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Chapter 1

Kapitel 1: Die Ankunft

Elara Vance zieht in eine ungewöhnliche WG in der Eizstraße und lernt ihre neuen Mitbewohner kennen: den exzentrischen Professor Alistair Finch, die direkte Künstlerin Lena Petrova und den analytischen Softwareentwickler Kai Sharma. Sie erfährt von der selbstgebauten Zeitmaschine und den Fähigkeiten der Gruppe. Bei einer unachtsamen Berührung des Geräts erlebt sie eine Vision, die andeutet, dass sie eine tiefere Verbindung zu der Maschine hat, als sie ahnt.

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Die Eizstraße 7 war kein Gebäude, das man einfach übersah. Es stand da wie ein verstaubter Gedanke, den jemand vergessen hatte zu Ende zu denken – eine viktorianische Fassade mit einem himmelblauen Briefkasten, der aussah, als hätte er einmal einer Telefonzelle gehört, und einem Türklopfer in Form eines goldenen Zirkels. Elara Vance umklammerte den Griff ihres Koffers und fragte sich zum dritten Mal, ob die WG-Anzeige nicht vielleicht ein schlechter Scherz gewesen war.

„Neugierige Mitbewohnerin mit offenem Geist gesucht“, hatte es geheißen. „Keine Angst vor dem Unerklärlichen. Miete: 400 Euro warm.“ Der letzte Satz hatte den Ausschlag gegeben. Bei den Preisen in dieser Stadt war selbst eine WG mit einem Hauch von Esoterik ein Schnäppchen.

Sie atmete tief durch, hob den Zirkel und ließ ihn dreimal gegen das Holz fallen. Es klang nicht wie ein Klopfen, sondern wie ein Gong, der in einer leeren Kathedrale nachhallte. Elara zuckte zurück. Die Tür öffnete sich, noch bevor der Klang verklungen war.

Vor ihr stand ein Mann, der aussah, als wäre er direkt aus einem viktorianischen Kupferstich entsprungen: grauer Tweed-Anzug, Fliege mit winzigen Sternen, silbergraues Haar, das in alle Richtungen abstand. Seine Augen musterten sie mit einer Mischung aus Neugier und Belustigung.

„Miss Vance, nehme ich an? Pünktlich. Eine gute Eigenschaft, die Zeit ist ein unberechenbarer Tanzpartner, aber sie respektiert Pünktlichkeit.“ Seine Stimme klang wie warmer Tee mit einem Schuss Honig.

Elara nickte unsicher. „Professor Finch? Die Anzeige – äh, ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich –“

„Unsicherheit ist der erste Schritt zur Erkenntnis“, unterbrach er und trat zur Seite. „Treten Sie ein. Lassen Sie das Gepäck ruhig stehen, Kai wird es später nach oben bringen. Er liebt es, Dinge zu tragen, sagt, es ordne seine Gedanken.“

Sie trat über die Schwelle und betrat einen Flur, der größer wirkte, als das Haus von außen vermuten ließ. Die Wände waren in einem warmen Ockerton gestrichen, bedeckt mit Bildern – nicht gemalt, dachte Elara, sondern irgendwie gedruckt, aber die Farben schimmerten, als wären sie flüssig. Ein Kronleuchter aus altem Glas warf Lichtpunkte auf den Holzboden.

„Das ist also das Wohnzimmer“, sagte der Professor und deutete auf eine Tür links. „Oder der Raum, in dem wir uns versammeln. Ich nenne ihn gern das ‚Jetzt-Zimmer‘, weil er selten länger als eine Stunde im selben Zustand bleibt. Aber das werden Sie noch lernen.“

Elara folgte ihm und betrat einen Raum, der aussah wie eine Mischung aus Antiquariat, Techniklabor und gemütlichem Wohnzimmer. Ein riesiger Esstisch aus Eichenholz stand in der Mitte, bedeckt mit Büchern, lose Blättern und einer Teekanne, die aussah, als hätte sie seit 1920 keine Reinigung gesehen. In der Ecke summte ein Gerät, das sie nicht einordnen konnte – es bestand aus Kupferrohren, Glasbehältern und einer Tastatur, die an einen altmodischen Computer erinnerte, aber viel zu viele Tasten hatte.

„Das ist sie“, sagte eine Stimme von der Couch. „Die Neue. Sieht aus, als hätte sie ihren Kaffee noch nicht gefunden.“

Elara drehte sich um und sah eine junge Frau mit kurz geschnittenen roten Haaren, die auf der Couch lag, die Beine über die Armlehne gehängt. Sie trug ein schwarzes T-Shirt mit einem Aufdruck, der aussah wie ein digitales Chaos, und hatte eine Narbe über der linken Augenbraue, die ihr einen leicht herausfordernden Ausdruck verlieh.

„Lena“, sagte der Professor knapp. „Sei nett. Miss Vance ist unsere neue Mitbewohnerin und vielleicht mehr.“

„Vielleicht mehr“, wiederholte Lena und setzte sich auf. „Hört sich an wie eine Drohung. Oder ein Versprechen. Komm her, setz dich. Ich beiße nicht. Nur manchmal in die Realität.“

Elara ließ sich vorsichtig auf die Kante eines Sessels nieder. „Ihre Anzeige war etwas – vage. Was genau ist diese WG? Studiert ihr alle? Arbeitet ihr? Ich meine, der Professor erwähnte etwas über Zeit –“

„Zeitreisen, Traumvisionen, Parallelwelten“, zählte Lena auf, als würde sie eine Einkaufsliste vorlesen. „Und ab und zu ein illegaler Handel mit geistigem Gut, aber das ist eher Kais Abteilung.“

„Ich handle nicht illegal“, sagte eine ruhige Stimme von der Tür. Elara blickte auf und sah einen schlanken Mann mit dunklen Locken und einer Brille, der ihren Koffer trug, als wäre er eine Feder. „Ich analysiere lediglich die Märkte. Ob meine Erkenntnisse dann in Grauzonen landen, ist nicht meine Verantwortung.“

„Kai, der Moralapostel“, grinste Lena. „Stell den Koffer ab und setz dich. Die Neue muss aufgeklärt werden.“

Kai stellte den Koffer neben die Tür, nahm Platz auf einem Hocker und musterte Elara mit einem nachdenklichen Lächeln. „Willkommen in der Eizstraße 7. Du wirst dich wundern, wie schnell das Normale hier absurd wird. Und dann wieder normal. Es ist ein Kreislauf.“

Elara schluckte. „Okay. Also – Zeitreisen. Wie funktioniert das? Habt ihr eine TARDIS im Keller?“

Der Professor lachte leise. „Nein, nein. Die TARDIS ist Fiktion. Wir haben etwas Bodenständigeres, aber nicht weniger Erstaunliches.“ Er ging hinüber zu dem seltsamen Gerät in der Ecke und legte eine Hand darauf. „Das hier ist meine bescheidene Zeitmaschine. Sie erzeugt keine physischen Reisen – noch nicht. Aber sie ermöglicht es uns, durch die Strömungen der Zeit zu gleiten, sie zu beobachten, und manchmal – mit viel Übung – in die Vergangenheit oder Zukunft zu schauen. Oder in parallele Welten, in denen Gedanken und Träume wie Währungen gehandelt werden.“

Elara starrte das Gerät an. Es sah aus, als hätte jemand eine Kaffeemaschine mit einem Oszilloskop gekreuzt und dann mit Dampfrohren verziert. „Und das funktioniert? Wirklich?“

„Willst du eine Vorführung?“, fragte Lena. Sie stand auf und ging zum Gerät. „Pass auf. Kai, denk an etwas.“

Kai seufzte. „Muss das sein? Letztes Mal hast du meine Gedanken mit einem Bild von einer tanzenden Gurke überlagert.“

„Das war Kunst.“

„Es war abscheulich.“

„Exakt.“ Lena legte ihre Hand auf eine der Glasbehälter. „Konzentrier dich. Ich schalte mich ein.“

Elara sah zu, wie sich das Licht im Behälter veränderte – von klar zu milchig, dann zu einem tiefen Blau. Auf der Tastatur begannen Buchstaben zu leuchten, und plötzlich erschien über dem Gerät ein flimmerndes Bild: eine Ansicht von der Spitze eines Berges, mit einem Sonnenuntergang, der wie geschmolzenes Gold aussah.

„Das ist der Mont Blanc, vor drei Jahren“, sagte Lena. „Kai war im Urlaub. Ich habe den Moment aus seinem Gedächtnis gezogen.“

Elara blinzelte. „Das ist – unglaublich. Aber wie ist das möglich? Das ist keine Technologie, die ich kenne.“

„Es ist eine Kombination aus Quantenphysik und etwas, das wir noch nicht vollständig verstehen“, erklärte der Professor. „Die Maschine verstärkt die natürlichen Fähigkeiten des Gehirns, die Zeit anders wahrzunehmen. Manche Menschen haben von Natur aus eine stärkere Verbindung dazu. Lena, zum Beispiel, kann Traumvisionen anderer lesen. Kai analysiert die Datenströme. Ich selbst – nun, ich baue die Maschinen und halte alles zusammen.“

„Und ich?“, fragte Elara. „Warum habt ihr mich ausgewählt? Die Anzeige war ganz allgemein gehalten.“

Die drei tauschten Blicke aus. Der Professor räusperte sich. „Weil wir jemanden brauchen, der noch nicht voreingenommen ist. Jemanden mit einem offenen Geist, der bereit ist, das Unmögliche zu akzeptieren. Und –“ Er zögerte. „– weil die Maschine auf deine Ankunft reagiert hat. Als du die Adresse eingegeben hast, um die Anzeige zu finden, gab es eine Resonanz. Ein Zeichen, wenn man so will.“

Elara fühlte ein Kribbeln im Nacken. „Ein Zeichen wofür? Dass ich eine Tasse Tee vergessen habe?“

Lena lachte. „Gefällt mir. Sarkasmus ist eine Überlebensfähigkeit in dieser WG. Aber nein, es bedeutet, dass du vielleicht mehr kannst, als du denkst. Der Professor hat eine Theorie, dass manche Menschen eine tiefere Verbindung zur Maschine haben. Bisher war ich die Einzige, die sie wirklich bedienen konnte. Kai sieht nur die Zahlen. Der Professor versteht die Theorie, aber er kann sie nicht nutzen. Vielleicht bist du die Nächste.“

„Das klingt nach einer Menge Druck für eine Kunstgeschichte-Studentin, die gerade ihre Kündigungsfrist für die alte Wohnung verpasst hat.“

„Du studierst Kunstgeschichte?“, fragte Kai und richtete seine Brille. „Interessant. Die Art, wie du die Bilder im Flur angesehen hast – du hast die Schichtungen bemerkt, oder? Die unterschiedlichen Zeiten in den Pigmenten.“

Elara runzelte die Stirn. „Ich dachte, das wäre einfach nur – alte Farbe.“

„Nichts ist einfach nur Farbe in diesem Haus“, sagte der Professor leise. „Komm, ich zeige dir dein Zimmer. Du wirst Zeit brauchen, dich einzuleben.“

Er führte sie die Treppe hinauf, die knarrte wie eine alte Katze. Ihr Zimmer war klein, aber gemütlich, mit einem Fenster, das auf einen wilden Garten blickte, in dem ein Springbrunnen stand, der aussah, als hätte er schon bessere Tage gesehen. Ein Bett, ein Schreibtisch, ein Bücherregal. An der Wand hing ein Spiegel, dessen Rahmen aus Silberfäden geflochten war.

„Das Bad ist am Ende des Flurs“, sagte der Professor. „Abendessen um sieben. Lena kocht donnerstags, und donnerstags gibt es immer etwas mit Paprika. Sie schwört darauf. Ich empfehle, nicht zu fragen, warum.“

Er drehte sich um, um zu gehen, dann hielt er inne. „Ach, und Elara? Falls du nachts Stimmen hörst oder das Gefühl hast, dass dein Bett sich bewegt – das ist normal. Meistens. Wenn es rot leuchtet, ruf einfach laut nach Kai. Er weiß, was zu tun ist.“

Bevor sie antworten konnte, war er verschwunden.

Sie ließ sich aufs Bett fallen und starrte an die Decke, in der sich ein feiner Riss von der Lampe bis zur Ecke zog. Also Zeitreisen. Traumvisionen. Eine WG, die sich „die Besonderen im Eizkreis“ nannte – was für ein Name. Es klang wie eine schlechte Band oder ein Zirkus für übersinnliche Kleintiere. Aber sie war hier, sie hatte keine andere Wohnung, und irgendetwas an dem Professor und den anderen fühlte sich seltsam richtig an. Als hätte sie einen Schritt in eine Welt gemacht, die sie schon immer gesucht hatte, ohne es zu wissen.

Sie stand auf und beschloss, das Haus ein wenig zu erkunden. Vielleicht gab es einen Garten, in dem sie ihren Kopf freibekam.

Auf dem Weg nach unten kam sie am „Jetzt-Zimmer“ vorbei. Die Tür stand einen Spalt offen. Sie spähte hinein – niemand da. Aber das Gerät in der Ecke summte leise, und die Glasbehälter leuchteten in einem sanften Grün. Ohne nachzudenken, trat sie ein und näherte sich der Maschine.

Sie sah aus wie ein Kunstwerk aus einer anderen Zeit. Die Kupferrohre waren mit feinen Rillen versehen, die aussahen wie Schriftzeichen. Eine kleine Klappe aus Glas war geöffnet, und darin lag ein Kristall, der in allen Farben schimmerte. Vorsichtig streckte Elara die Hand aus und berührte ihn.

Ein Schlag – nicht elektrisch, sondern etwas anderes, ein Puls, der durch ihren Arm jagte und sich in ihrer Brust entlud. Die Welt um sie herum verschwamm. Der Raum wurde zu einem Tunnel aus Licht und Schatten, und sie hörte eine Stimme – ihre eigene Stimme – die etwas flüsterte, aber sie konnte die Worte nicht verstehen. Dann sah sie ein Bild: sich selbst, aber älter, mit silbernen Strähnen im Haar, wie sie in einem Raum voller Monitore saß und lächelte. Das Lächeln war traurig.

„Du hast es gefunden“, sagte die ältere Elara. „Aber du wirst noch mehr verlieren, bevor du es verstehst.“

Die Vision riss ab. Elara taumelte zurück und stieß gegen den Tisch. Die Tasse fiel um und ergoss sich über ein Buch.

„Hoppla“, sagte eine Stimme hinter ihr. Lena lehnte im Türrahmen, die Arme verschränkt. „Hat der Professor dir nicht gesagt, dass man die Maschine nicht ungefragt anfasst? Na ja, jetzt weißt du es. Und? Was hast du gesehen?“

Elara atmete schwer. „Ich – ich habe mich gesehen. Älter. Sie hat etwas gesagt. Über Verlust.“

Lena pfiff leise durch die Zähne. „Stark. Das war mehr als eine einfache Resonanz. Du hast eine ganze Vision bekommen. Bisher hat das nur der Professor geschafft, und er hat dafür Jahre gebraucht. Willkommen im Club, Neue. Du bist offiziell eine von den Besonderen.“

Elara starrte auf ihre Hände. Sie zitterten leicht. Aber tief in ihr war etwas, das sich richtig anfühlte – als hätte sie endlich einen Schlüssel gefunden, der in ein Schloss passte, von dem sie nicht wusste, dass es existierte.

„Was jetzt?“, fragte sie.

Lena grinste. „Jetzt? Jetzt erzählst du mir beim Abendessen, was genau diese ältere Version von dir gesagt hat. Und dann entscheiden wir, ob wir einen Plan brauchen. Denn Visionen von sich selbst sind selten eine Einladung zum Tee.“

Sie drehte sich um und rief: „Kai! Besorg uns den guten Tee! Die Neue hat gerade die Zeitmaschine geküsst!“

Elara blieb stehen, das Summen der Maschine noch in den Knochen. Draußen begann die Dämmerung, und der Garten warf lange Schatten. Sie wusste nicht, was der morgige Tag bringen würde, aber sie wusste eines: Sie war nicht mehr dieselbe Person, die vor einer Stunde an der Tür geklopft hatte. Und das war vielleicht das Beste, was ihr seit Langem passiert war.

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