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Chapter 3

Die Stunde der Entscheidung

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Der Wind riss an meiner nassen Jacke, peitschte mir Regentropfen wie winzige Nadelstiche über die brennende Schramme an der Wange. Unter meinen Füßen vibrierte das Blech der Galerie. Jeder Atemzug schmeckte nach altem Rost und dem ozonartigen Geruch des nahen Senders, der mit einem leisen, steten Summen gegen das Rauschen der Baumkronen anarbeitete.

Vogel glaubte, er hätte das letzte Wort behalten. Er stand unten im Schutz des Vordachs, verborgen vor den Sturmböen, flankiert von Helfrich und den Männern der Stiftung, und wähnte mich in derselben Hilflosigkeit, in der er mich seit Wochen vermutet hatte: eine Studentin, deren Idealismus an der Grausamkeit der realen Macht zerschellt war.

Ich lehnte mich über die rostige Brüstung, gerade weit genug, dass mein Gesicht im fahlen Streulicht der Hofscheinwerfer zu sehen war. Ich zwang meine Stimme zu einem Zittern, ließ sie brechen, so wie er es von einer verängstigten, erschöpften Frau nach einer Hetzjagd erwartete.

„Ich habe die Papyri nicht vernichtet!“, schrie ich gegen das Tosen des Sturms hinab. „Aber Sie belügen mich, Herr Vogel! Sie und Helfrich, Sie wollen sie verbrennen, sobald Sie wissen, wo sie liegen!“

Unten trat Vogel einen Schritt vor. Im Lichtkegel des Geländewagens wirkte seine Gestalt schmal, beinahe unscheinbar in dem durchweichten Lodenmantel, doch ich sah nun die Kälte, die seine Züge beherrschte. Er senkte das Megafon ein Stück, sprach mit erhobener, durchdringender Stimme: „Niemand verbrennt diese Dokumente, Mara! Sie sind das Vermächtnis meines Blutes! Helfrich weiß, dass die alte Ordnung am Ende ist. Wir brauchen die Originale, um die Deutungshoheit zu behalten – nicht, um sie zu vernichten! Seien Sie nicht töricht!“

„Dann beweisen Sie es!“, rief ich zurück. Meine Finger krampften sich um den nassen Handlauf, während mein linker Fuß bereits tastend nach der Kabelführung hinter dem Senderkasten suchte. „Ich gebe Ihnen die Plakette und die Drucknummer des Rohrs. Aber nicht Helfrichs Schlägern! Sie gehen allein hinunter in das Versorgungsnetz. Ohne Begleitung. Sie holen das Bündel selbst aus der Fernwärmeableitung, und erst wenn Sie mit den Papyri wieder hier oben stehen, gebe ich Ihnen den Generalschlüssel für Arnheims Koffer in Leiden!“

Eine quälende Pause entstand. Unten beugte sich Helfrich zu Vogel, flüsterte ihm hastig ins Ohr, fuchtelte mit der Hand in Richtung der Kuppel. Helfrich traute mir nicht. Aber Vogel – Vogel war ein Besessener. Er trug den Namen Arnheim nicht als Last, sondern als Krone, die er endlich einfordern wollte. Die Aussicht, die kostbaren alexandrinischen Rollen eigenhändig aus dem Versteck zu bergen, war der Köder, den sein Ego nicht ausschlagen konnte.

„Einverstanden!“, rief Vogel schließlich nach oben. Er wandte sich zu Helfrich um, stieß dessen warnende Hand beiseite. „Ich kenne das alte Leitungsnetz besser als Ihre Leute, Matthias. Das Ventil erfordert Fingerspitzengefühl, sonst beschädigt der Restdampf das Pergament. Bleiben Sie hier und sichern Sie die Zugänge!“

Ich sah, wie Vogel zum Torbogen der alten Sternwarte eilte, hinein in den Tunnelzugang, der ihn mindestens fünfzehn Minuten lang im unterirdischen Gewölbe binden würde. Seine Gier nach der Trophäe hatte ihn blind gemacht.

Kaum war sein Rücken im finsteren Portal verschwunden, zog ich den Kopf ein und ließ mich auf die Knie fallen.

Das Zittern in meiner Stimme war verschwunden; an seine Stelle trat eine eisige, schneidende Konzentration. Ich wandte mich dem Richtfunkmast zu. Der Kasten der Notstromversorgung war mit vier verrosteten Flügelschrauben gesichert. Mit tauben, klammen Fingern drehte ich die erste los, riss mir dabei die Haut am Daumen auf, doch der Schmerz verging im Rausch des Adrenalins. Die zweite. Die dritte.

Die Abdeckung schepperte auf das Gitterrost.

Dahinter lag das Herzstück des Senders: Reihen aus Kondensatoren, flackernde Relais und die dicke, armdicke Hauptspeiseleitung, die hoch zur Satellitenschüssel auf der Kuppelspitze führte. Die grüne Lampe blinkte noch immer gleichmäßig. Der Sender war scharf. Wenn ich jetzt die Cloud-Dateien hochlud, würde das Signal ungefiltert an die Empfängerstationen der Presseagenturen gehen – genau so, wie Vogel es vorausgesagt hatte.

Aber ich hatte begriffen, was Vogel unten zu Helfrich gesagt hatte: Wenn wir die Papyri vernichten, bleibt ihre Cloud-Kopie wertlos – digitales Rauschen.

Sie wollten, dass ich sende. Sie wollten, dass eine hysterische Studentin unvollständige Scans ins Netz blies, damit die Stiftung mit ihren gekauften Gutachtern, ihren Verbindungen zur Bundespolizei und ihren Stiftungsräten die These am nächsten Morgen als absurde Fälschung und Cyber-Angriff einer Einzeltäterin brandmarken konnte. Sie wollten das Narrativ kontrollieren, bevor die Welt überhaupt die Chance hatte, die physischen Beweise zu wiegen. Sie brauchten meinen unbedachten Funkschlag, um die Brandmauer zu errichten.

Ich zog mein Smartphone aus der Jackentasche. Der Bildschirm war nass, aber funktionsfähig. Ich öffnete nicht die Sendesoftware. Stattdessen tippte ich auf das Bluetooth-Interface, koppelte das Gerät direkt mit dem Frequenzmodulator des Sternwarten-Transmitters und rief das interne Steuerprotokoll auf.

Es ging nicht darum, eine Botschaft zu senden. Es ging darum, ihnen die Waffe aus der Hand zu schlagen.

Ich griff nach dem schweren Schraubenschlüssel, den ich im Bund meiner Hose mitgeschleppt hatte, und keilte ihn zwischen die Hochspannungsspule und die Erdungsstange des Masts. Gleichzeitig tippte ich den Befehl zur Notabschaltung der Frequenzweichen ein, übersteuerte die thermische Sicherung und sperrte den Zugriff mit einem lokalen Notfallcode, den Arnheim in seiner Akte von 1904 handschriftlich als Deaktivierungssequenz für die alte Sternwarten-Telegrafie hinterlassen hatte.

Ein greller, bläulicher Funkenregen zischte mir ins Gesicht. Ein beißender Gestank nach verbranntem Kupfer und geschmolzenem Bakelit stieg auf, gefolgt von einem tiefen, vibrierenden Krachen tief im Inneren des Schaltkastens.

Die grüne Kontrollleuchte erlosch mit einem matten Flackern. Stattdessen heulte eine rote Warn-LED auf, und das Summen der Antenne brach wie ein gerissener Faden ab.

Die Funkanlage war tot. Die Frequenzen waren überlastet, die Platine verschmolzen zu einem Klumpen aus zähem Plastik und Ruß. Weder die Stiftung noch die Universitätsleitung konnten dieses Signal in den nächsten achtundvierzig Stunden nutzen, um ein Dementi zu lancieren oder meine gehackten Cloud-Daten abzufangen. Ich hatte den Äther gekappt.

„Was geschieht da oben?!“, brüllte Helfrich von unten.

Ein Schuss peitschte durch die Dunkelheit. Das Projektil riss ein Stück aus dem Blechdach direkt über meinem Kopf. Unten rannten die zwei bewaffneten Söldner auf den Fuß der Notleiter zu. Sie hatten den Funkenflug gesehen; sie wussten, dass etwas schiefgelaufen war.

„Sie sabotiert die Anlage! Holt sie da runter!“, schrie der Dekan mit einer Stimme, die sich vor Wut überschlug.

Ich zögerte keine Sekunde länger. Ich wandte mich von der zerstörten Antenne ab und trat an den gähnenden Schlund des Lastenaufzugschachts.

Die Plattform hing etwa drei Meter unter mir an vier verrosteten Stahlseilen. Dahinter führte der Schacht senkrecht in die Tiefe des Hügels – direkt in den stillgelegten Vorkriegstunnel, der die Sternwarte einst mit dem Hauptbahnhof und den preußischen Gütergleisen verbunden hatte.

Ich steckte das Smartphone und den Bartschlüssel tief in meine Innentasche, zog die Riemen meines Rucksacks fest an den Schultern und sprang.

Der Aufprall auf den nassen Holzbohlen der Plattform raubte mir den Atem. Das morsche Holz ächzte bedrohlich unter meinem Gewicht, verrostete Ketten schlugen metallisch gegen die Ziegelwände des Schachts. Ich fing mich auf allen vieren ab, schürfte mir die Knie auf, doch ich blieb nicht liegen. Neben der Plattform hing das alte Hanfbremsseil der mechanischen Winde.

Mit dem Schraubenschlüssel schlug ich mit aller Wucht gegen den Sperrhaken des Gegengewichts.

Ein metallisches Bersten hallte durch den Schacht. Die Plattform sackte schlagartig nach unten weg.

Die Welt um mich her verwandelte sich in einen Rausch aus fallender Schwärze, ziehender Kälte und dem Pfeifen des Fahrtwinds. Ich krallte mich an die eisernen Seitenstreben der Plattform, während das Gegengewicht polternd an mir vorbeiraste. Zwanzig Meter. Dreißig Meter tief in das Fundament des Berges.

Ein dumpfes Krachen, das Knirschen von morschem Holz und rostigem Stahl – die Plattform schlug auf den Prellböcken am Schachtboden auf.

Die Wucht des Aufpralls schleuderte mich seitlich in einen Haufen aus feuchtem Grubensand und altem Bauschutt. Ich rollte mich ab, hustete den aufgewirbelten Staub aus und blieb einen Moment reglos liegen. Meine Rippen schmerzten, jeder Muskel schrie nach Ruhe, aber meine Knochen waren heil.

Über mir, meilenweit entfernt an der Mündung des Schachts, drangen gedämpfte Rufe und der ferne Schein von Taschenlampen in die Dunkelheit, doch sie waren noch weit oben. Ich hatte Zeit.

Ich richtete mich auf und tastete nach meinem Rucksack. Die Umgebung war ein alter, gemauerter Kellerraum, der als Verladestation für die Bahnlinie gedient haben musste. In einer Ecke stand eine verrostete Kiste, deren Deckel aufgebrochen war. Aus dem Inneren ragte ein ledergebundener Band hervor – das Tagebuch, von dem Arnheim in seinen Notizen gesprochen hatte.

Ich riss das Tagebuch aus den zersplitterten Holzlatten der Kiste. Das alte Leder fühlte sich überraschend trocken und geschmeidig an, beinahe warm gegen meine von Kälte tauben Finger. Ohne eine Sekunde zu vergeuden, schob ich den schweren Band tief in meinen Rucksack, direkt neben das verbotene Buch „Die verborgenen Stämme“ und die Fotografien der Akte von 1904. Der Reißverschluss schloss mit einem scharfen, metallischen Zirpen. Mein Puls hämmerte gegen meine Schläfen wie ein zweites Herz.

Die Schritte im Tunnel wurden deutlicher. Kein vorsichtiges Schleichen, sondern das rhythmische Klacken schwerer Stiefel auf Schotter und verrotteten Schwellen, begleitet vom fernen, metallischen Anschlagen einer Waffe gegen eine Koppelschnalle. Jemand kannte diesen unterirdischen Strang. Helfrichs Leute hatten nicht bloß den Schacht belagert; sie hatten den Fluchtweg von der Talseite her abgesichert.

Mein Handyakku stand bei vier Prozent. Das kalte Licht der LED zitterte im feuchten Dunst des Gewölbes. Wenn das Telefon starb, war ich blind in einem Labyrinth begraben, das seit achtzig Jahren auf keinem offiziellen Katasterplan mehr verzeichnet war.

An der Klinkerwand, halb verborgen unter herabhängendem Salpeter und rostigen Halteklammern, entdeckte ich eine Reihe alter Pechfackeln in eisernen Wandringen – Überbleibsel der preußischen Bahnbau-Pioniere oder vielleicht von Arnheims eigenen geheimen Grabungen in diesem Berg. Das geteerte Sackleinen an der Spitze war steinhart, roch aber nach altem Harz und Terpentin. Ich griff nach der mittleren Fackel, riss sie mit einem Ruck aus der Fassung und zog mein Sturmfeuerzeug aus der Hosentasche.

Das Rad kratzte über den Zündstein. Funken stoben. Nach drei vergeblichen Versuchen fing das Pech mit einem leisen Fauchen Feuer.

Rußiger, gelber Schein fraß sich durch das Dunkel, drängte die Schatten zurück und enthüllte die monumentale Wölbung des Tunnels. Der Rauch biss in meinen Augen und kratzte in meiner Kehle, doch die Flamme lebte, heiß und beständig, gespeist von uraltem Teer. Ich schaltete das Smartphone aus, sparte die letzten Reserven für den Notfall und nahm die Fackel in die linke Hand. In der Rechten hielt ich den Bartschlüssel so umklammert, dass der eiserne Bart wie ein Schlagring zwischen meinen Knöcheln hervorstand.

Ich wandte mich nach Westen. Vor mir erstreckten sich die überwucherten Gleise in die Schwärze. Zwischen den Schienen hatten sich Pfützen aus öligem Wasser gesammelt, auf denen der Widerschein meiner Fackel wie flüssiges Kupfer tanzte. Ich lief los. Nicht im vollen Sprint – das Risiko, auf den schmierigen, bemoosten Schwellen auszurutschen und mir den Knöchel zu brechen, war zu hoch –, sondern in langen, federnden Schritten, jeden Tritt bedacht setzend.

„Dort vorn! Da brennt Licht!“, hallte ein gedämpfter Ruf hinter mir durch die Röhre.

Die Akustik des Tunnels verzerrte die Stimme, warf sie wie ein Echo hin und her, sodass ich die Distanz kaum schätzen konnte. Zweihundert Meter vielleicht. Höchstens dreihundert. Das Echo verriet aber auch den Verfolgern meine Richtung.

Ich beschleunigte meinen Schritt, ignorierte das brennende Stechen in meinen gequetschten Rippen. Mein Blick flog über die Wände. In regelmäßigen Abständen passierte ich alte Nischen, Ausbuchtungen für Streckenwärter, überwuchert von blassem Pilzgeflecht.

Während ich rannte, arbeitete mein Verstand fieberhaft an den Zeilen, die ich gerade erst gelesen hatte. „Die Bundeslade des Wissens ruht nicht im Orient und nicht am Nil... Hügelgräber der Illinois-Konföderation.“

Vogel hatte mich glauben lassen, es ginge um ein bloßes Schriftstück, um theokratische Unterjochung, um ein zynisches Machtinstrument einer levantinischen Priesterkaste. Er hatte versucht, mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen, indem er meine Faszination für eine vergessene Verbrüderung in den Schmutz zog. Aber Arnheims eigenes Tagebuch sprach eine völlig andere Sprache. Arnheim hatte nicht von Unterwerfung geschrieben, sondern vom Bündnis. Von einer bewussten Evakuierung des Wissens über den Ozean, getragen von Seefahrern, die das Erbe Judas und Ägyptens mit den indigenen Kulturen verschmolzen hatten, lange bevor Rom existierte oder die europäische Geschichtsschreibung ihren Alleinvertretungsanspruch zementierte.

Vogel hatte nicht die Wahrheit offenbart; er hatte mir eine vergiftete Halbwahrheit serviert, um meinen Willen zu brechen. Er wollte, dass ich resignierte. Dass ich die Suche aufgab, weil das Ideal zerbrach.

Nicht mit mir.

Vor mir gabelte sich der Tunnel. Die linke Röhre war halb von herabgestürztem Deckengewölbe verschüttet, dorniges Wurzelwerk hing wie Vorhänge aus der Decke. Die rechte Röhre stieg leicht an, und ein spürbarer, eiskalter Luftzug strich mir entgegen – feucht, nach nassem Laub und faulendem Schilf riechend. Das Tal. Der westliche Stadtrand.

Hinter mir hallte ein Schuss.

Das Projektil pfiff weit über meinem Kopf durch das Gewölbe und schlug mit einem trockenen Peitschen in den Ziegelbogen der Abzweigung. Ein Schreckschuss, abgefeuert aus vollem Lauf. Sie waren näher gekommen, doch der Winkel der Kurve nahm ihnen das direkte Schussfeld.

Ich warf mich in die rechte Röhre. Das Gleisbett endete hier abrupt, abgelöst von grobem Schotter und schlammigem Lehmboden, in den meine Stiefel tief einsanken. Ich riss die Fackel hoch, duckte mich unter einem herabhängenden Eisengitter hindurch und sah endlich das Ziel.

Keine fünfzig Meter entfernt zeichnete sich eine Öffnung gegen die Nacht ab: das verfallene Westportal der Bahnlinie, überwuchert von dichtem Efeu und Brombeergestrüpp, durch dessen Ranken das fahle Licht einer fernen Landstraßenlaterne schimmerte.

Ich erreichte das Portal, rammte die brennende Fackel mit der Glut voran in das feuchte Brombeerdickicht, um die Spuren meines Lichts hinter mir zu ersticken, und brach durch das Gestrüpp ins Freie.

Der Regen schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht, kalt und reinigend. Ich stand auf einer schlammigen Böschung oberhalb der Bundesstraße, die nach Westen, in Richtung der niederländischen Grenze führte. Hinter mir lag die Universitätsstadt, deren Lichtermeer matt unter der Wolkendecke glomm; vor mir lag die endlose, schwarze Weite der bewaldeten Hügel.

Unten an der Landstraße, keine hundert Meter von der Brücke entfernt, stand ein alter, unbeleuchteter Kleintransporter auf dem Standstreifen, die Warnblinkanlage ausgeschaltet, aber mit laufendem Motor, dessen Auspuffgase weiß in die Kälte dampften. Auf der Fahrertür prangte ein verwaschenes Logo einer regionalen Forstverwaltung.

Gleichzeitig hörte ich aus dem Tunnelportal hinter mir das Knacken von Stiefeln auf morschem Holz. Sie waren am Ausgang.

Ich glitt die schlammige Böschung hinab, verbarg mich im Schatten der Leitplanke. Mein Blick wanderte zwischen dem wartenden Fahrzeug und dem dichten Wald auf der anderen Straßenseite hin und her. Ich wusste nicht, ob der Wagen eine Fluchtchance bot oder ein weiterer Hinterhalt der Stiftung war – doch zu Fuß über die offene Fahrbahn zu rennen, bedeutete, im Scheinwerferlicht der nächsten Streife zu landen.

Ich zog die Riemen meines Rucksacks stramm, strich mit den Fingern über das im Futter verborgene Tagebuch von 1904 und traf meine Wahl.

Das Wasser lief mir eiskalt über den Nacken, sickerte unter den Kragen meiner durchnässten Jacke und brannte in den frischen Schrammen an meinen Wangen. Ich rührte mich nicht. Ich presste mich flach gegen das feuchte Erdreich der Böschung, dicht unterhalb des überwucherten Tunnelbogens.

Der Gestank von feuchtem Lehm, faulem Laub und dem scharfen, erstickten Pech der Fackel füllte meine Lungen. Jeder Atemzug tat in den geprellten Rippen weh, aber ich zwang meine Atmung in einen lautlosen, flachen Rhythmus. Meine Finger der rechten Hand schlossen sich so fest um den massiven Schaft von Arnheims Bartschlüssel, dass die Kanten des getriebenen Eisens schmerzhaft in meine Handfläche schnitten. Die beiden gezackten Zähne des Bartes ragten wie die Spitzen eines Schlagrings zwischen Zeige- und Mittelfinger hervor. Kaltes, hundertzwanzig Jahre altes Metall – das einzige Werkzeug, das mir geblieben war.

Hinter mir im Tunnelgewölbe knirschten Steine.

Zwei Männer. Nicht mehr. Der dritte war entweder beim Kesselkollaps verletzt worden oder sicherte oben an der Sternwarte den Rückweg für Helfrich und Vogel.

„Sie hat die Fackel hier reingedrückt“, flüsterte eine raue, heisere Stimme kaum drei Meter über mir. Das dumpfe Rascheln von reißendem Brombeergestrüpp folgte. „Das Zeug qualmt noch. Sie muss hier runtergerutscht sein. Vorsicht am Abhang.“

„Keine Schüsse mehr zur Straße hin“, zischte der zweite, dessen Atem schwer und rasselnd ging – der Mann, der vorhin den kochenden Dampf im Keller abbekommen hatte. „Wenn die Landespolizei aufmerksam wird, haben wir Erklärungsnot. Greif sie dir einfach. Der Boss will das Tagebuch und die Koordinaten des Rohrs.“

Ich wartete. Mein Herz hämmerte wie eine Turbine gegen die Innenseite meiner Rippen, doch mein Kopf war klar, beinahe unheimlich ruhig. Sie wussten immer noch nicht, dass ich das Tagebuch von 1904 im Rucksack trug. Sie glaubten, ich hätte bloß meine Flucht fortgesetzt. Sie hielten mich für eine panische Studentin auf den Knien.

Der erste Mann schob sich rückwärts durch die dornigen Ranken, um an der steilen Kante Halt zu suchen. Seine schwere, taktische Stiefelsohle tastete nach dem lehmigen Absatz – genau dort, wo die Böschung nachgab. Seine Waffe hielt er gesenkt in der Rechten, während seine linke Hand nach einem freiliegenden Wurzelstrang griff.

Das war mein Moment.

Ich stieß mich mit beiden Beinen aus der Hocke ab. Ich schrie nicht; ich sparte jede Unze Kraft für den Aufprall.

Mit dem vollen Schwung meines Körpers rammte ich meine Schulter gegen die Kniekehle seines Standbeins. Ein hässliches Knacken ertönte, als sein Gelenk nachgab. Der Mann stieß einen erstickten Fluch aus, verlor das Gleichgewicht und kippte vornüber in den Schlamm.

Bevor er den Lauf seiner Waffe herumreißen konnte, rammte ich meine geschlossene Faust mit dem hervorstehenden Bartschlüssel gegen sein rechtes Handgelenk.

Der eiserne Bart traf den Knochen mit dumpfer Wucht. Ein spitzer Schrei entfuhr ihm, seine Finger sprangen krampfartig auf, und die Pistole glitt mit einem leisen Klatschen in den tiefen Straßengraben. Ich setzte sofort nach, schlug mit der flachen Kante des Schlüssels gegen die Schläfe des Mannes. Sein Kopf schlug hart gegen einen verrosteten Eisenpfahl der alten Begrenzung, seine Augen verdrehten sich, und sein Körper sackte schwer und reglos in den Schlamm.

„Kowalski?!“, gellte die Stimme des zweiten Verfolgers von oben.

Der Lichtkegel einer taktischen Lampe riss die Schwärze auf, blendete mich für einen Herzschlag. Der zweite Mann sprang ohne Rücksicht auf die Dornen durch das Gestrüpp herab, die Faust bereits erhoben, um mich mit bloßen Händen zu packen. Seine Wangen waren von Brandblasen übersät, seine Augen brannten vor Wut.

Er war schwerer als ich, trainiert auf Nahkampf, und die Wucht seines Sprungs warf mich rücklings in die nasse Böschung.

Mir blieb die Luft weg. Schlamm spritzte mir in den Mund. Seine Finger schlossen sich wie Schraubzwingen um meine Kehle, drückten mir die Luftröhre zu. Ich sah den geifernden Hass in seinen Augen, roch den beißenden Geruch von verbranntem Stoff und versengter Haut.

„Kleine Bestie...“, röchelte er und verlagerte sein ganzes Gewicht auf meine Brust.

Mein Sichtfeld begann sich am Rand schwarz zu färben. Die Kälte des Bodens schien mich hinabzuziehen. Doch meine rechte Hand war frei.

Ich holte nicht weit aus. Ich trieb die gezackte Spitze von Arnheims Schlüssel mit einer kurzen, verzweifelten Drehung von unten herauf – genau in das freiliegende Gewebe seines verbrannten Oberschenkels, wo die Diensthose durch den Dampf zerrissen war.

Der Mann brüllte auf. Ein unmenschlicher Laut des Schmerzes zerriss die Nacht.

Sein Griff um meinen Hals lockerte sich für den Bruchteil einer Sekunde. Ich riss die Knie an, trat mit den mit Schlamm verkrusteten Stiefeln gegen seinen verletzten Oberschenkel und warf ihn mit einer rollenden Bewegung zur Seite.

Er landete schwer auf dem Rücken, stöhnte auf und griff nach seiner Wunde. Bevor er sich wieder aufrichten konnte, stand ich auf den Beinen, keuchend, zitternd, den Schlüssel erhoben.

Doch der Mann dachte nicht mehr ans Kämpfen. Er kroch rücklings durch den Graben, starrte mich mit ungläubigem Entsetzen an, während das Blut durch seine zerrissene Hose sickerte.

„Du... du weißt nicht, was du tust“, keuchte er, während er sich mühsam an der Betonmauer des Kanals abstützte. „Helfrich und Vogel... sie sind nicht allein. Die Stiftung hat das ganze Tal riegeln lassen. Du kommst hier nicht lebend raus.“

„Ich bin schon draußen“, presste ich heiser hervor. Meine Stimme klang fremd, tief und rau von dem Druck auf meinem Hals.

Ich bückte mich nicht nach seiner verlorenen Waffe im Morast; eine Schusswaffe in meinen Händen hätte jede Polizeikontrolle in ein Todesurteil verwandelt. Stattdessen griff ich nach dem Funkgerät an seiner Schulterklappe, riss es mit einem Ruck ab und trat mit dem Stiefelabsatz auf das Gehäuse, bis die Plastikschale mit einem hässlichen Splittern zersprang.

Stille senkte sich über den Bahndamm. Nur das Rauschen des Regens auf dem Asphalt und das monotone Brummen des unbeleuchteten Forsttransporters drunten an der Leitplanke blieben übrig.

Ich atmete schwer ein, spuckte den schlammigen Geschmack aus und strich mir das nasse Haar aus der Stirn. Meine Knöchel schmerzten höllisch, das Eisen in meiner Hand war warm von Blut und Anstrengung. Doch die Verfolger aus dem Tunnel waren ausgeschaltet. Der Vorsprung, den ich mir erkämpft hatte, gehörte mir allein.

Ich glitt vorsichtig die letzten Meter der Böschung hinab, bis meine Sohlen auf den harten, nassen Teer der Landstraße trafen.

Mein Blick fixierte den Transporter.

Die Fahrertür war einen Spaltbreit angelehnt. Der weiße Dampf aus dem Auspuff stieg gleichmäßig in die kalte Nachtluft. Kein Scheinwerfer brannte, keine Warnblinker. Aber im matten Schein des Armaturenbretts sah ich den Umriss einer Gestalt am Steuer – reglos, geduldig wartend.

War das Helfrichs Reserve? Ein weiterer Handlanger der Stiftung, der den Ausgang der alten Bahnstrecke überwachen sollte?

Ich trat an die Fahrertür heran, den Bartschlüssel schlagbereit im Ärmel verborgen, und riss die Tür mit der Linken auf.

„Keine Bewegung!“, zischte ich.

Die Gestalt im Fahrersitz zuckte nicht zusammen. Es war eine ältere Frau mit kurz geschorenem grauem Haar, gekleidet in eine dunkle Öljacke. Ihre Hände lagen ruhig auf dem Lenkrad. Ihr Gesicht war schmal, von tiefen Furchen durchzogen, und auf ihrer Nase saß eine randlose Lesebrille, die im schwachen Licht der Instrumente glänzte.

Auf dem Beifahrersitz lag kein Gewehr. Dort lag eine aufgeschlagene topografische Karte der Grenzregion – und ein vergilbter Durchschlag jenes Schreibens von 1903, das ich vor wenigen Stunden im Dekanat auf Helfrichs Tisch geschlagen hatte.

Die Frau wandte langsam den Kopf und sah mich an. Ihre Augen waren hell, wachsam und völlig furchtlos.

„Sie haben sich Zeit gelassen, Mara“, sagte sie mit einer ruhigen, fast beiläufigen Stimme, die keinen Hauch von Panik verriet. „Ich habe den Sender auf dem Hügel sterben sehen. Gute Arbeit. Das verschafft uns etwa vierzig Minuten, bevor die regionalen Leitstellen begreifen, dass es kein technischer Defekt war.“

Ich wich einen halben Schritt zurück, das Herz bis zum Hals pochend. „Wer sind Sie? Für wen arbeiten Sie? Für Vogel?“

Ein bitteres, fast unsichtbares Lächeln zuckte über ihre Lippen.

„Adrian Vogel hat die Ideale seines Großonkels für einen Sitz im Kuratorium der Stiftung verkauft. Ich arbeite für niemanden, der Lehrstühle verwaltet. Mein Name ist Dr. Helene Vane. Ich war Arnheims letzte Assistentin, bevor sie ihn aus der Fakultät prügelten – und ich bin diejenige, die die Leidener Daten vor zwanzig Jahren aus den Archiven geholt hat, bevor Vogel sie in die Hände bekam.“

Sie deutete mit einem Nicken auf den leeren Beifahrersitz.

„Steigen Sie ein. Oder glauben Sie, Sie schaffen es zu Fuß durch die Wälder, während die Bundespolizei nach einer bewaffneten Einzeltäterin sucht?“

Ich riss die Beifahrertür auf und glitt auf den abgewetzten Kunstledersitz. Die Tür zog ich mit einem dumpfen Schlag ins Schloss, ohne den Blick von ihren Händen abzuwenden. Den schweren Bartschlüssel hielt ich weiter in meiner Manteltasche fest umklammert, den gezackten Bart nach vorn gerichtet. Meine Kleidung tropfte, der Schlamm von der Böschung sickerte auf die Gummimatte im Fußraum, und jeder Atemzug brannte in meiner geprellten Kehle.

Dr. Helene Vane trat wortlos auf die Kupplung, legte den Gang ein und ließ den Transporter ohne Scheinwerferlicht anrollen. Erst als wir die erste Kurve im Schutze der dichten Fichtenwälder passiert hatten, schaltete sie das gelbliche Abblendlicht ein. Der Scheibenwischer quietschte rhythmisch über die zerkratzte Windschutzscheibe.

„Sie zittern, Mara“, sagte sie trocken. Ihr Blick galt der regennassen Landstraße. „In der Mittelkonsole liegt eine Decke. Die Heizung braucht fünf Minuten.“

„Sparen Sie sich die Fürsorge“, erwiderte ich heiser. Mein Puls hämmerte gegen die Schläfen. „Wenn Sie Arnheims Assistentin waren, müssten Sie heute weit über hundert Jahre alt sein. Aurelius von Arnheim verlor seine Lehrbefugnis neunzehnhundertvier. Seine Akte liegt in meinem Rucksack. Ich kenne jedes Datum.“

Ein leises Glucksen entrang sich ihrer Kehle. Sie nahm die Kurve mit routinierter Ruhe, steuerte den Wagen auf eine schmale, unbefestigte Forststraße, die tief in die grenznahen Hügel führte.

„Sie lesen genau. Das schätze ich“, sagte sie, während sie kurz zu mir herübersah. „Ich sprach nicht von neunzehnhundertvier. Aurelius von Arnheim lebte nach seinem Ausschluss fast vierzig Jahre im Verborgenen. Er starb neunzehnhundertsechsundvierzig in einem Bauernhaus nahe der niederländischen Grenze. Ich war eine blutjunge Studentin, als ich ihm in seinen letzten beiden Lebensjahren half, die Nachlässe zu katalogisieren. Matthias Helfrich – der Großvater unseres amtierenden Dekans – hat dafür gesorgt, dass Arnheim offiziell als vermisst und geistig umnachtet galt. Eine bewährte Methode, unbequeme Geister aus den Matrikeln zu tilgen.“

Ich lehnte mich nicht an. Meine Muskeln blieben angespannt wie Drahtseile.

„Eine rührende Geschichte. Aber Sie wussten, an welchem Schacht ich herauskommen würde. Sie hatten den Durchschlag von neunzehnhundertdrei bereitliegen. Und Sie sprachen von den Leidener Daten, als wären sie Ihr persönlicher Besitz. Vogel behauptete vor einer halben Stunde oben im Kuppelsaal, er besitze die niederländischen Rollen bereits. Er hatte eine versiegelte Lederkassette mit dem Leidener Wappen auf dem Tisch.“

Ich beobachtete ihr Profil im fahlen Licht der Instrumente. Keine Regung, kein nervöses Zucken der Mundwinkel.

„Adrian Vogel besitzt ein Duplikat“, antwortete sie ohne Zögern. „Eine von Matthias Helfrich persönlich redigierte Abschrift, angefertigt neunzehnhundertfünfzehn. Eine Abschrift, aus der jeder Hinweis auf die präkolumbianischen DNA-Marker und die levantinisch-nubische Allianz getilgt wurde. Helfrichs Familie brauchte eine Version, die sie kontrollieren konnte. Ein Konstrukt, das die These einer rein theokratischen Unterjochung stützt – eine bequeme Erzählung, um jeden Gedanken an eine organische Verbrüderung oder gar an afrikanische Ursprünge der Germanen als bloße Tyrannei abzutun.“

Sie trat das Gaspedal tiefer durch. Der Wagen holperte über verrottetes Geäst.

„Warum sollte ich Ihnen glauben?“, hakte ich nach, die Stimme scharf wie Glas. „Vogel hat mich mit denselben Argumenten gelockt. Er gab sich als A. aus. Er sprach von der Wahrheit, von Arnheims Vermächtnis, während er mich nur als Werkzeug benutzte, um die Originalpapyri aus der Registratur zu zerren. Für wen arbeiten Sie wirklich, Frau Vane? Wer finanziert diesen Wagen, wer bezahlt Ihr Wissen?“

Vane lachte kurz auf, doch der Tonfall war bitter.

„Niemand bezahlt mich, Mädchen. Ich habe vierzig Jahre lang an einem Provinzgymnasium Geschichte und Französisch unterrichtet, um unter dem Radar des Kuratoriums zu bleiben. Die sogenannte Stiftung – die 'Societas Borealis' – ist kein Geheimbund mit Kapuzen und Dolchen. Sie ist ein Geflecht aus Industriellen, Ministerialbeamten und Universitätskuratorien. Gegründet im späten Kaiserreich, um die Mär von der arischen Ur-Reinheit wissenschaftlich zu untermauern. Sie haben Arnheims Funde nicht vernichtet, weil sie fürchteten, er habe unrecht. Sie haben sie weggeschlossen, weil seine Grabungen bewiesen, dass die germanischen Fürstengräber im Harz und die Mound-Builder-Monumente am Mississippi denselben genetischen und rituellen Fingerabdruck tragen: das Erbe der Priesterkönige aus Kemet und Juda, vertrieben durch die assyrische und babylonische Expansion.“

Sie schaltete herunter, steuerte den Transporter auf eine bewaldete Anhöhe. Durch die Bäume sah man tief unten im Tal die Lichter der Autobahn, auf der in diesem Moment blaue Signallichter blinkten – Helfrichs Straßensperren wurden aufgebaut.

„Aber Vogel hat Ihnen etwas verschwiegen, nicht wahr?“, fuhr Vane fort, und ihre Stimme verlor jede Kühle, wurde drängend. „Er hat Ihnen nicht gesagt, warum Arnheim neunzehnhundertvier die Flucht ergriff, anstatt seine Entdeckungen vor der Akademie zu verteidigen.“

Mein Griff um den Bartschlüssel in der Tasche lockerte sich um keinen Millimeter. „Er wurde mundtot gemacht. Helfrichs Großvater drohte ihm mit Hochverrat.“

„Das war der offizielle Vorwand“, sagte Vane und bremste den Wagen vor einer verfallenen Holzscheune mitten im Forst ab. Sie schaltete den Motor aus. Plötzliche, lastende Stille umfing uns, nur das Prasseln der Regentropfen auf das Wagendach blieb. Sie drehte sich ganz zu mir um, zog die Brille von der Nase und fixierte mich mit einem Blick, der mich

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