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Chapter 3

Kapitel 3

Mara folgt Matthias in sein Arbeitszimmer, wo er die These entwickelt, dass die römische Geschichtsschreibung Europa künstlich von Asien und Afrika trennte, um die Germanen zu täuschen und spätere Kolonialisierung vorzubereiten.

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Mara trat über die Schwelle. Der Flur war schmal und roch nach altem Holz und Büchern. Der Mann – Matthias, wie er sich später vorstellte – ging voraus, seine Schritte leise auf den Dielen. Sie folgte ihm in ein Zimmer, das vollgestopft war mit Regalen. Stapel von Papieren bedeckten den Schreibtisch, dazwischen standen Kerzenhalter und ein vergilbter Globus.

„Setzen Sie sich“, sagte er und deutete auf einen Sessel. Er selbst nahm Platz hinter dem Schreibtisch, seine Hände falteten sich vor ihm auf der Tischplatte. „Sie haben also mein Buch gefunden. Oder besser gesagt, das Buch hat Sie gefunden.“

Mara zog das Buch aus ihrer Tasche und legte es vorsichtig auf den Tisch. „Ich habe viele Fragen.“

Matthias nickte. „Das erwarte ich. Aber zuerst müssen Sie verstehen, worauf Sie sich eingelassen haben. Die Geschichte, die Sie studieren, ist keine harmlose Theorie. Sie bedroht ein Weltbild, das seit Jahrhunderten verteidigt wird.“

Er stand auf und ging zu einem der Regale. Seine Finger glitten über die Buchrücken, bis er einen dünnen Band herausgriff. „Die Europäer haben seit dem Altertum versucht zu beweisen, dass alles aus Europa kommt. Dass die Zivilisation hier begann, dass alle großen Ideen hier entstanden sind. Aber das ist eine Lüge.“

Er schlug das Buch auf und legte es vor Mara. Es war eine alte Landkarte, die Europa, Asien und Afrika als eine einzige Landmasse zeigte. „Sehen Sie? Vor der Christianisierung gab es keine klare Trennung. Europa war kein eigener Kontinent, sondern nur ein Anhängsel Asiens. Erst als das Christentum und das Römische Reich sich festigten, begann man, Grenzen zu ziehen. Am Anfang des Mittelalters trennte sich Europa künstlich von Asien. Aus politischen Gründen.“

Mara beugte sich vor. Die Linien auf der Karte waren verblasst, aber die Konturen waren deutlich. „Und die Germanen?“, fragte sie.

„Die Germanen waren ein Dorn im Auge Roms“, sagte Matthias und setzte sich wieder. „Sie ließen sich nicht unterwerfen. Also erfand Rom eine neue Strategie: Sie behaupteten, die Germanen seien Barbaren, unzivilisiert, eine eigene Rasse. So konnten sie die Eroberung rechtfertigen und gleichzeitig die wahren Verbindungen verschleiern.“

Er lehnte sich zurück. „Die Römer wollten die Germanen gewinnen. Sie haben sie getäuscht, ihnen falsche Versprechungen gemacht, sie gegeneinander ausgespielt. Und als das nicht reichte, haben sie die Geschichte umgeschrieben. Die Germanen wurden zu einem isolierten Volk erklärt, ohne Verbindung zu Afrika oder Asien.“

Mara spürte, wie ihre Hände kalt wurden. „Aber die Bücher, die ich gelesen habe... die Verbindungen sind dokumentiert.“

„Ja, von Autoren, die nicht zur etablierten Wissenschaft gehören. Afrikanische Historiker, indigene Gelehrte, Außenseiter. Sie wurden ignoriert, lächerlich gemacht, totgeschwiegen. Weil ihre Erkenntnisse das Fundament der europäischen Überlegenheit erschüttern.“

Matthias stand auf und ging zum Fenster. Draußen zogen Wolken auf. „Man kann sogar behaupten, dass die Kolonialisierung Afrikas und Amerikas von Rom geplant war“, sagte er leise. „Nicht als direkter Befehl, sondern als Muster. Rom schuf die Vorlage: Ein Reich, das sich das Recht nimmt, andere Völker zu unterwerfen, ihre Kultur zu zerstören, ihre Geschichte zu löschen. Die Europäer haben dieses Muster übernommen und perfektioniert.“

Er drehte sich um. Seine Augen waren intensiv. „Verstehen Sie? Die Germanen waren keine Barbaren. Sie waren Teil eines großen Netzwerks von Völkern, das von Afrika über den Nahen Osten bis nach Nordeuropa reichte. Die Römer haben dieses Netzwerk zerrissen, um ihre Macht zu sichern. Und die Geschichtsschreibung hat ihnen geholfen.“

Mara schluckte. „Aber was kann ich tun? Ich bin nur eine Studentin.“

„Sie können die Wahrheit weitertragen. Schreiben Sie Ihre Arbeit. Aber seien Sie vorsichtig. Es gibt Menschen, die diese Erkenntnisse unterdrücken wollen. Nicht aus Bosheit, sondern aus Angst. Die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität, der eigenen Überlegenheit.“

Er trat näher an den Schreibtisch und legte seine Hand auf das Buch. „Ich habe Ihnen diese Dinge gezeigt, weil ich sehe, dass Sie wirklich verstehen wollen. Aber jetzt müssen Sie entscheiden, ob Sie bereit sind, den Preis zu zahlen. Denn sobald Sie diese Tür geöffnet haben, können Sie nicht mehr zurück.“

Mara blickte auf die Karte, auf die Bücher, auf die Notizen, die über den Tisch verstreut waren. Sie dachte an die Worte der afrikanischen Autoren, an die Parallelen zwischen den Kulturen, an die Pfeile auf der Karte, die Verbindungen zeigten, die niemand sehen wollte.

„Ich bin bereit“, sagte sie leise.

Matthias nickte. „Dann kommen Sie. Ich habe noch etwas, das ich Ihnen zeigen muss.“

Er ging zur Tür, öffnete sie und trat hinaus in den Flur. Mara stand auf, ihre Beine waren schwer. Sie nahm ihr Buch und folgte ihm, spürte das Gewicht der Worte, die sie gerade gehört hatte, in ihrem Kopf.

Sie wusste nicht, wohin er sie führte, aber sie wusste, dass es keinen Weg zurück gab.

Im Flur blieb Matthias vor einer schmalen Tür stehen. Er zog einen Schlüssel aus der Tasche und schloss auf. „Hier drinnen ist das, was die Bibliotheken nicht zeigen“, sagte er. „Die Beweise, die nie veröffentlicht wurden.“

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