Chapter 3
Der erste Erfolg
Die Vermittlung floriert unerwartet. Wohlhabende Damen suchen nicht nur Partner, sondern auch den charmanten Chauffeur Anton. Eleonore und die Zofen genießen den neuen Reichtum.
Eleonore saß mit leicht geröteten Wangen in ihrem Sessel, die Hände um eine fast leere Teetasse geschlungen. Die Nachmittagssonne strömte sanft durch die hohen Fenster und tauchte den Salon in ein goldenes Licht, das die Staubkörner wie winzige, tanzende Sterne erscheinen ließ. Vor ihr auf dem Couchtisch lagen mehr Blankoschecks, als sie je zuvor gesehen hatte, und daneben, ordentlich gestapelt, die Verträge, die sie und ihre Damen in den letzten Wochen unterzeichnet hatten. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Es war tatsächlich ein Erfolg, ein überwältigender Erfolg.
„Ich kann es immer noch nicht ganz glauben, Eleonore“, murmelte Natalie und ordnete die Papiere. Ihre Stimme war so sachlich wie immer, doch ein Hauch von Erstaunen, für sie ungewöhnlich bei ihren jüngsten Unternehmungen, schwang mit. Sie war die Bodenständige der Gruppe, prüfte stets die Zahlen, bevor sie sich von der Euphorie mitreißen ließ. Heute schien selbst sie von der Realität ihres florierenden Geschäfts etwas überrascht zu sein.
Clara, die Jüngste und Verträumteste, sprang auf und wirbelte durch den Raum, als hätte sie gerade einen Triumph errungen. Ihre Locken umspielten ihr Gesicht. „Es ist wie im Märchen! Ich hab’s euch doch gesagt! Die Damen lieben uns, und vor allem lieben sie … ihn!“ Sie ließ das letzte Wort bewusst in der Luft hängen und warf einen bedeutungsvollen Blick zur Tür, durch die Anton, der Chauffeur, soeben mit einem Tablett frischer Kekse und einer neuen Kanne Tee verschwunden war.
Eleonore seufzte leise; ein Hauch von Melancholie mischte sich mit ihrer Freude. Ja, Anton. Er war der unerwartete Publikumsmagnet ihrer kleinen, aber feinen Heiratsagentur. Anfangs hatten sie ihn lediglich als eine Art luxuriöses Accessoire für die wohlhabenden Damen angeboten, als eine Art „Extra“, um ihre Dienste noch begehrenswerter zu machen. Sie hatten ihn zwar gutaussehend gefunden, aber nicht erwartet, dass er sich zu einer solchen Attraktion entwickeln würde. Seine ruhige Ausstrahlung, seine unaufdringliche Höflichkeit, seine fast aristokratische Art, Türen zu öffnen oder Mäntel entgegenzunehmen – all das schien die einsamen Damen mehr zu berühren als jeder potenzielle Ehemann, den sie vorschlugen.
„Er ist wirklich etwas Besonderes“, stimmte Eleonore zu und hielt die Teetasse nun fest in beiden Händen. „Seine Diskretion, seine Zuverlässigkeit … und ja, sein Aussehen ist nicht zu verachten.“ Sie musste sich auf die Lippe beißen, um nicht zu grinsen. Sie hatte ein ambivalentes Verhältnis zu Anton. Einerseits war er ein Angestellter, ein Mittel zum Zweck, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Andererseits übte er eine stille Anziehungskraft aus, eine seltsame Vertrautheit, die sie sich nicht erklären konnte. Er war zwar wortkarg, aber wenn er sie ansah, schien er mehr zu sehen, als sie selbst preisgab.
„Ein Mann wie er ist eine Rarität“, nickte Natalie zustimmend. „Und die Damen scheinen das zu erkennen. Ich habe sogar Anfragen erhalten, in denen ausdrücklich nach ihm gefragt wurde, noch bevor von einem passenden Partner die Rede war.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wir hätten Anton als Hauptattraktion anbieten sollen.“
Clara kicherte. „Aber dann hätten wir ja keinen Mann mehr für uns, Natalie!“ Sie zwinkerte ihrer Kollegin zu, die leicht die Augen verdrehte, doch ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Die Vorstellung, dass sie, die pragmatische Natalie, sich um einen Mann kümmern würde, schien sie zu amüsieren.
„Ach, Clara“, seufzte Natalie, aber ohne wirkliche Strenge. „Träum weiter. Wir sind hier, um Geld zu verdienen, nicht um uns selbst zu verkuppeln.“
„Aber warum nicht beides?“, erwiderte Clara unschuldig. „Wir helfen anderen, ihr Glück zu finden, und vielleicht finden wir dabei auch etwas für uns.“ Verträumt blickte sie aus dem Fenster, während die Sonne langsam unterging.
In diesem Moment kam Anton mit dem Tablett mit den Keksen und dem Tee zurück. Seine Bewegungen waren ruhig und geschmeidig, und als er Eleonore die Teetasse reichte, berührten sich ihre Finger einen Augenblick lang. Eleonore spürte ein leichtes Kribbeln, das sie sofort unterdrückte. Er hob kurz den Blick, und seine Augen, die so oft nachdenklich und ein wenig traurig wirkten, schienen für einen Moment etwas zu bergen, das Eleonore nicht deuten konnte. Ein Lächeln? Wiedererkennung? Sie wusste es nicht.
„Danke, Anton“, sagte sie leise.
„Gern geschehen, Madam“, erwiderte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. Er stellte das Tablett auf den Tisch und verbeugte sich leicht, bevor er sich wieder zurückzog, um später die leeren Tassen abzuholen.
„Siehst du?“, flüsterte Clara aufgeregt, als Anton die Tür hinter sich schloss. „Er ist einfach perfekt. Wie ein Prinz aus einem alten Buch.“
Natalie schnaubte leise. „Ein Prinz, der uns im Grunde als Dienstleister zur Verfügung steht. Aber ja, er ist gut für unser Geschäft. Sehr gut.“ Sie nahm einen Keks und betrachtete ihn nachdenklich. „Wir müssen nur aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr auf ihn verlassen. Was passiert, wenn er eines Tages seine eigene Frau findet und uns verlässt?“
Eleonore zuckte leicht zusammen. Auch dieser Gedanke beunruhigte sie, obwohl sie ihn bis jetzt verdrängt hatte. „Das wird nicht passieren, Natalie. Wir sind ein Team. Und Anton ist ein loyaler Mann.“ Zumindest hoffte sie das. Seine Geheimnisse schienen tiefer zu reichen, als sie vermutet hatte. Sie hatte ihn nie wirklich nach seiner Vergangenheit gefragt, und er hatte nie von sich aus davon erzählt.