Chapter 4
Der Verräter im Kreis
Janine überlebt einen Angriff und Tony ist erleichtert. Janine versorgt Viktors Schusswunde, während Tony und seine Männer die Situation sichern. Janine behandelt Viktors Wunde und fordert Tony auf, den Schützen zu jagen. Sie betont ihre Partnerschaft und fordert ihn auf zu gehen. Janine erfährt von Lena, dass Ivans Handlanger auf ein Signal aus Tonys Safehouse wartet und ein Verräter in Tonys Kreis ist.
Die Theke splittert über mir, als Dimitris erste Kugel einschlägt.
Ich krieche rückwärts, zwischen Flaschen und Eimern, bis meine Hand einen schweren Champagner kühler findet.
Kalt, metallisch, gefüllt mit Eis und Wasser.
Ich reiße ihn hoch, schütte den Inhalt
in einem Bogen über die Theke.
Das Eis prasselt auf den Boden,
rutscht unter Dimitris Schuhe.
Er verliert für einen Sekundenbruchteil
den Halt – genug.
Tonys Männer nutzen die Ablenkung.
Einer springt vor, packt Dimitris Arm,
reißt ihn nach unten. Die Waffe
feuert in die Decke, Putz rieselt
herab.
Janine! Tonys Stimme, schneidend,
nah.
Er ist da, am anderen Ende der Bar,
die Pistole im Anschlag. Runter!
Ich presse mich flach auf den Boden. Dimitri brüllt, flucht auf Russisch,
tritt um sich. Ein Schuss – dann ein zweiter. Stille.
Irgendwo tropft Flüssigkeit. Ich höre Viktor wimmern hinter der Kasse.
Dann Tonys Hand, die mich hochzieht.
Du lebst.
Seine Stimme ist rau, aber seine Augen sind hell.
Gut. Denn der Plan war scheiße – und er hat geklappt.
Die Stille ist dick wie Sirup.
Nur das Tropfen von der Theke,
das leise Wimmern hinter der Kasse. Viktor. Ich rolle mich herum, Taste
mich über den nassen Marmor.
Da ist er, zusammengekrümmt –
ein dunkler Fleck breitet sich an
seiner Schulter aus, dringt durch
den Stoff seiner weißen Jacke.
Viktor, sieh mich an, sage ich, zwinge
meine Stimme ruhig. Nur mich, nicht die Decke.
Seine Augen finden meine. Er keucht. Mann, das brennt. Ich drücke beide
Hände auf die Wunde, spüre das Warme durch meine Finger sickern.
Das ist ein gutes Zeichen. Wenn’s nicht brennen würde, müsstest du dir Sorgen machen.
Ich hebe den Kopf, gerade lange genug, um Tonys Blick zu treffen.
Er steht noch da, die Pistole gesenkt, beobachtet mich wie eine neue Spezies. Brauchst du was?, fragt er leise.
Ja. Saubere Tücher, Desinfektionsmittel, Verband zeug. Und jemanden, der den Hut hält, während ich arbeite. Ich nicke zu Dimitri hinüber, der reglos am Boden liegt. Der da soll nicht aufstehen.
Tony zuckt kurz, fast ein Nicken, und wedelt einem seiner Männer zu.
Du hörst die Lady. Los.
Der Mann verschwindet in der Küche, kommt mit einem Erste-Hilfe-Kasten zurück. Tony selbst stellt sich zwischen mich und Dimitri, breit, undurchdringlich.
Ich reiße Viktor, s Jacke auf, knete den Stoff beiseite. Die Wunde sieht hässlich aus, aber sie ist kein Herz schuss.
Halt still, murmle ich und tränke ein Tuch mit Desinfektionsmittel.
Das wird wehtun. Viktor zischt, als der Alkohol die Wunde trifft, aber er hält still.
Warum machst du das?
Weil er mir geholfen hat, als ich ihn brauchte, sage ich, ohne den Blick von Viktor,s Wunde zu nehmen.
Und weil ich keine Lust habe, dass noch mehr Leute wegen dieser Scheiße verrecken.
Ich drücke das Tuch fester, bis Viktor leise aufstöhnt.
Halt still, ich bin gleich fertig.
Ich binde den Verband, ziehe die Enden straff. Dann erst hebe ich den Kopf und sehe Tony an – direkt, ohne zu blinzeln. Und jetzt hör mir zu, Boss. Du hast gesagt, ich bin Partnerin. Also red’ ich jetzt Klartext.
Tony hebt eine Augenbraue, aber er unter bricht mich nicht.
Du stehst hier rum, während deine Leute die Scherben wegräumen und ich Viktor flicke. Draußen wartet ein verdammter Scharfschütze am Hafen auf dich. Und du weißt, dass die Russen dich heute Nacht erledigen wollen, wenn du nicht zurück schlägst. Ich wische mir das Blut von den Händen, stehe auf. Also geh. Klär die Sache. Bring den Kerl zur Strecke, der den Schützen bezahlt hat. Mach deinen Job, damit ich meinen machen kann – nämlich hierbleiben und dafür sorgen, dass Viktor durchkommt.
Tony starrt mich an, die Kiefer mahlen.
Ich lass dich nicht allein –
Du lässt mich nicht allein, du gibst mir den Raum, den ich brauche, unter
breche ich. Deine Männer sind hier. Ich hab’ eine Pistole. Und Viktor braucht Ruhe, keinen Kriegsrat in der Bar. Also verschwinde. Erledige das. Und wenn du zurückkommst, reden wir weiter.
Ich trete näher, lege eine Hand an seine Wange.
Ich bin nicht deine Prinzessin, die im Turm wartet. Ich bin deine Partnerin. Und Partnerin sagt: Geh jetzt. Beeil dich. Komm heil zurück.
Ich setze mich neben Viktor, die Pistole griffbereit auf dem Tisch. Die Tür fällt ins Schloss, Tonys Schritte hallen durch den Gang.
Mein Handy liegt kalt in der Hand. Ich wische das Display frei, suche in den Kontakten. Lena – meine alte Kollegin aus dem ,Black Pearl, jetzt Kellnerin im Russen-Casino. Sie hat immer Ohren offen, wenn sie genug Trinkgeld kriegt.
Sie hebt nach dem zweiten Klingeln ab. Janine? Bist du das echt? Ich hab gehört, du bist in der Scheiße –
Bin ich auch. Aber ich brauch Hilfe. Wer bezahlt den Schützen am Hafen? Nicht Dimitri – der liegt flach. Wer hat das Kommando?
Eine Pause. Sie flüstert:
Ein Mann namens Ivan. Dimitris Vetter. Der ist kalt wie Stein, hat sich heute Abend im Golden Dolphin einquartiert. Ich hab ihn gesehen, als ich die Bestellung brachte – er hat telefoniert, jemanden angewiesen, auf einen Anruf zu warten. Sagt, er feuert erst, wenn das Signal kommt.
Mein Herz schlägt schneller.
Was für ein Signal?
Weiß ich nicht. Aber er hat gesagt, es kommt vom Safe house. Von einem Verräter. Sie senkt die Stimme. Janine, pass auf. Jemand in Tonys engstem Kreis spielt falsch.