Gesicht. Sie beugte sich vor, flüsterte: „Vielleicht können wir uns auch verkleiden. Nur wir. Für eine Nacht.“

Mein Herz tanzte im Brustkorb. Ich wusste, ich würde alles tun, um diese neue Welt zu berühren.

_Im Schatten der Kürbisfratzen,_

_Wo Flüstern leise weht,_

_Suchen zwei Kinder nach Brücken,_

_Wo sonst nur Grenze steht._

Plötzlich hörten wir schwere Schritte auf dem Kiesweg. Jemand rief nach mir – es war mein Vater. Schnell sprang ich zurück, versteckte das Gedichtheft im Mantel und warf noch einen letzten Blick zu Miss Abigail, die mir einen aufmunternden Zwinker schenkte.

Auf dem Heimweg hämmerte mein Herz. Ich war ertappt worden, aber nicht von den Erwachsenen. Noch lag unser Geheimnis sicher im Nebel, doch ich wusste, dass der Herbst dunkler und aufregender werden würde als je zuvor.

In der dunklen Kammer vor dem Einschlafen schrieb ich ein neues Gedicht, diesmal an mich selbst:

_Ein Schritt, ein Blick, ein leises Wort,_

_Der Anfang einer Reise._

_Hinter Masken, hinterm Zaun,_

_Wächst eine neue Weise._

Draußen raunte der Wind, als würde er alle meine Verse mit sich tragen – zu der Fremden mit dem Kürbislicht, meiner ersten echten Freundin. Und in diesem Traum, den niemand sehen durfte, leuchtete Hoffnung wie eine Kerze im Nebel.

Doch tief in mir ahnte ich schon: Das war erst der Anfang. Etwas lauerte im Dunkel, etwas, das größer war als ein verbotenes Gedicht oder ein gestohlener Blick. Aber ich hatte mich entschieden: Ich würde dem Geheimnis folgen, egal wohin es führte.

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