Chapter 2
Das Geheimnis der alten Lehre
Fräulein Vera sucht Miss Abigail auf, um mehr über deren altes Buch zu erfahren, während im Dorf die Idee eines Festes diskutiert wird. Miss Abigail erzählt Vera von den alten Mysterien der Ägypter und der Vorstellung, dass der menschliche Geist mehr ist als Besitz oder Streit. Vera beginnt zu begreifen, dass das wahre Problem im Dorf tiefer liegt – vielleicht ist die Unruhe in den Herzen der Menschen selbst verborgen. Das Kapitel endet mit der neugierigen Frage, ob Vera und die anderen Kinder den Menschen helfen können, ihre geistigen Fesseln zu lösen.
Die Luft im Dorf war noch feucht vom Morgentau, als ich, Fräulein Vera, vorsichtig um das schiefe Holztor schlich. Miss Abigail stand immer noch an derselben Stelle, das Buch fest umklammert. Meine Füße kribbelten, nicht nur vom kalten Gras, sondern auch vor Aufregung. Ich wollte endlich wissen, was es mit diesem geheimnisvollen Buch auf sich hatte.
„Miss Abigail?“, fragte ich leise und hoffte, sie würde nicht schimpfen, dass ich sie störte. Sie drehte sich zu mir um, ihre Augen schimmerten freundlich hinter den feinen Falten ihres Gesichts.
„Komm nur, Vera. Neugier ist nichts Schlechtes, solange das Herz offen bleibt.“
Ermutigt setzte ich mich neben sie. „Was steht in Ihrem Buch? Sind es Geschichten von früher?“
Miss Abigail betrachtete den Einband nachdenklich. „Es sind Geschichten, aber keine, wie du sie aus dem Dorf kennst. Hier geht es um den Geist der Menschen – um das, was uns verbindet und manchmal auch trennt.“
Ich runzelte die Stirn. „So wie Emil sagt, dass keiner mehr richtig zuhört?“
Sie nickte. „Genau. Weißt du, Vera, die Leute denken oft, dass Streit immer von außen kommt – von anderen Stämmen, vom Hunger, vom Krieg. Aber die alten Ägypter kannten ein Geheimnis: Sie glaubten, der Körper sei nur ein Gefängnis für die Seele. Erst wenn jemand Kunst und Wissen sucht, kann die Seele frei werden.“
Ich überlegte eine Weile. In meinem Kopf tauchten Bilder auf: Tänzer mit goldenen Masken, Kinder, die Lieder singen, Maler, die Sonnenstrahlen auf Leinen bannen. Vielleicht, dachte ich, waren die Menschen damals gar nicht so anders als wir heute.
Miss Abigail blätterte vorsichtig durch die Seiten. „Die griechischen Philosophen lernten viel von den Ägyptern, aber sie gaben ihr Wissen weiter. Sie fragten immer: Was ist ein gutes Leben? Wie können wir zusammenleben, ohne uns gegenseitig zu verletzen?“
In diesem Moment hörte ich fröhliches Rufen vom Platz. Minna hatte angefangen, Girlanden aus Löwenzahn zu flechten und rief die anderen Kinder herbei. Emil und Karl standen etwas abseits, doch sie beobachteten Minna heimlich – vielleicht fanden auch sie das bunte Treiben tröstlich.
Ich spürte, dass ich etwas verstanden hatte, auch wenn ich es nicht ganz beschreiben konnte. Der Streit im Dorf war nicht nur ein Streit um Gegenstände oder wer am meisten besitzt. Es war ein Streit im Inneren, ein Ringen des Geistes.
„Was können wir tun?“, fragte ich leise.
Miss Abigail lächelte. „Manchmal reicht es, einen Anfang zu machen. Zu reden, zuzuhören – und zu feiern, wie Minna es vorgeschlagen hat. Vielleicht lösen sich die Fesseln im Kopf ein wenig, wenn wir daran glauben, dass wir mehr sind als unsere Sorgen.“
Meine Finger spielten unbewusst mit einem Löwenzahn. Ich wusste noch nicht, wie wir die Herzen im Dorf leichter machen konnten. Aber ich beschloss, Minna zu helfen und beim Fest mitzumachen. Vielleicht lag in kleinen Dingen das größte Geheimnis.
Die Sonne stand höher, tauchte das Dorf in warmes Licht, und ich fragte mich, was wohl noch in Miss Abigails Buch verborgen war – und ob unser kleines Fest die erste Seite einer neuen Geschichte werden könnte.