Chapter 1
Kapitel 1: Zwischen Regalen und Schatten
Der junge Bibliothekar Emil lebt in Wien zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Seine Liebe zu Büchern gibt ihm Trost, doch der Krieg überschattet alles. Ein kleines, aber dringendes Problem stellt sich ihm: Ein mysteriöses Gedicht erscheint immer wieder an unterschiedlichen Orten der Bibliothek, und niemand weiß, wer es schreibt. Emil macht sich auf die Suche nach dem Verfasser und stößt dabei auf Spuren einer unbekannten Künstlerin. Die Begegnung mit ihr stellt seinen Alltag auf den Kopf. Das Kapitel endet mit Emils Entschluss, mehr über sie herauszufinden.
Als der junge Emil an diesem frostigen Morgen die schwere Eichentür der Wiener Stadtbibliothek aufzog, fühlte er sich für einen kurzen Moment wie ein Wächter eines Schatzes. Die Regale mit ihren unzähligen Büchern, sorgfältig aufgereiht nach Themen und Zeit, waren die Welt, in der er sich sicher wusste – auch während draußen die Kanonen donnerten und Zeitungen nur noch von Frontberichten sprachen. In der Bibliothek, zwischen dem Duft nach Papier und dem leisen Wispern der Seiten, konnte man fast vergessen, was draußen geschah.
Doch heute lag etwas in der Luft, das Emil nicht benennen konnte. Vielleicht war es das späte Licht, das in zarten Streifen durch die Buntglasfenster fiel. Oder der Wind, der ein fernes Echo von marschierenden Stiefeln mit sich brachte. Er stellte seine Aktentasche unter den alten Schreibtisch, zog die abgewetzte Weste zurecht und sah sich um. Der Lesesaal war noch leer bis auf den Herrn Doktor mit dem grauen Bart, der jeden Morgen zur gleichen Zeit kam und in dicken Bänden über Pflanzenkunde las.
Emil liebte diese Morgenruhe. Sie gab ihm das Gefühl, als hätte er einen Vorsprung vor dem Tag. Er ordnete einige Bücher, prüfte die Leihlisten und zündete eine Kerze an, denn das elektrische Licht war in Kriegszeiten oft schwach. Da bemerkte er auf dem Pult ein Blatt Papier, das am Abend zuvor sicher noch nicht dort gelegen hatte.
Er beugte sich vor und las die Zeilen:
"Im Schatten der Regale ruht ein Herz,
das mehr schlägt, als Zeit erlaubt.
Zwischen Buchrücken und Staub
wächst Sehnsucht, still und leis."
Emil runzelte die Stirn. Das Gedicht war nicht das erste seiner Art. Bereits zweimal zuvor hatte er auf wundersame Weise Verse gefunden, sorgsam mit Feder geschrieben. Sie waren traurig und schön zugleich, wie eine Melodie, die er nicht kannte, aber schon immer gemocht hatte. Wer schrieb sie? Und warum ließ der- oder diejenige sie ausgerechnet hier zurück?
Ein Kind hätte jetzt vielleicht an eine Bibliotheksfee gedacht oder an einen Buchgeist. Emil, fast erwachsen, glaubte nicht an sowas – und doch war in diesen Wochen alles möglich. Er steckte das Gedicht ein und schwor sich, heute besonders aufmerksam zu sein. Sollte der Verfasser wiederkommen, würde er es merken.
Die Stunden vergingen langsam. Immer wieder schweiften Emils Gedanken zu den Worten auf dem Zettel. Wie konnte man so treffend beschreiben, was er selbst fühlte? Denn auch in ihm pochte ein Herz, das mehr Zeit wollte; Zeit für Bücher, für Träume, für alles, was der Krieg zu verschlucken drohte.
Gegen Mittag öffnete sich die Bibliothekstür mit einem reizenden Quietschen. Ein Schwall kalter Luft folgte einem Mädchen, das so ganz anders war als die anderen Besucher. Sie trug einen langen, bunten Schal, der ihr bis zu den Knien reichte, und ein keckes Barett, aus dem schwarze Locken sprangen. In der Hand hielt sie ein Skizzenbuch, das schon von Weitem voller Farbe und Leben zu sein schien.
Sie lächelte Emil freundlich zu, als hätte sie ihn längst erwartet. „Guten Tag! Ich suche die Gedichtsammlung von Rainer Maria Rilke“, sagte sie mit einer Stimme, die wie ein frischer Windstoß klang.
Emil errötete leicht. Vielleicht, weil ihr Lächeln so offen war, oder weil Rilke zu seinen Lieblingsdichtern gehörte. „Natürlich. Gleich im zweiten Regal links, hinter den französischen Klassikern. Soll ich Sie begleiten?“
„Oh ja, gern! Mit dem Orientierungssinn hab ich’s nicht so“, lachte sie.
Gemeinsam gingen sie zwischen den alten Regalen hindurch. Emil spürte, wie sein Herz schneller schlug. Selten hatten sich Besucher so freundlich mit ihm unterhalten. Noch seltener war jemand so neugierig auf die verborgenen Winkel der Bibliothek.
„Wissen Sie,“ sagte das Mädchen, als sie das Buch gefunden hatte, „Bücher sind wie Reisen ohne Koffer.“ Sie blätterte liebevoll durch die Seiten. „Ich heiße übrigens Lotte. Und Sie?“
„Emil. Emil Hartmann.“
Lotte lächelte. „Haben Sie das Gedicht am Pult gesehen?“
Emil stockte. „Welches Gedicht?“ fragte er vorsichtig.
Sie grinste. „Ich habe es heute früh gesehen, bevor ich zu Ihnen gekommen bin. Ich mag Gedichte. Manchmal schreibe ich auch welche.“
Emil beobachtete sie aufmerksam. War sie vielleicht die Verfasserin? Doch sie schien nichts zu verraten. Stattdessen nahm sie ihr Skizzenbuch und begann, ein paar schnelle Striche daneben zu setzen. Ihr Gesicht war konzentriert, aber in ihren Augen funkelte es wie heimlich versteckte Sonnenstrahlen.
Plötzlich hörte man draußen das Dröhnen von Pferdehufen und einen Befehl, den ein Offizier in der Ferne rief. Lotte zuckte leicht zusammen. „Ich muss bald gehen“, flüsterte sie, „aber ich komme wieder.“
„Versprochen?“ fragte Emil, und seine Stimme klang unsicherer, als er wollte.
Lotte nickte ernst. „Ganz bestimmt. Ich will noch viel mehr Zeit hier verbringen.“
Sie verabschiedete sich mit einer warmen Geste. Emil blieb zurück, das Herz voll Fragen. Auf ihrem Platz lag, sorgfältig zwischen die Seiten des Rilke-Bandes gelegt, die Skizze eines Jungen, der zwischen Bücherregalen steht und in die Ferne blickt. Darunter stand in runder, schwungvoller Schrift: „Mehr Zeit, bitte!“
An diesem Abend schloss Emil die Bibliothek später als sonst. Er spürte, dass etwas in seinem Alltag aufgebrochen war – als hätte ihm jemand eine Tür zu einer anderen Welt geöffnet. Draußen war der Himmel dunkel, die Stadt voller unsichtbarer Sorgen. Doch tief in seinem Inneren tastete Emil nach dem Mut, am nächsten Tag wiederzukommen, trotz allem, was draußen geschah.
Er hatte jetzt eine Aufgabe: Er wollte das Rätsel um die Gedichte lösen. Und er wollte Lotte wiedersehen.
Ein letzter Blick über die Regale ließ ihn hoffen, dass zwischen Schatten und Seiten manchmal Wunder schlummern, die nur darauf warten, entdeckt zu werden.
Auf dem Heimweg summte Emil leise die Zeile aus dem Gedicht, das er gefunden hatte. Er wusste nicht, was der nächste Tag bringen würde. Aber er hatte mehr Zeit – vielleicht nur ein kleines bisschen, vielleicht genug.