Chapter 3
Kapitel 3: Der Morgen nach der Nacht
Elias kehrt nach Hause zurück und schreibt die ganze Nacht. Am nächsten Morgen sucht er den Dorfpfarrer auf, um Hilfe für Lena zu bekommen. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, der Lenas Onkel in die Schranken weisen soll.
Die Sonne stieg höher, und das Dorf begann zu erwachen. Ich saß noch immer am Schreibtisch, die Hände über der Tastatur, als das erste Licht durch die Fenster fiel. Die Worte hatten mich durch die Nacht getragen, und jetzt lag ein Stapel beschriebener Seiten vor mir. Es war kein Gedicht, kein Roman, nichts, das ich je veröffentlichen würde. Es war ein Bericht. Eine Chronik dessen, was ich gesehen und gehört hatte. Die Fakten, so genau ich sie erinnern konnte. Lenas Angst, die Hand ihres Onkels auf ihrer Schulter, der Schlüssel im Schloss. Alles, was ich wusste, und alles, was ich vermutete.
Ich stand auf und ging zum Fenster. Das Dorf lag friedlich im Morgenlicht, die Dächer glänzten, und aus den Schornsteinen stieg Rauch auf. Es war schwer zu glauben, dass hinter diesen freundlichen Fassaden so viel Dunkelheit lauern konnte. Aber ich hatte es mit eigenen Augen gesehen.
Meine Gedanken kreisten um Lena. Was erwartete sie jetzt? Würde ihr Onkel sie bestrafen, weil sie mit mir gesprochen hatte? Ich ballte die Fäuste. Das durfte nicht passieren. Ich musste etwas tun.
Ich zog mich an und verließ das Haus. Der Weg zur Kirche war kurz, aber ich nahm ihn langsam, um meine Gedanken zu ordnen. Der Pfarrer war der Einzige, dem ich vertrauen konnte. Er kannte das Dorf, die Menschen, die Geschichte. Vielleicht wusste er einen Weg.
Die Kirche war klein und alt, aus grobem Stein gebaut, mit einem Turm, der schief in den Himmel ragte. Die Tür stand offen, und ich trat ein. Der Innenraum war kühl und still, das Licht fiel bunt durch die bleiverglasten Fenster. Ein Duft von Weihrauch und altem Holz lag in der Luft.
Ich fand den Pfarrer im Vorraum, wo er Kerzen anzündete. Er war ein älterer Mann mit grauem Haar und freundlichen Augen, die mich sofort erkannten.
„Herr Elias“, sagte er. „Sie sind früh unterwegs. Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich brauche Ihren Rat“, sagte ich. „Es geht um Lena.“
Sein Gesicht wurde ernst. „Ich habe befürchtet, dass Sie das sagen würden. Kommen Sie, setzen Sie sich.“
Er führte mich in sein kleines Büro, einen Raum voller Bücher und Akten, und bot mir einen Stuhl an. Ich setzte mich und erzählte ihm alles. Von meiner ersten Begegnung mit Lena, von ihrem Onkel, von der Bedrohung, der Vormundschaft, allem. Der Pfarrer hörte schweigend zu, die Hände gefaltet, den Blick auf seine Tischplatte gerichtet.
Als ich fertig war, seufzte er tief. „Ich wusste, dass es schlimm ist“, sagte er. „Aber nicht, dass es so schlimm ist.“
„Was wissen Sie?“, fragte ich.
Er lehnte sich zurück. „Lena ist nicht die erste, die unter der Hand ihres Onkels leidet. Es gibt Gerüchte. Dinge, die man hört, aber nicht beweisen kann. Sie wissen von dem Jungen, den er getötet haben soll?"
„Lena hat es mir erzählt.“
Der Pfarrer nickte. „Die Familie des Jungen hat nie Anzeige erstattet. Sie hatten Angst. Der Onkel hat Verbindungen, Leute, die ihm gefallen wollen. Und das Dorf schweigt. So ist es schon immer gewesen.“
„Aber das ist doch nicht rechtens“, sagte ich. „Man kann doch nicht einfach einen Mord vertuschen.“
„Man kann es, wenn niemand bereit ist, die Wahrheit zu sagen.“ Der Pfarrer sah mich an. „Wollen Sie das tun? Für Lena?“
Ich zögerte. „Ich bin nicht sicher, ob ich das Recht dazu habe. Ich kenne sie erst seit zwei Tagen. Aber ich kann nicht zusehen, wie sie leidet.“
Der Pfarrer lächelte. „Das ist mehr, als die meisten hier im Dorf sagen können. Sie haben ein gutes Herz, Herr Elias. Aber seien Sie vorsichtig. Der Onkel ist gefährlich. Er wird nicht zögern, Sie aus dem Weg zu räumen, wenn er sich bedroht fühlt.“
„Ich weiß“, sagte ich. „Aber ich habe keine Wahl. Ich muss etwas tun.“
Der Pfarrer dachte einen Moment nach. Dann sagte er: „Es gibt einen Weg. Aber er ist nicht einfach. Der Bürgermeister des Dorfes ist ein vernünftiger Mann. Er hat die Macht, eine Anhörung einzuberufen, um die Vormundschaft zu überprüfen. Wenn wir genug Beweise sammeln, können wir Lena befreien.“
„Beweise?“, wiederholte ich. „Welche Beweise?“
„Ihre Aussage. Lenas Tagebuch, falls sie eines führt. Zeugen, die gesehen haben, wie er sie misshandelt hat. Mehr brauchen wir nicht, um eine Untersuchung einzuleiten.“
Ich erinnerte mich an Lenas Notizbuch. „Sie schreibt“, sagte ich. „Gedichte, Gedanken. Vielleicht ist darin etwas, das hilft.“
„Dann müssen wir es bekommen“, sagte der Pfarrer. „Aber das ist gefährlich. Wenn der Onkel es findet, wird er es vernichten. Und Lena wird die Konsequenzen tragen.“
Ich stand auf. „Ich werde mit Lena sprechen. Ich werde sie überzeugen, dass wir ihr helfen können.“
Der Pfarrer legte mir eine Hand auf die Schulter. „Gehen Sie mit Bedacht, Herr Elias. Und kommen Sie zurück, wenn Sie Hilfe brauchen. Ich werde tun, was ich kann.“
Ich verließ die Kirche und ging zu Lenas Haus. Der Weg führte mich durch den Wald, der noch im Schatten lag, das Licht fiel zwischen den Bäumen hindurch. Meine Schritte waren leise auf dem weichen Moosboden, und ich hörte nur das Rauschen des Windes und den Gesang der Vögel.
Das Haus stand still, als ich näher kam. Die Fensterläden waren geschlossen, und kein Rauch stieg aus dem Schornstein. Ich klopfte an die Tür.
Es dauerte eine Weile, bis sich etwas rührte. Dann hörte ich Schritte, und die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Lenas Gesicht erschien, blass und müde.
„Elias“, flüsterte sie. „Du solltest nicht hier sein.“
„Ich muss mit dir sprechen“, sagte ich. „Es ist wichtig.“
Sie öffnete die Tür einen Spalt weiter und ließ mich herein. Der Raum war dunkel, die Vorhänge zugezogen. Auf dem Tisch stand eine leere Flasche und ein Glas.
„Er ist weg?“, fragte ich.
Lena nickte. „Er ist zur Arbeit gegangen. Er arbeitet im Sägewerk am anderen Ende des Dorfes. Er kommt erst am Abend zurück.“
„Gut“, sagte ich. „Dann haben wir Zeit.“
Ich setzte mich an den Tisch, und Lena setzte sich mir gegenüber. Ihre Hände zitterten, als sie sie auf den Tisch legte.
„Ich habe mit dem Pfarrer gesprochen“, sagte ich. „Er will uns helfen. Er sagt, wir können eine Anhörung beantragen, um die Vormundschaft aufzuheben. Aber wir brauchen Beweise. Dein Tagebuch, deine Gedichte. Alles, was zeigt, was er dir angetan hat.“
Lena schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Wenn er es findet…“
„Er wird es nicht finden“, sagte ich. „Wir werden es sicher verwahren. Ich werde es mitnehmen und dem Pfarrer geben. Er wird dafür sorgen, dass es in guten Händen ist.“
Lena sah mich an, ihre Augen groß und voller Angst. „Du verstehst nicht“, sagte sie. „Er hat gesagt, wenn ich jemandem erzähle, was passiert ist, wird er mich umbringen. Und er meint es ernst.“
„Ich weiß“, sagte ich. „Aber du kannst nicht ewig in Angst leben. Du musst den ersten Schritt machen. Ich werde bei dir sein, versprochen.“
Sie schwieg lange. Ich konnte sehen, wie der Kampf in ihr tobte, die Angst gegen den Wunsch nach Freiheit. Schließlich stand sie auf und ging in das Nebenzimmer. Ich hörte, wie sie eine Schublade öffnete, und dann kam sie mit einem alten, abgenutzten Notizbuch zurück.
„Hier“, sagte sie leise. „Es ist alles drin. Die Gedichte, die ich geschrieben habe, die Tagebucheinträge. Alles, was ich nie jemandem zeigen wollte.“
Sie reichte es mir, und ich nahm es vorsichtig entgegen, als wäre es das zerbrechlichste Ding der Welt. „Danke“, sagte ich. „Ich werde es gut aufbewahren.“
„Wann?“, fragte sie. „Wann wird die Anhörung sein?“
„Ich weiß es nicht. Der Pfarrer wird sich darum kümmern. Aber es wird nicht lange dauern, versprochen.“
Lena nickte. Sie sah aus, als würde sie gleich zusammenbrechen. Ich stand auf und trat zu ihr, legte eine Hand auf ihre Schulter.
„Es wird alles gut“, sagte ich. „Ich lass dich nicht im Stich.“
Sie sah mich an, und in ihren Augen lag eine Mischung aus Dankbarkeit und Verzweiflung. „Warum tust du das?“, fragte sie. „Du kennst mich kaum.“
„Weil es das Richtige ist“, sagte ich. „Und weil du es verdienst, glücklich zu sein.“
Sie schluckte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Sag einfach, dass du mir vertraust.“
Sie zögerte. Dann nickte sie. „Ich vertraue dir.“
Wir standen einen Moment lang da, schweigend, die Luft zwischen uns schwer von ungesagten Worten. Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust löste, eine Spannung, die ich seit Tagen nicht losgeworden war.
„Ich muss los“, sagte ich. „Ich werde das Notizbuch zum Pfarrer bringen. Und ich komme wieder, sobald ich etwas weiß.“
Lena begleitete mich zur Tür. Als ich draußen war, drehte ich mich noch einmal um. Ihre Silhouette stand im Türrahmen, das Licht fiel auf ihr Gesicht.
„Bis bald“, sagte ich.
„Bis bald“, antwortete sie leise.
Ich ging den Weg zurück, das Notizbuch fest unter meinem Arm. Der Wald war still, und meine Schritte hallten auf dem feuchten Boden. Ich fühlte mich leichter als zuvor, als hätte ich eine Last abgelegt, die ich nicht mehr tragen musste.
Aber als ich aus dem Wald trat und das Dorf vor mir sah, wusste ich, dass der schwierigste Teil noch vor mir lag. Die Anhörung, die Beweise, der Onkel. Und die Frage, ob Lena den Mut haben würde, die Wahrheit zu sagen.
Ich ging zum Pfarrhaus zurück. Der Pfarrer öffnete mir, und ich reichte ihm das Notizbuch.
„Hier“, sagte ich. „Es ist alles drin, was wir brauchen.“
Er nahm es entgegen und blätterte kurz darin. Seine Augen wurden ernst. „Das ist mehr, als ich erwartet habe“, sagte er. „Das ist sehr belastend. Wenn wir das vor Gericht bringen…“
„Wann?“, fragte ich.
„Ich werde heute noch mit dem Bürgermeister sprechen. Morgen können wir die Anhörung beantragen. Es wird ein paar Tage dauern, aber wir sind auf dem richtigen Weg.“
Ich nickte. „Danke, Herr Pfarrer.“
„Danken Sie mir nicht“, sagte er. „Danken Sie Lena. Sie hat den Mut, den wir alle brauchen.“
Ich verließ das Pfarrhaus und ging zurück zu meinem Haus. Die Sonne stand hoch am Himmel, und das Dorf war erwacht. Ich setzte mich an den Schreibtisch und sah aus dem Fenster. Die Blätter des Baumes vor meinem Fenster tanzten im Wind, und ich spürte, wie die Ruhe mich umfing.
Aber in mir war keine Ruhe. Ich dachte an Lena, an ihren Onkel, an die Anhörung, die bevorstand. Und ich wusste, dass ich sie nicht im Stich lassen würde. Was auch kommen mochte.
In diesem Moment klingelte mein Telefon. Ich sah auf das Display. Eine unbekannte Nummer. Ich nahm ab.
„Hallo?“, sagte ich.
Eine Stimme, rau und vertraut, antwortete: „Herr Elias. Ich dachte, ich hätte Ihnen gesagt, Sie sollen sich fernhalten.“
Es war Lenas Onkel.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Was wollen Sie?“, fragte ich.
„Ich will, dass Sie Lena in Ruhe lassen“, sagte er. „Und ich will das Notizbuch, das Sie ihr weggenommen haben.“
„Ich habe nichts weggenommen“, sagte ich. „Sie hat es mir freiwillig gegeben.“
„Das ist egal. Sie geben es mir zurück, oder ich werde dafür sorgen, dass Sie das Dorf verlassen. Und zwar für immer.“
„Sie können mich nicht einschüchtern“, sagte ich.
„Oh, das kann ich sehr wohl“, sagte er. „Ich weiß, wo Sie wohnen. Ich weiß, dass Sie allein sind. Und ich weiß, dass niemand Ihnen helfen wird. Also tun Sie, was ich sage.“
Er legte auf.
Ich stand auf, das Telefon noch in der Hand. Meine Hände zitterten. Der Onkel wusste, dass ich das Notizbuch hatte. Und er würde alles tun, um es zurückzubekommen.
Ich musste das Notizbuch in Sicherheit bringen. Aber wo? Der Pfarrer hatte es jetzt. Vielleicht war es dort sicher. Oder vielleicht würde der Onkel auch dorthin kommen.
Ich setzte mich wieder und atmete tief durch. Ich durfte keine Angst zeigen. Nicht jetzt. Ich hatte einen Plan, und ich würde ihn durchziehen. Für Lena. Und für mich.
Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, meine Gedanken zu ordnen. Ich schrieb weiter an meinem Bericht, fügte alles hinzu, was ich wusste. Die Fakten, die Daten, die Gespräche. Alles, was wir brauchten, um den Onkel zu überführen.
Am Abend, als die Sonne unterging, klingelte mein Telefon erneut. Diesmal war es der Pfarrer.
„Herr Elias“, sagte er. „Ich habe mit dem Bürgermeister gesprochen. Die Anhörung ist für übermorgen angesetzt.“
Ich atmete auf. „Danke. Das ist schneller, als ich erwartet hatte.“
„Der Bürgermeister war sehr kooperativ“, sagte der Pfarrer. „Er hat die Dringlichkeit verstanden. Aber wir müssen vorsichtig sein. Der Onkel wird Wind davon bekommen. Und er wird versuchen, die Anhörung zu verhindern.“
„Ich weiß“, sagte ich. „Er hat mich heute angerufen. Er weiß, dass ich das Notizbuch habe.“
Der Pfarrer schwieg einen Moment. „Dann müssen wir es sicher aufbewahren. Bringen Sie es zu mir. Ich werde es in der Kirche verstecken. Dort wird er es nicht suchen.“
„Gut“, sagte ich. „Ich komme morgen früh vorbei.“
„Seien Sie vorsichtig“, sagte der Pfarrer. „Und kommen Sie nicht allein. Nehmen Sie jemanden mit, dem Sie vertrauen.“
Ich legte auf. Ich wusste, dass ich allein war. Es gab niemanden im Dorf, dem ich vertrauen konnte. Außer Lena und dem Pfarrer. Und die waren selbst in Gefahr.
Ich blickte aus dem Fenster. Die Nacht war hereingebrochen, und der Wald lag still und dunkel vor mir. Irgendwo da draußen war der Onkel, und er würde nicht ruhen, bis er das Notizbuch hatte.
Aber ich würde auch nicht ruhen. Ich würde kämpfen. Für Lena. Für die Wahrheit. Und für die Hoffnung, dass es am Ende gut werden würde.
Ich legte mich auf das Bett, die Kleider noch an, das Telefon in der Hand. Ich dachte an Lena, an ihre Gedichte, an die Worte, die wir geteilt hatten. Und ich wusste, dass ich sie nicht enttäuschen würde. Niemals.