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Chapter 3

Die erste Prüfung

Am nächsten Morgen führt Professor Finch den angekündigten Test mit Elara durch. Lena und Kai assistieren. Elara gelingt es, eine kontrollierte Traumvision zu erzeugen, in der sie einen illegalen Gedankenmarkt sieht und Kai mit einem zwielichtigen Händler beobachtet. Kais Reaktion darauf lässt vermuten, dass er mehr weiß, als er zugibt. Die Gruppe beschließt, Kais Aktivitäten genauer zu überwachen, und Elara erhält ihre erste Aufgabe: unter einem Vorwand mit Kai zu sprechen, um Informationen zu sammeln.

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Der Morgen begann mit dem Geräusch von klirrendem Geschirr und dem Duft von frischem Kaffee, der durch das Haus zog wie eine freundliche Einladung zum Wachwerden. Elara lag noch eine Weile im Bett und starrte an die Decke, wo der Riss immer noch von der Lampe zur Ecke führte. Ihre Gedanken kreisten um das nächtliche Gespräch, um Lenas warnende Worte und den rot glühenden Kristall. Sie fühlte sich, als hätte sie einen Film gesehen, der plötzlich in die falsche Richtung abgebogen war – und sie war mittendrin.

Sie setzte sich auf, atmete tief durch und schlüpfte in ihren Bademantel. Der Flur war leer, aber die Küche war bereits bevölkert. Professor Finch stand am Herd und rührte in einer großen Pfanne, in der Eier und Paprika brutzelten. Lena saß am Tisch, blätterte in einem Notizbuch und nippte an einer Tasse Kaffee. Kai war nicht zu sehen.

„Guten Morgen“, sagte der Professor, ohne sich umzudrehen. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen – abgesehen von der nächtlichen Spionageeinlage.“

Elara spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. „Tut mir leid. Ich wollte nicht –“

„Unsinn“, unterbrach Lena, ohne aufzublicken. „Du hast genau das gehört, was du hören solltest. Setz dich, iss etwas. Heute wird ein langer Tag.“

Elara setzte sich an den Tisch und nahm den Teller, den der Professor ihr hinstellte. Das Essen roch himmlisch, aber ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie schob das Ei auf dem Teller hin und her und fragte: „Wird Kai heute auch da sein?“

„Kai kommt später“, sagte der Professor und setzte sich ihr gegenüber. „Er hat sich angeboten, die Instrumente zu kalibrieren. Ich habe ihm gesagt, wir beginnen erst am Nachmittag, damit du dich vorbereiten kannst. In Wirklichkeit möchte ich den Test mit dir und Lena allein durchführen, bevor er eintrifft.“

Lena klappte ihr Notizbuch zu. „Wir müssen herausfinden, was du wirklich kannst, ohne dass er es sieht. Wenn er zu viel weiß, wird er handeln – und das wollen wir vermeiden, bis wir mehr über seine Kontakte wissen.“

Der Professor nickte. „Genau. Deshalb werden wir den Test so gestalten, dass er harmlos aussieht. Du wirst ein paar einfache Übungen machen – Fokussierung, Visualisierung, das Übliche. Aber in Wirklichkeit werden wir dein Potenzial messen. Und wenn wir Glück haben, erfahren wir mehr über die Vision, die du hattest, als du die Maschine berührt hast.“

Elara sah zwischen den beiden hin und her. „Und was ist, wenn ich nichts kann? Wenn die Vision nur ein Zufall war?“

Lena lachte leise. „Glaub mir, Zufälle gibt es bei uns nicht. Du bist hier aus einem Grund. Die Maschine hat dich erkannt – und das macht dich zu etwas Besonderem.“

Das Frühstück verlief in einer Mischung aus Anspannung und seltsamer Vertrautheit. Der Professor erzählte von seinen frühen Experimenten, wie er die Zeitmaschine aus alten Radioteilen und einem Kristall gebaut hatte, den er auf einem Flohmarkt gefunden hatte. „Der Kristall war das Entscheidende“, sagte er und wedelte mit der Gabel. „Er schien eine eigene Energie zu haben. Ich habe ihn getestet, aber erst als Lena ihn berührte, passierte etwas – sie hatte eine Vision von ihrem Großvater, der vor zwanzig Jahren gestorben war.“

Lena nickte. „Es war, als ob ich durch ein Fenster in die Vergangenheit gesehen hätte. Nur für einen Moment, aber es war real. Seitdem haben wir gelernt, die Maschine zu nutzen, um Träume zu steuern und manchmal sogar kurze Zeitsprünge zu machen.“

„Kai ist der Einzige, der keine eigenen Visionen hat“, fügte der Professor hinzu. „Er analysiert die Daten, berechnet Wahrscheinlichkeiten. Aber ich glaube, er hat eine andere Fähigkeit – eine, die er uns nicht zeigt.“

Elara schluckte. „Glaubst du, er kann Gedanken lesen?“

„Vielleicht. Oder er kann Erinnerungen beeinflussen. Ich weiß es nicht genau, aber ich weiß, dass er Kontakte zu Leuten hat, die für solche Fähigkeiten viel bezahlen würden. Und das macht ihn gefährlich.“

Nach dem Frühstück führten sie Elara in das „Jetzt-Zimmer“. Die Zeitmaschine stand in der Mitte, umgeben von Kabeln und Bildschirmen. Der Kristall lag in einer Halterung und leuchtete schwach blau. Der Professor schaltete einige Geräte ein, die zu summen begannen, und Lena stellte sich neben Elara.

„Okay“, sagte Lena. „Ich werde dir jetzt eine einfache Aufgabe geben. Ich möchte, dass du dich hinsetzt, die Augen schließt und dir einen Ort vorstellst, den du gut kennst – dein Kinderzimmer, deinen Lieblingspark, irgendetwas Vertrautes. Konzentriere dich auf die Details: die Farben, die Geräusche, die Gerüche. Wenn du das Gefühl hast, dass du wirklich dort bist, öffnest du die Augen und beschreibst, was du siehst.“

Elara setzte sich auf den Stuhl, der in der Mitte des Raumes stand. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Sie dachte an den kleinen Park in ihrer Heimatstadt, wo sie als Kind immer mit ihrem Vater gespielt hatte. Die Schaukel, die quietschte, der Geruch von frisch gemähtem Gras, das Lachen der anderen Kinder. Sie konzentrierte sich so stark sie konnte, bis sie das Gefühl hatte, die Sonne auf ihrer Haut zu spüren.

„Ich bin da“, flüsterte sie.

„Gut“, sagte Lenas Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien. „Jetzt versuche, dich zu bewegen. Geh zu dem Baum am Ende des Parks. Was siehst du?“

Elara öffnete die Augen in ihrer Vorstellung – und plötzlich war sie tatsächlich dort. Sie stand unter einer großen Eiche, deren Blätter im Wind raschelten. Der Park war leer, aber sie spürte eine Präsenz hinter sich. Sie drehte sich um und sah eine Gestalt, die zwischen den Bäumen stand – und sie erkannte die Umrisse von Kai.

„Er ist hier“, sagte sie laut in der Realität. „Kai ist im Park. Er beobachtet mich.“

„Was macht er?“, fragte der Professor scharf.

„Er – er schreibt etwas in ein Notizbuch. Jetzt sieht er auf. Er lächelt. Aber es ist nicht freundlich. Es ist – berechnend.“

Plötzlich verschwamm die Vision, und Elara riss die Augen auf. Sie keuchte und griff nach der Stuhllehne. Ihr Herz raste. „Das war nicht nur Einbildung. Er war wirklich da. In meiner Vorstellung.“

Lena und der Professor tauschten einen Blick. „Das ist neu“, sagte Lena. „Normalerweise können wir nur unsere eigenen Erinnerungen oder die der Maschine sehen. Aber du hast Kais Anwesenheit in deiner Vision gespürt – als ob du in seine Gedanken eindringen könntest.“

Der Professor trat näher. „Elara, ich möchte, dass du noch einmal die Augen schließt. Aber diesmal versuche, dich auf den Markt zu konzentrieren, den du in deinem Traum gesehen hast. Den Markt der Gedanken. Kannst du ihn wieder heraufbeschwören?“

Elara zögerte. Der Traum war seltsam und beunruhigend gewesen, aber sie spürte, dass er wichtig war. Sie schloss die Augen und ließ die Bilder zurückkommen: die Stände, die Umhänge, die leuchtenden Gläser. Der Händler mit den gelben Zähnen. Sie konzentrierte sich auf das grüne Glas, das er ihr gezeigt hatte.

Und dann war sie wieder dort. Der Lärm der Menge umgab sie, die Gerüche von Gewürzen und Schweiß. Der Händler grinste und hielt ihr immer noch das Glas hin. „Ich wusste, dass du zurückkommst“, sagte er. „Dein erster Gedanke an diesen Ort – er ist wertvoll. Jemand hat schon geboten.“

„Wer?“, fragte Elara, und ihre Stimme klang fest, obwohl sie innerlich zitterte.

Der Händler zeigte hinter sie. „Der junge Mann mit der Brille. Er scheint dich sehr zu mögen.“

Elara drehte sich um und sah Kai, der zwischen den Ständen stand, genau wie in ihrem vorherigen Traum. Er schrieb immer noch in sein Notizbuch, aber jetzt sah er auf und nickte ihr zu. Seine Lippen formten ein Wort: „Hallo.“

Die Vision zerbrach. Elara öffnete die Augen und starrte auf das vertraute Zimmer. „Er war wieder da. Kai war auf dem Markt. Er hat mit dem Händler gesprochen.“

Lena fluchte leise. „Das ist nicht gut. Wenn Kai wirklich Kontakt zu diesen Leuten hat, dann weiß er vielleicht schon mehr über dich, als wir dachten.“

Der Professor runzelte die Stirn. „Wir müssen vorsichtig sein. Elara, ich möchte, dass du dich heute Nachmittag, wenn Kai kommt, normal verhältst. Sag ihm nichts von deinen Visionen. Wir werden einen harmlosen Test durchführen – einfache Konzentrationsübungen. Aber in Wirklichkeit werden wir beobachten, wie er reagiert. Und wenn er etwas tut, das verdächtig ist, greifen wir ein.“

Elara nickte, obwohl ihr Herz immer noch schnell schlug. Sie fühlte sich, als hätte sie gerade einen Blick in eine Welt geworfen, die sie nicht verstand – und in der sie eine Rolle spielte, die sie sich nicht ausgesucht hatte.

Pünktlich um zwei Uhr klingelte es an der Tür. Kai kam herein, beladen mit einem Laptop und mehreren Kabelrollen. Er trug ein dunkelblaues Hemd, das ordentlich gebügelt war, und seine Brille saß perfekt auf seiner Nase. Er lächelte, als er Elara sah, aber sie bemerkte, dass sein Blick kurz an ihren Händen hängen blieb – als ob er nach Spuren suchte.

„Guten Morgen allerseits“, sagte er und stellte seine Sachen auf den Tisch. „Ich habe die Messgeräte neu kalibriert. Sie sollten jetzt empfindlicher sein. Hast du schon mit den Übungen angefangen, Elara?“

„Nur ein paar Atemtechniken“, sagte sie und bemühte sich um einen neutralen Ton. „Der Professor meinte, ich solle erst mal zur Ruhe kommen.“

Kai nickte und warf einen Blick auf die Zeitmaschine. „Gute Idee. Die Maschine kann überwältigend sein, wenn man nicht vorbereitet ist. Aber ich bin sicher, du wirst schnell lernen.“

Der Professor klatschte in die Hände. „Also dann, lasst uns beginnen. Kai, du überwachst die Daten. Lena, du stehst Elara zur Seite. Ich werde die Anweisungen geben. Elara, setz dich bitte vor die Maschine und lege deine Hände auf die Kontaktplatten – aber berühre den Kristall nicht direkt, okay?“

Elara tat, wie ihr geheißen. Die Platten waren kühl und fühlten sich an wie poliertes Metall. Sie legte ihre Hände darauf und schloss die Augen. Der Professor begann mit beruhigenden Worten: „Stell dir vor, deine Gedanken sind wie ein Fluss. Lass sie fließen, aber versuche, sie in eine Richtung zu lenken. Konzentriere dich auf ein Bild – einen Apfel, eine Kerze, was immer dir einfällt. Halte es fest, so lange du kannst.“

Elara konzentrierte sich auf einen roten Apfel. Sie sah ihn vor sich: die glatte Schale, der Stiel, ein kleiner brauner Fleck. Sie versuchte, das Bild klar und stabil zu halten. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass Kai auf seinen Laptopbildschirm starrte, wo Kurven und Zahlen tanzten.

„Gut“, sagte der Professor. „Jetzt öffne langsam die Augen, aber behalte das Bild im Kopf. Siehst du es noch?“

Elara öffnete die Augen. Der Apfel schwebte in ihrer Vorstellung, halb durchsichtig, aber deutlich erkennbar. Sie nickte.

„Perfekt. Das ist ein gutes Zeichen. Deine Konzentrationsfähigkeit ist hoch. Jetzt versuche, den Apfel zu verändern – mach ihn grün oder lass ihn kleiner werden.“

Sie tat es, und die Kurve auf Kais Bildschirm zuckte kurz. Er runzelte die Stirn. „Interessant. Die Gehirnwellen zeigen starke Ausschläge, wenn sie das Bild wechselt. Das ist ungewöhnlich.“

Lena warf dem Professor einen schnellen Blick zu. „Vielleicht ist sie einfach begabt. Sollen wir mit der nächsten Übung weitermachen?“

Der Professor nickte. „Elara, ich möchte, dass du jetzt versuchst, ein Bild von etwas zu erzeugen, das du nicht kennst – zum Beispiel das Innere des Zimmers nebenan. Stell dir vor, du könntest durch die Wand sehen. Was siehst du?“

Elara konzentrierte sich. Sie dachte an das Nebenzimmer, das sie noch nie betreten hatte – es war ein kleiner Raum, der als Lager genutzt wurde. Sie versuchte, sich einen Stapel Kartons vorzustellen, alte Möbel, Staub. Aber stattdessen erschien vor ihrem inneren Auge ein anderer Ort: ein düsterer Raum mit Neonlicht, in dem Menschen an Computern saßen und Gläser mit farbigem Inhalt sortierten.

„Ich sehe – einen Raum mit vielen Monitoren“, sagte sie langsam. „Menschen in weißen Kitteln. Sie sortieren Gläser. Kleine Gläser, die leuchten. Grün, rot, blau.“

Kai richtete sich auf. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber seine Finger trommelten auf der Tischplatte. „Das klingt nach einem Labor. Kannst du etwas erkennen, das dir bekannt vorkommt? Ein Logo, ein Schild?“

Elara schüttelte den Kopf. „Nein, aber – warte. Da ist ein Mann. Er trägt einen Umhang, genau wie auf dem Markt in meinem Traum. Er dreht sich um. Er sieht mich an.“

Sie spürte, wie kalte Luft über ihren Nacken strich. Der Mann im Umhang lächelte und hob ein grünes Glas hoch. „Dein erster Gedanke“, flüsterte er. „Bald gehört er mir.“

Die Vision brach ab. Elara zog ihre Hände von den Platten zurück, als ob sie sich verbrannt hätte. Ihr Atem ging schnell. „Er hat mich gesehen. Der Mann im Umhang hat mich gesehen.“

Lena legte eine Hand auf ihre Schulter. „Beruhige dich. Du bist hier sicher. Das war nur eine Vision, keine echte Bedrohung.“

„Aber sie fühlte sich echt an“, sagte Elara leise. „Und ich glaube, er weiß, wer ich bin.“

Kai stand auf und ging zu seinem Laptop. „Die Daten zeigen eine massive Spitze in den Theta-Wellen, gefolgt von einem Abfall. Das deutet auf eine tiefe Trance hin, aber mit einem abrupten Erwachen. Elara, hast du das Gefühl, dass du die Vision kontrollieren konntest?“

„Nein“, gab sie zu. „Sie ist einfach passiert.“

„Das ist normal am Anfang“, sagte der Professor beschwichtigend. „Mit der Zeit wirst du lernen, sie zu steuern. Für heute haben wir genug getan. Du solltest dich ausruhen.“

Kai nickte zustimmend, aber Elara sah, wie er kurz auf sein Handy blickte und eine Nachricht tippte. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie wusste, dass er etwas plante – und sie musste herausfinden, was.

Als Kai sich verabschiedete und das Haus verließ, zog Lena Elara beiseite. „Du hast gut gemacht. Aber wir müssen jetzt handeln. Ich habe eine Idee, wie wir Kai überführen können. Du wirst ihm morgen sagen, dass du eine neue Vision hattest – eine, die ihn zu einem bestimmten Ort führt. Und dann werden wir ihm folgen.“

Elara schluckte. „Und wenn er merkt, dass es eine Falle ist?“

Lena lächelte, aber es war kein fröhliches Lächeln. „Dann werden wir herausfinden, wie gut er wirklich lügen kann. Aber eines verspreche ich dir: Egal was passiert, wir werden dich beschützen.“

In dieser Nacht schlief Elara unruhig. Sie träumte wieder von dem Markt, aber diesmal stand sie allein in der Mitte, umgeben von leuchtenden Gläsern, und eine Stimme flüsterte ihren Namen. Als sie aufwachte, war das Summen der Zeitmaschine lauter als sonst – und sie wusste, dass der nächste Tag alles verändern würde.

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