Chapter 1
Kapitel 1
Lena betritt das Café „Morgentau“, um ihren Freund Tom zu treffen, und erlebt eine schmerzhafte Konfrontation, die sie zwingt, sich ihrer eigenen Gefühle zu stellen.
„Du hast mich angelogen, oder?“
Lena hielt inne, die Hand bereits auf der Klinke der Café-Tür. Die Stimme, die da drinnen klang, war unverkennbar – Tom. Und sie klang scharf, verletzt. Sie drückte die Tür auf, und der Duft von frisch gemahlenem Kaffee und gebackenen Croissants schlug ihr entgegen, vermischt mit einer Spannung, die sie sofort spürte.
Das „Morgentau“ war ihr Ort gewesen. Hier hatte sie vor zwei Jahren, nachdem Kai gestorben war, stundenlang gesessen und in ihren Tee gestarrt, bis die Tassen kalt wurden. Hier hatte sie vergessen, wie man lächelt, wie man vertraut, wie man liebt. Und hier, genau hier, hatte Tom sie vor einem Jahr wieder zum Lachen gebracht.
Doch jetzt stand Tom am Tresen, die Hände zu Fäusten geballt, und vor ihm stand Mira. Ihre beste Freundin. Oder was davon übrig war.
„Es tut mir leid, Tom“, sagte Mira mit einer Stimme, die Lena nie zuvor gehört hatte – klein, zittrig, schuldbewusst. „Es ist einfach passiert.“
„Einfach passiert?“, wiederholte Tom. „Zwei Monate, Mira. Zwei Monate hast du mich hinters Licht geführt. Hinter Lena her.“
Lena blieb stehen, die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Das Geräusch ließ beide aufschrecken. Miras Gesicht wurde bleich. Tom drehte sich um, und in seinen Augen sah Lena etwas, das sie nicht einordnen konnte – Scham, Wut, vielleicht Erleichterung?
„Lena“, sagte er leise. „Ich … ich wollte dir das anders sagen.“
„Anders?“, fragte Lena. Ihre Stimme war ruhiger, als sie sich fühlte. In ihrer Brust war alles taub, wie damals, als sie Kais Sarg hatte zufallen sehen. „Du wolltest es mir anders sagen? Wann? Heute Abend bei einem gemütlichen Dinner? Oder vielleicht nächste Woche, wenn du dich entschieden hast, mit wem du zusammen sein willst?“
Mira machte einen Schritt auf sie zu. „Lena, hör zu. Das war nie geplant. Tom und ich … wir haben nur geredet, am Anfang. Und dann …“
„Hör auf“, unterbrach Lena sie. „Hör einfach auf. Du weißt, was ich durchgemacht habe. Du warst dabei. Du hast gesehen, wie ich mich verloren habe. Und jetzt … jetzt nimmst du mir auch noch das Letzte, was mir geblieben ist.“
Tom schüttelte den Kopf. „Lena, ich bin nicht dein Besitz. Und du … du hast dich nie wirklich auf mich eingelassen. Ich war immer nur der Lückenfüller, oder? Der, der da war, wenn du dich einsam fühltest, aber nie der, den du liebst.“
Seine Worte trafen sie wie ein Schlag. Sie öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus. Denn tief in ihr wusste sie, dass er recht hatte. Sie hatte sich nicht auf ihn eingelassen. Sie hatte Angst gehabt. Angst, wieder so zu lieben, wie sie Kai geliebt hatte – grenzenlos, verletzlich, ohne Schutz.
„Ich muss gehen“, sagte Lena leise. Sie drehte sich um und wollte die Tür öffnen, aber ihre Finger zitterten so sehr, dass sie die Klinke nicht fasste.
„Lena, warte“, rief Tom.
Doch da legte sich eine Hand auf ihre. Eine warme, ruhige Hand. Lena blickte auf und sah einen Mann, der aus der hinteren Ecke des Cafés getreten war. Er war ihr noch nie aufgefallen – groß, dunkle Haare, Augen, die so blau waren wie der Himmel an einem klaren Wintertag. Er hielt die Tür für sie auf und lächelte sanft.
„Sie müssen nicht bleiben, wenn es hier wehtut“, sagte er leise. „Aber manchmal hilft es, einen Schritt zurückzutreten, um zu sehen, was wirklich wichtig ist.“
Lena starrte ihn an. „Wer sind Sie?“
„Nur jemand, der auch schon mal vergessen hat, wie man liebt“, antwortete er. „Und der weiß, dass man es wieder lernen kann. Wenn man bereit ist.“
Er ließ ihre Hand los, trat einen Schritt zurück und verschwand in der Menge auf der Straße, bevor Lena auch nur seinen Namen fragen konnte.
Sie stand auf der Schwelle, die Tür offen, der kalte Wind um ihre Beine. Hinter ihr hörte sie Mira schluchzen und Tom etwas sagen, das sie nicht verstand. Vor ihr lag die Straße, voller Menschen, die alle irgendwohin eilten. Und da war dieser Fremde, der sie durchschaut hatte, ohne ein Wort zu viel.
Lena trat hinaus in den Wind. Sie wusste nicht, wohin sie ging. Aber sie wusste, dass sie nicht zurückkonnte. Nicht zu Tom, nicht zu Mira, nicht in ihr altes Leben. Vielleicht war das der Anfang von etwas Neuem. Oder vielleicht war es nur der nächste Schritt auf einer Reise, die sie nicht verstand.
Sie ging die Straße entlang, die Hände in den Taschen vergraben, und fragte sich, ob sie jemals wieder lernen würde, zu lieben. Und ob sie den Mut hätte, es zu versuchen.