Chapter 2
Das Geheimnis hinter der Wand
Beim weiteren Stöbern in der Burg bemerkt Alexander eine Unregelmäßigkeit im Mauerwerk. Hansgeorg drückt gegen einen Stein, und zu ihrer Überraschung öffnet sich knarrend eine verborgene Tür. Erster ist zunächst ängstlich, doch die Neugier siegt.
Der Duft von altem Stein und feuchter Erde lag schwer in der Luft, als die fünf Geschwister tiefer in die kühlen Gemäuer der Abenteuerburg vordrangen. Die Sonne, die draußen den Himmel in ein warmes Gold tauchte, schaffte es nur spärlich durch die schmalen Schießscharten zu dringen und warf tanzende Lichtflecken auf den staubigen Boden. Alexander, der Älteste, ging voran, seine Augen wanderten über die moosbewachsenen Mauern, immer auf der Suche nach einem Muster, einer Unregelmäßigkeit, die ihm entgangen sein mochte. Er hatte schon immer eine besondere Gabe dafür gehabt, Details zu erkennen, die anderen verborgen blieben, und die Abenteuerburg schien ihm ein unendliches Feld für seine Beobachtungsgabe zu bieten.
„Stellt euch vor, wer hier alles gelebt hat“, murmelte Mariane, ihre Stimme hallte leise in der Stille wider. Sie führte eine kleine Liste in ihrem Kopf, eine Art inneren Katalog der Burgschätze und ihrer Bewohner, den sie sich während der ersten Erkundungstouren angelegt hatte. „Ritter, Burgfräulein, vielleicht sogar ein Hofnarr!“
Hansgeorg, der Tatkräftige, stieß mit der Schulter gegen eine dicke Steinplatte. „Oder ein Drache!“, rief er lachend. Seine Energie schien unerschöpflich, und er drängte stets darauf, die Geheimnisse der Burg mit brachialer Gewalt zu lüften, wenn nötig. „Ich wette, irgendwo hier gibt es einen geheimen Schatz versteckt.“
Erster, der Jüngste und Vorsichtigste, klammerte sich an Alexanders Ärmel. Die Schatten huschten an den Wänden entlang wie geheimnisvolle Wesen, und jedes Knarren der alten Balken ließ ihn zusammenzucken. „Aber… aber was, wenn hier Geister sind?“, flüsterte er, seine Stimme kaum hörbar. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, dass alte Burgen voller Spuk waren, und die düsteren Gänge schienen seine Befürchtungen zu bestätigen.
Petra, die stille Beobachterin, ging ein paar Schritte hinter den anderen. Ihr Blick wanderte über die feinen Risse im Verputz, die vergilbten Flecken auf den Steinplatten. Sie hatte ein Auge für das Versteckte, für die kleinen Dinge, die eine Geschichte erzählen konnten. Sie bemerkte, wie Alexander plötzlich innehielt, seine Stirn gerunzelt.
„Was ist los, Alex?“, fragte Mariane, ihre Stimme besorgt.
Alexander hob einen Finger und deutete auf eine Stelle an der Wand, die von einem alten, verblassten Wandteppich verdeckt wurde. „Seht mal. Dieses Mauerwerk hier… es sieht anders aus als der Rest.“ Er strich mit den Fingern über die Steine. „Die Fugen sind tiefer, und die Steine selbst scheinen nicht ganz so abgenutzt zu sein wie die daneben.“
Hansgeorg trat neugierig näher. Er hatte keine Geduld für lange Erklärungen, aber wenn es um potenzielle Entdeckungen ging, war er sofort zur Stelle. „Was meinst du? Sieht doch alles gleich aus.“ Er klopfte mit der Faust gegen die Wand.
„Nein, warte“, sagte Alexander bestimmt. „Hier ist etwas. Ein Stein… er sitzt nicht ganz fest.“ Er drückte vorsichtig gegen einen der vermeintlich gleichen Steine. Nichts geschah. Doch dann fiel sein Blick auf einen kleinen, unscheinbaren Riss, der sich wie eine feine Narbe durch den Stein zog.
„Vielleicht…“, murmelte er und suchte nach einem Werkzeug, etwas, womit er den Stein vorsichtig heraushebeln konnte. Doch bevor er etwas fand, trat Hansgeorg vor. Mit der ihm eigenen Impulsivität drückte er mit beiden Händen gegen den Stein, dort, wo Alexander ihn vermutet hatte.
Für einen Moment geschah nichts. Dann, mit einem tiefen, knarrenden Seufzer, als würde die Burg selbst erwachen, gab der Stein nach. Ein Spalt öffnete sich, und langsam, Zentimeter um Zentimeter, schwang ein Teil der Wand nach innen. Ein Hauch von kühler, modriger Luft strömte ihnen entgegen, und eine tiefe, dunkle Öffnung tat sich auf, die in das Innere der Burg führte.
Erster stieß einen leisen Schrei aus und versteckte sich wieder hinter Alexander. „Ich wusste es!“, flüsterte er, seine Augen weit aufgerissen. „Das ist ein Geheimgang! Und da drin sind bestimmt die Geister!“
Mariane sah von dem sich öffnenden Gang zu Erster und dann zu Alexander. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, eine Mischung aus Aufregung und leichter Besorgnis. „Na so was! Alexander, du hattest recht. Gut beobachtet!“
Petra trat einen Schritt näher, ihre Augen fixierten den dunklen Eingang. Sie spürte eine seltsame Anziehungskraft, eine Verlockung, die stärker war als jede Angst.
Alexander spürte, wie sein Herz schneller schlug. Er hatte etwas gefunden, etwas, das wirklich verborgen war. „Wir müssen vorsichtig sein“, sagte er, seine Stimme war ruhig, doch ein Hauch von Abenteuerlust schwingte darin mit. „Wir wissen nicht, was uns dort erwartet.“
Hansgeorg grinste breit. „Das ist doch das Beste daran! Komm, lass uns hineingehen!“ Er war bereits dabei, in den dunklen Gang zu treten.
„Moment!“, rief Mariane und griff nach seiner Hand. „Wir brauchen Licht. Und wir müssen uns absprechen.“ Sie war bereits dabei, ihre Tasche zu durchsuchen, ihre organisatorische Ader in voller Aktion. „Alexander, du hast die Idee. Du gehst voran. Hansgeorg, du bist stark, du kommst hinterher. Erster, du bleibst bei mir. Petra, du achtest auf alles, was wir übersehen könnten.“
Erster schluckte schwer. „Muss ich wirklich da rein?“, fragte er leise.
Alexander legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Wir bleiben zusammen, Erster. Wir passen aufeinander auf. Und wenn es zu unheimlich wird, drehen wir einfach um.“ Er war sich bewusst, dass seine Verantwortung als Ältester nun noch größer wurde. Er hatte eine Karte der Umgebung studiert, die er heimlich in einem alten Buch auf dem Dachboden gefunden hatte, und er hatte das Gefühl, dass diese Burg mehr Geheimnisse barg als nur alte Mauern.
Mariane fand ihre kleine Taschenlampe, deren Lichtstrahl zaghaft auf die dunklen Steine fiel. „Hier. Und wer hat noch eine? Wir brauchen alle Hände voll zu tun und dürfen uns nicht verlaufen.“
Petra nickte und zog ebenfalls eine kleine, aber helle Taschenlampe aus ihrer Hosentasche. Sie hatte sie immer dabei, für den Fall der Fälle.
Langsam, Schritt für Schritt, traten sie in den schmalen Gang. Der Steinmechanismus schloss sich hinter ihnen mit einem dumpfen Geräusch, und die kleine Welt, die sie eben noch kannten, war verschwunden. Nur der dünne Lichtkegel ihrer Taschenlampen brach die tiefste Dunkelheit, malte flackernde Schatten auf die feuchten Wände. Der Geruch nach Moder und etwas undefinierbar Altem intensivierte sich. Erster klammerte sich fester an Mariane, sein Atem ging schneller. Alexander spürte, wie sein Herz pochte, nicht nur vor Aufregung, sondern auch vor einer gewissen Ehrfurcht vor dem, was hier verborgen lag. Hansgeorg war die Anspannung anzumerken, seine Hände waren zu Fäusten geballt, bereit für alles, was kommen mochte. Petra schien die Stille des Ganges zu absorbieren, ihre Augen wanderten aufmerksam über jedes Detail, jede Unebenheit der Steine. Das Abenteuer hatte gerade erst begonnen.