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Chapter 1

Kapitel 1

Matthias Richter, ein junger Soldat der Reichswehr, wird nach einem Manöver von seinem Vorgesetzten Hauptmann Schmidt zu einem Sondereinsatz abkommandiert. Während eines Patrouillengangs in einer nahegelegenen Stadt begegnet er Klara Weber, einer Fabrikarbeiterin, die ihm auf unerwartete Weise hilft. Matthias zweifelt an den Befehlen und spürt eine dunkle Vorahnung, während Schmidt seine Loyalität auf die Probe stellt.

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Der Nebel lag schwer über dem Exerzierplatz, als Matthias Richter die Lungen mit der kalten Morgenluft füllte. Die Stiefel der Kompanie stampften im Gleichschritt über den gefrorenen Boden, ein dumpfes, rhythmisches Geräusch, das in der Stille der Kaserne widerhallte. Er war fünfundzwanzig Jahre alt, aber heute fühlte er sich älter. Die letzten Wochen hatten ihn gezeichnet – nicht körperlich, sondern in jenem stillen Winkel der Seele, in dem Zweifel wachsen.

Hauptmann Schmidt stand erhöht auf einer hölzernen Plattform, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Blick starr nach vorne gerichtet. Seine Stimme schnitt durch den Nebel wie ein Bajonett. „Stillgestanden!“ Die Kompanie erstarrte. Matthias spürte den kalten Schweiß unter dem Wollstoff seiner Uniform, als Schmidt die Reihe abschritt und bei ihm stehen blieb.

„Richter.“

„Jawohl, Herr Hauptmann.“

Schmidts Augen waren klein und forschend, wie die eines Raubvogels, der nach Beute Ausschau hält. „Sie waren gestern beim Manöver im Westwald. Der Kartenverlust – wie kam es dazu?“

Matthias schluckte. Die Karte war ihm aus der Tasche gerutscht, als er über einen umgestürzten Baum kletterte. Ein Versehen, aber in Schmidts Welt gab es keine Versehen. „Ein unglücklicher Zufall, Herr Hauptmann. Ich übernehme die volle Verantwortung.“

Schmidt nickte langsam, ein Ausdruck, der alles und nichts bedeuten konnte. „Zufälle sind für Feiglinge. Ein Soldat plant, er kontrolliert. Sie werden heute Abend zur Wache eingeteilt. Doppelte Schicht.“

„Jawohl, Herr Hauptmann.“

Die letzten Worte des Tages waren noch nicht gesprochen, als Matthias später in der Kaserne auf seiner Pritsche saß und die Karte eines Einsatzes studierte, der ihm gerade erst ausgehändigt worden war. Die Anweisung lautete: Patrouille in der Stadt, Überwachung von Verdächtigen, Meldung an die Zentrale. Es war Routine, aber das Papier fühlte sich schwer an in seinen Händen. Er faltete es zusammen und steckte es in die Brusttasche.

Draußen auf dem Hof brannte eine einsame Laterne, deren Licht zitternd gegen die Dunkelheit ankämpfte. Matthias zog den Mantel enger und trat hinaus. Der Wind trug den Geruch von Kohle und feuchtem Stein. Er dachte an seine Mutter, die vor Jahren gestorben war, an den leeren Stuhl am Küchentisch, an die Worte seines Vaters, der immer gesagt hatte: „Frag nicht, wohin der Weg führt, Junge. Geh ihn einfach.“ Aber Matthias fragte sich das jeden Tag.

Die Stadt war nur eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt. Die Straßen waren schmal, die Häuser alt und grau. In einer Seitengasse blieb er stehen, als er ein Geräusch hörte – ein leises Klirren, wie von Metall auf Stein. Er legte die Hand an die Pistole und spähte in die Dunkelheit. Eine Gestalt löste sich aus dem Schatten.

„Sie suchen wohl etwas?“, fragte eine Frauenstimme, ruhig, aber mit einer Schärfe, die ihn innehalten ließ.

Es war Klara Weber. Sie trug einen abgetragenen Mantel und Schal, die Augen wachsam, die Hände in den Taschen vergraben. Matthias ließ die Pistole sinken. „Das geht Sie nichts an. Ich bin im Dienst.“

„Im Dienst. Ja, das sieht man.“ Sie trat näher, und im fahlen Licht der Straßenlaterne sah er die Narbe an ihrem Kinn, eine alte Verletzung, die verblasst war. „Wenn Sie mich fragen, sollten Sie besser nach Hause gehen. Heute Nacht ist nicht sicher hier.“

„Danke für den Rat, aber ich habe Befehle.“

Klara lachte leise, ohne Humor. „Befehle. Die haben schon viele in die Irre geführt.“

Bevor Matthias antworten konnte, hörte er Schritte – mehrere Paare, schwer und schnell. Klara packte ihn am Arm und zog ihn in eine Nische, die zwischen zwei Häusern lag. „Still“, flüsterte sie. „Still.“

Drei Männer in Zivilkleidung eilten vorbei, einer von ihnen trug eine Tasche, die seltsam klapperte. Sie sprachen nicht, aber ihre Blicke huschten in alle Richtungen. Als sie verschwunden waren, ließ Klara seinen Arm los.

„Wer waren das?“, fragte Matthias, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch.

„Das sollten Sie besser nicht wissen. Und ich sollte besser gehen. Leben Sie wohl, Soldat.“

Sie drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit, bevor er etwas erwidern konnte. Matthias stand da, die Hände zu Fäusten geballt, und spürte, wie sich etwas in ihm regte – ein Ziehen, eine Unruhe, die er nicht benennen konnte.

Zurück in der Kaserne, Stunden später, saß er in der Wachstube, die Augen auf die Tür gerichtet. Schmidt kam herein, ohne anzuklopfen. „Richter, Sie haben heute Nacht eine Meldung bekommen? Irgendetwas Ungewöhnliches?“

„Nein, Herr Hauptmann. Alles ruhig.“

Schmidt musterte ihn lange. „Gut. Morgen früh um fünf Uhr: Sonderbesprechung im Stabsgebäude. Seien Sie pünktlich.“

„Jawohl, Herr Hauptmann.“

Die Tür fiel ins Schloss. Matthias blieb allein zurück, die Hände flach auf dem Tisch, das Herz schwer. Er dachte an Klara, an die Männer in der Gasse, an die Karte in seiner Tasche. Wohin führt dieser Weg, wenn wir ihn nicht selbst wählen? Die Frage brannte in ihm, und er wusste, dass die Antwort – wenn es sie denn gab – ihn an einen Ort führen würde, den er noch nicht einmal erahnen konnte.

Der Wind zerrte am Fensterladen, und in der Ferne hörte er das dumpfe Grollen eines Güterzugs, der durch die Nacht fuhr. Matthias stand auf, trat ans Fenster und starrte in die Schwärze hinaus. Irgendwo da draußen bewegte sich etwas. Irgendwo da draußen wartete eine Entscheidung auf ihn – und er hatte das Gefühl, dass er sie nicht würde umgehen können.

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