Chapter 3
Die verborgene Spur
Fräulein Vera grübelt über die Herkunft der Geschichten im alten Buch und darüber, wie sich die Stämme im Dorf und anderswo durch Täuschung entfremden. Während Minna voller Eifer das Fest vorbereitet, hört Vera Christian und Pascal über merkwürdige Unterschiede in alten Überlieferungen sprechen. Vera entdeckt einen rätselhaften Hinweis im alten Buch, der andeutet, dass auch ihr eigenes Volk einst ein Teil einer großen, vergessenen Familie war. Während die Kinder beim Schmücken zusammenhelfen und Miss Abigail ein altes Lied anstimmt, bleibt Vera mit einer neuen, aufregenden Frage zurück: Was, wenn in ihrer Geschichte mehr verborgen liegt, als das Dorf ahnt?
Das goldene Licht der Sonne tanzte auf den Löwenzahn-Girlanden, die Minna geschickt über den Dorfbrunnen schlang. Ich, Fräulein Vera, hielt noch immer Miss Abigails Buch in der Hand, während mein Kopf von all den geheimnisvollen Gedanken surrte.
Christian trat näher, gefolgt von Pascal. „Vera, hast du schon vom alten Lied gehört? Dem, das von unserem Ursprung erzählt?“, fragte Christian, während seine Stimme leicht zitterte, als hätte er selbst Mühe, an Geschichten zu glauben. Pascal schob sich die lockigen Haare aus der Stirn. „Ich hab gehört, früher waren wir alle Teil eines einzigen großen Stamms. Sogar die Ägypter und die Leute aus dem Süden. Doch dann... kam die Trennung.“
Ich blinzelte verwundert. „Meint ihr, das steht auch in diesem Buch? Oder sind das nur Märchen?“
Miss Abigail schritt mit leichtem Schritt zu uns. Sie hatte den Dorfplatz im Blick, ließ dann aber ihren sanften Blick auf mir ruhen. „Die alten Bücher erzählen oft in Rätseln. Aber manchmal finden sich darin Spuren, die tiefer reichen als bloße Geschichten.“
Minna rief uns heran. „Kommt, helft mir! Die Girlanden sind zu schwer für mich allein.“ Emil Hartmann und Karl standen schon bereit, jeder mit einem Strauß bunter Blumen in der Hand. Gemeinsam banden wir die bunten Bänder und flüsterten uns dabei kleine Scherze zu.
Während wir arbeiteten, erzählte Christian weiter, was er von seinem Vater gehört hatte: „Es gibt ein Gerücht, dass die Menschen hier im Dorf eigentlich von weit her stammen – von ganz alten Völkern, aus dem Osten und Süden. Manche sagen, sogar von Abraham und Isaak!“ Pascal nickte aufgeregt. „Und aus Ägypten kamen auch viele. Vielleicht waren unsere Ahnen sogar mit den Israeliten verwandt.“
Ich schlug das Buch auf, meine Finger zitterten ein wenig. Auf einer Seite entdeckte ich eine eingeritzte Feder, so fein, dass sie leicht übersehen werden konnte. Daneben stand ein uraltes Zeichen, das ich nicht verstand – oder war es eine Spur, wie Miss Abigail sagte? Ein Hauch von Entdeckung kitzelte mein Herz.
Miss Abigail stimmte plötzlich ein leises Lied an, das die Kinder nach und nach aufgriffen. Die Melodie schwebte über den Platz und mischte sich mit dem Duft der ersten Frühlingsblumen. Für einen Moment schien es, als wäre unser kleines Dorf mit all den alten Geschichten und Liedern Teil von etwas viel Größerem, das hinter den Hügeln und Wäldern lauerte.
Ich blickte zu den anderen. In ihren Augen spiegelte sich Neugier und ein vorsichtiges Staunen. Vielleicht waren die alten Geschichten mehr als nur Worte. Vielleicht verband sie uns auf unsichtbare Weise – und vielleicht gab es noch viele Spuren zu entdecken, wenn wir nur den Mut hatten, Fragen zu stellen.
Als wir das letzte Band befestigt hatten und der Dorfplatz in hellem Glanz erstrahlte, wusste ich: Unser Fest würde heute mehr sein als nur ein Spiel. Es war der Anfang einer neuen Suche – nach der Wahrheit, die in jedem von uns schlummerte. Noch lange, nachdem die Sonne untergegangen war, blieb mir eine Frage im Herzen: Was, wenn wir längst Teil einer viel größeren Geschichte waren, als wir ahnten?