Chapter 2
Kapitel 2: Das Abendessen der Erkenntnisse
Elara erzählt beim Abendessen von ihrer Vision. Die Gruppe diskutiert die Bedeutung und macht erste Tests mit Elaras Fähigkeiten. Dabei entdeckt Kai eine Spur zu einem illegalen Handel mit geistigem Gut, was die Gruppe in eine gefährliche Richtung führt.
Lenas Stimme hallte noch im Treppenhaus nach, als Elara sich langsam von der Zeitmaschine löste. Ihre Fingerkuppen kribbelten, als hätte sie statische Elektrizität gestreichelt. Der Kristall in der offenen Klappe schimmerte jetzt in einem sanften Blau, wie das Auge einer zufriedenen Katze.
„Kai! Besorg uns den guten Tee!“, rief Lena noch einmal, diesmal lauter. Aus dem ersten Stock antwortete ein genervtes Poltern, gefolgt von einem leisen „Ich hab’s gehört!“.
Elara strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und versuchte, die Fragmente der Vision zu ordnen. Sie hatte sich selbst gesehen – älter, mit silbernen Strähnen, in einem Raum voller Monitore. Und diese Worte: „Du wirst noch mehr verlieren, bevor du es verstehst.“
„Komm“, sagte Lena und winkte sie aus dem Zimmer. „Lass uns in die Küche gehen, bevor Kai den Tee anbrennen lässt. Das wäre eine Tragödie – er hat den aus Japan importiert, und er spricht seit drei Wochen davon, als wäre es sein erstgeborenes Kind.“
Die Küche war das Herz des Hauses, das wurde sofort klar. Ein großer Holztisch stand in der Mitte, umgeben von Stühlen, die alle unterschiedlich aussahen – einer war gepolstert mit einem Stoff, der aussah wie eine Sternkarte, einer war aus hellem Buchenholz und quietschte beim kleinsten Windhauch. An den Wänden hingen Töpfe und Pfannen in verschiedenen Größen, und auf der Arbeitsplatte stand eine Kaffeemaschine, die so kompliziert aussah, dass Elara instinktiv einen Schritt zurückwich.
„Setz dich“, sagte Lena und deutete auf einen Stuhl mit einem Kissen, das die Form eines Oktopus hatte. „Der Professor kommt gleich. Er riecht immer, wenn es Abendessen gibt. Ich glaube, er hat einen sechsten Sinn dafür, oder vielleicht ist es nur der Paprika.“
Elara setzte sich und ließ den Blick schweifen. In der Ecke stand ein Bücherregal, das bis zur Decke reichte und vollgestopft war mit Bänden, deren Titel sie nicht lesen konnte – einige waren in Sprachen geschrieben, die sie noch nie gesehen hatte. Daneben hing ein Kalender, auf dem jemand mit roter Tinte „Traumvision-Session“ und „Zeitsprung-Test“ notiert hatte, dazwischen aber auch „Müll rausbringen“ und „Kai daran erinnern, dass er keine Socken in der Mikrowelle trocknen darf“.
Kai kam herein, eine Teekanne in der Hand, die aussah, als könnte sie in einem Museum stehen. Er stellte sie auf den Tisch und setzte sich mit einer Würde, die völlig fehl am Platz wirkte, wenn man bedachte, dass sein T-Shirt die Aufschrift „Ich bin nur wegen der Zeitreise hier“ trug.
„Also“, sagte er und goss Tee in eine Tasse, die er Elara hinschob. „Erzähl uns von deiner Vision. Aber fass die Tasse nicht an, solange sie heiß ist. Wir wollen keine zweite Zeitverschiebung.“
Elara nahm einen Schluck – der Tee war perfekt, mit einer leichten Note von Jasmin und etwas, das nach Honig schmeckte, obwohl keiner drin war. Sie stellte die Tasse ab und begann zu erzählen: von dem Tunnel aus Licht und Schatten, von der Stimme, die ihre eigene war, von dem Bild ihrer selbst in dem Raum voller Monitore. Und von dem Satz, der sich wie ein Splitter in ihr Gedächtnis gebohrt hatte.
„Du wirst noch mehr verlieren, bevor du es verstehst.“
Die drei anderen tauschten Blicke aus. Der Professor, der in diesem Moment hereinkam, als hätte er auf sein Stichwort gewartet, setzte sich ans Kopfende des Tisches und strich sich über das graue Kinn. „Das ist bemerkenswert“, sagte er. „Normalerweise dauert es Monate, bis jemand eine klare Vision hat. Du hattest sie beim ersten Kontakt. Das spricht für eine starke Verbindung.“
„Oder dafür, dass ich versehentlich den Kristall falsch berührt habe“, sagte Elara. „Ich hab‘ schon mal einen Toaster in Brand gesetzt, nur durch Anschauen.“
Lena lachte. „Toaster sind einfach. Das hier ist anders. Du hast etwas gesehen, das noch nicht passiert ist – oder etwas, das passieren könnte. Die Frage ist: Was hast du verloren, bevor du es verstanden hast? Oder was wirst du verlieren?“
Kai zog ein Notizbuch aus der Tasche und begann zu schreiben. „Die Vision könnte eine Warnung sein. Oder eine Prophezeiung. In den alten Aufzeichnungen über Traumvisionen gibt es Fälle, in denen Menschen ihre eigene Zukunft gesehen haben – aber selten so klar. Normalerweise sind es nur Bruchstücke, Farben, Emotionen. Du hast ein ganzes Bild gesehen, mit Details.“
„Und was bedeutet das?“, fragte Elara.
„Es bedeutet“, sagte der Professor langsam, „dass deine Verbindung zur Maschine tiefer ist als bei uns anderen. Vielleicht sogar tiefer als bei Lena. Und das wirft Fragen auf: Warum gerade du? Warum jetzt?“
Er sah sie mit einem Blick an, der durchdringend war, aber nicht unangenehm. „Hast du in deiner Kindheit irgendetwas Ungewöhnliches erlebt? Träume, die wahr geworden sind? Momente, in denen du wusstest, was als Nächstes passiert?“
Elara dachte nach. „Meine Mutter hat immer gesagt, ich hätte eine zu lebhafte Fantasie. Als Kind habe ich manchmal Dinge gesehen, die nicht da waren – Schatten, die sich bewegten, Stimmen, die ich nicht zuordnen konnte. Aber das hat jeder, oder?“
„Nicht jeder“, sagte Lena leise. Ihre Narbe über der Augenbraue zuckte, als ob sie sich an etwas erinnerte. „Ich habe auch solche Dinge erlebt. Bevor ich hierherkam. Es hat gedauert, bis ich verstanden habe, dass es keine Einbildung war.“
Es wurde still. Der Tee dampfte in der Kanne, und draußen begann die Dämmerung den Garten in Orange und Violett zu tauchen. Elara spürte, wie sich eine unsichtbare Verbindung zwischen ihnen spannte – etwas, das tiefer ging als nur WG-Gespräche über Mülltrennung und Putzpläne.
„Ich denke“, sagte der Professor und stand auf, „wir sollten morgen früh einen richtigen Test machen. Kai, du bereitest die Instrumente vor. Lena, du sorgst dafür, dass Elara ausgeschlafen ist. Kein Koffein nach acht, keine aufregenden Filme, und vor allem: keine Berührung der Maschine ohne Aufsicht.“
Er zeigte auf Elara. „Du gehst jetzt ins Bett. Dein Gehirn muss die Eindrücke verarbeiten, und das passiert am besten im Schlaf. Träume sind für uns nicht nur Träume – sie sind Fenster. Und ich möchte nicht, dass du in ein Fenster fällst, bevor wir bereit sind.“
Elara nickte, obwohl ihr Magen protestierte – sie hatte noch nichts gegessen, und der Duft von Paprika zog durch die Küche. Aber sie war zu müde, um zu diskutieren. Sie stand auf, verabschiedete sich mit einem schwachen Lächeln und ging die Treppe hoch zu ihrem Zimmer.
Das Bett war weich, die Kissen rochen nach Lavendel. Sie legte sich hin und starrte an die Decke, wo der Riss immer noch von der Lampe zur Ecke führte. Ihre Gedanken kreisten: die Vision, die Worte, das Gefühl von etwas, das sich in ihr regte wie ein Tier, das aus dem Winterschlaf erwachte.
Irgendwann schlief sie ein.
Sie träumte von einem Marktplatz, auf dem Menschen in Umhängen Gedanken in Gläsern verkauften. Jeder Gedanke leuchtete in einer anderen Farbe: golden für Freude, grau für Trauer, rot für Wut. Ein Händler mit gelben Zähnen hielt ihr ein grünes Glas hin. „Das hier ist dein erster Gedanke an diesen Ort“, sagte er. „Kauf ihn zurück, bevor jemand anders ihn nimmt.“
Sie wollte antworten, aber ihre Stimme war weg. Stattdessen drehte sie sich um und sah Kai, der zwischen den Ständen stand und etwas in ein Notizbuch schrieb. Sein Lächeln war anders als im Wachzustand – schärfer, berechnender. Er sah auf und nickte ihr zu, als ob er sie erwartet hätte.
Dann wachte sie auf.
Der Mond schien durch das Fenster, und das Haus war still. Nur ein leises Summen drang durch die Wände, tief und gleichmäßig wie ein Herzschlag. Elara setzte sich auf und rieb sich die Augen. Ihr Kopf fühlte sich schwer an, aber klar – als hätte der Traum etwas sortiert, das vorher durcheinander war.
Sie stand auf und ging leise zur Tür. Der Flur lag im Dunkeln, nur am Ende brannte eine kleine Lampe, die einen schwachen Lichtkreis auf den Boden warf. Sie spähte die Treppe hinunter – niemand da. Aber aus dem „Jetzt-Zimmer“ drang ein gedämpftes Gespräch.
Sie schlich näher. Die Tür war geschlossen, aber nicht ganz. Durch den Spalt sah sie Lena und den Professor, die vor der Zeitmaschine standen. Lena hielt den Kristall in der Hand, der jetzt hellrot leuchtete wie eine Glut.
„Sie ist stärker als ich“, sagte Lena leise. „Das Ding hat sich unter ihrer Berührung verändert. Die Frequenzen sind anders – höher. Ich kann sie nicht mehr kontrollieren.“
Der Professor nahm ihr den Kristall ab und drehte ihn im Licht. „Das ist genau, was ich erwartet habe. Elara ist der Schlüssel. Aber wir müssen vorsichtig sein. Wenn Kai erfährt, was sie wirklich kann –“
„Wenn Kai erfährt, was sie kann, wird er sie benutzen“, unterbrach Lena. „Du weißt, dass er Kontakte hat. Leute, die für solche Fähigkeiten viel zahlen.“
Ein Schauer lief Elara über den Rücken. Sie trat einen Schritt zurück – und trat auf eine knarrende Diele. Das Geräusch war laut wie ein Schuss in der Stille.
Lena und der Professor fuhren herum. Elara erstarrte.
„Elara“, sagte der Professor mit einer Ruhe, die nicht ganz echt klang. „Du solltest schlafen.“
„Ich – ich konnte nicht. Ich habe geträumt. Von einem Markt, auf dem Gedanken verkauft werden. Und Kai war da.“
Lena und der Professor tauschten einen Blick. Dann seufzte Lena. „Setz dich. Es wird Zeit, dass du die ganze Geschichte erfährst.“
Sie führten Elara in die Küche, setzten Tee auf – diesmal einen Kräutertee, der nach Minze und etwas Unbekanntem roch – und begannen zu erzählen. Von dem illegalen Handel mit geistigem Gut, von Organisationen, die Menschen mit besonderen Fähigkeiten jagten, um ihre Träume und Erinnerungen zu extrahieren und auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Von Kais Verbindungen, die sie schon länger beobachteten.
„Er weiß nicht, dass wir Bescheid wissen“, sagte Lena. „Wir lassen ihn in dem Glauben, dass er uns kontrollieren kann. Vorerst. Aber deine Ankunft hat alles verändert. Wenn er merkt, wie stark du bist, wird er handeln.“
Elara spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Sie hatte gerade erst angefangen, sich in dieser seltsamen WG zurechtzufinden, und jetzt das: Verrat, Gefahr, eine Zukunft, die sie nicht kannte.
„Was soll ich tun?“, fragte sie leise.
Der Professor legte eine Hand auf ihre Schulter. „Morgen machen wir den Test. Wir zeigen dir, wie du deine Fähigkeiten kontrollieren kannst. Und dann – dann entscheiden wir, wie wir mit Kai umgehen. Aber eines verspreche ich dir: Du bist nicht allein. Wir sind die Besonderen im Eizkreis, und wir halten zusammen.“
Elara nickte, obwohl ihr Herz klopfte. Sie wusste nicht, was der nächste Tag bringen würde, aber sie wusste eines: Sie würde kämpfen. Nicht nur für sich selbst, sondern für das, was diese Gruppe bedeutete – eine Familie, die sie nie gehabt hatte.
Als sie wieder in ihrem Bett lag, hörte sie das Summen der Maschine, das jetzt vertraut klang. Und in der Ferne, ganz leise, hörte sie eine Stimme – ihre eigene, aber älter, die flüsterte: „Du bist bereit.“