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Chapter 2

Eine kühne Idee

Aus der Not geboren, schmieden Eleonore und ihre Zofen einen Plan: Eine Ehevermittlung soll das Geld bringen. Der Chauffeur wird als 'Zusatzleistung' für zahlungskräftige Kundinnen angeboten.

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Eleonores Blick schweifte über die staubigen, aber einst so prachtvollen Räume ihres Anwesens. Jeder Winkel erzählte Geschichten von Glanz und Gloria, von rauschenden Festen und unbeschwerten Tagen. Doch die Kasse war leer, die Rechnungen stapelten sich und die einst so sorglose Eleonore spürte eine bleierne Schwere auf ihrer Brust. „Wir müssen etwas tun“, murmelte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Natalie, die stets pragmatische Zofe, nickte zustimmend, ihre Augen auf die zerfledderten Notizbücher gerichtet, die Eleonores Ausgaben dokumentierten. „Aber was, Madame? Die üblichen Quellen sind versiegt.“

Clara, die Jüngste im Bunde und eine unerschütterliche Romantikerin, setzte sich mit einem Seufzer auf die breite Fensterbank und blickte hinaus in den grauen Himmel. „Vielleicht sollten wir einfach jemanden bitten, uns zu heiraten? Einen reichen Mann, der uns dann finanziell unterstützt?“ Ein leichtes Lächeln umspielte Natalies Lippen. „Das wäre die einfachste Lösung, Clara, wenn es denn so einfach wäre. Aber wer heiratet schon jemanden, den er nicht kennt, nur wegen des Geldes?“

Eleonore hob den Kopf, ein Funken in ihren Augen, der schon lange nicht mehr zu sehen war. „Aber was, wenn wir nicht jemanden bitten, sondern es anbieten? Was, wenn wir eine Dienstleistung anbieten, die genau das tut? Eine Ehe-Vermittlung mit gesellschaftlichen Einladungen. Aber wer soll das bezahlen? Und wen vermitteln wir?“

„Uns!“, rief Eleonore begeistert. „Wir sind doch alle noch zu haben, nicht wahr? Und wir wissen, was Frauen wollen. Wir können ihnen einen Mann besorgen, der zu ihnen passt. Und das Beste daran“, sie grinste schelmisch, „Wir haben Spaß. Und Anton auch!“

Bei Nennung des Namens zuckte Natalie leicht zusammen. Anton, der Chauffeur. Zuverlässig, schweigsam, mit einer Aura von unaufdringlicher Würde. Er war mehr als nur ein Fahrer; er war ein Teil des Hauses geworden, ein stummer Beobachter, dessen Anwesenheit Eleonore oft irritierte, aber auch eine seltsame Beruhigung bot.

„Anton?“, wiederholte Natalie skeptisch. „Den sollen wir… vermitteln?“

„Nicht vermitteln, Natalie. Anbieten!“, korrigierte Eleonore. „Wir bieten ihn als Zusatzleistung für unsere wohlhabenden Kundinnen an. Stellen Sie sich vor: Eine Dame, die einen Mann sucht, der charmant, diskret und – nun ja – gutaussehend ist. Anton passt perfekt.“ Sie gestikulierte wild. „Wir gründen eine Agentur. ‚Eleonores elegante Partnerschaften‘ oder so ähnlich. Wir locken die reichen Damen mit der Aussicht auf einen perfekten Partner, und als Clou servieren wir ihnen Anton. Ein Mann, der bereit ist, sich um sie zu kümmern, ein Gentleman auf Abruf.“

Clara sprang von der Fensterbank auf, ihre Augen glänzten. „Oh, das klingt wie in einem meiner Romane! Eine geheime Organisation, die Liebesgeschichten arrangiert!“

Natalie seufzte. „Clara, das ist kein Roman. Das ist ein Geschäft. Und wir wissen nichts über Geschäfte. Und was, wenn Anton nicht will?“

„Anton wird tun, was wir ihm sagen“, erwiderte Eleonore bestimmt, obwohl ein leiser Zweifel in ihr aufstieg. Anton war nicht leicht zu durchschauen. Er war ein Mann von wenigen Worten, aber von fester Haltung.

Die nächsten Tage verbrachten sie damit, die Details auszuarbeiten. Eleonore, mit ihrer einstigen Erfahrung in der Organisation von Gesellschaftsevents, übernahm die strategische Planung. Natalie, mit ihrem scharfen Verstand, kümmerte sich um die Finanzen und die rechtlichen Aspekte, so gut sie es mit ihren begrenzten Kenntnissen eben konnte. Clara, die mit ihren Träumen von der großen Liebe und ihrer Liebe zu Geschichten, sich um die romantische Ausgestaltung der Anzeigen und die Beschreibungen der potenziellen Bräutigame kümmerte.

Sie erstellten Broschüren, die Eleonores verbliebenen Luxus widerspiegelten, mit glänzenden Fotos von elegant gekleideten Frauen und diskreten Hinweisen auf diskrete Dienstleistungen. Die Zielgruppe waren Damen der gehobenen Gesellschaft, die nach Gesellschaft suchten, nach jemandem, der sie auf Gala-Abende begleitete, mit ihnen über Kunst und Literatur sprach und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Der erste Schritt war, Anton ins Boot zu holen. Eleonore bat ihn in ihr Arbeitszimmer, das sie nun zum Büro der Agentur umfunktioniert hatte. Der Raum, einst erfüllt vom Duft teurer Zigarren und dem Klappern von Spielkarten, roch nun nach altem Papier und einer gewissen Hoffnung.

Anton trat ein, seine Haltung gerade, sein Blick ruhig. Er trug seine Uniform, die stets makellos war. „Sie wünschten mich, Madame?“

Eleonore räusperte sich. „Anton, wir haben eine neue Geschäftsidee. Etwas, das uns allen helfen könnte, diese schwierige Zeit zu überstehen.“ Sie erklärte ihm den Plan, ihre Stimme bemüht, professionell zu klingen. Sie betonte die Diskretion, die Zuverlässigkeit und die Vorteile, die auch für ihn entstehen könnten. „Wir würden Sie als… als eine Art Premium-Service anbieten. Für unsere besonders anspruchsvollen Kundinnen. Sie würden sie begleiten, für sie da sein, ganz nach ihren Wünschen.“

Anton hörte aufmerksam zu, sein Gesichtsausdruck unverändert. Als Eleonore geendet hatte, herrschte eine Weile Schweigen. Dann sagte er leise: „Und was, wenn ich das nicht möchte, Madame?“

Eleonores Herz sank. Das war genau ihre Befürchtung gewesen. „Anton, wir sind in einer finanziellen Notlage. Dies ist unsere einzige Chance, das Haus zu retten. Und Sie wären nicht allein. Sie wären Teil eines Teams.“

Anton blickte aus dem Fenster, seine Augen schienen in die Ferne zu schweifen, als würde er dort Antworten suchen. „Ich bin Ihr Chauffeur, Madame. Ich fahre Sie, wohin Sie wollen. Ich bin diskret. Aber ich bin kein… kein Begleiter auf Abruf.“

Natalie, die heimlich hinter der Tür gelauscht hatte, trat hervor. „Anton, bitte. Wir brauchen Sie. Wir können das nicht ohne Sie schaffen. Denken Sie an uns alle. An das Haus.“

Clara gesellte sich zu ihnen. „Es wäre nur für eine Weile, Anton. Bis wir wieder auf den Beinen sind. Und es wäre eine ehrenvolle Aufgabe. Sie würden Damen Gesellschaft leisten, die einsam sind.“

Anton drehte sich zu den drei Frauen um. Er sah die Sorge in Eleonores Augen, die aufrichtige Bitte in Natalies, und die hoffnungsvolle Naivität in Claras. Er seufzte leise. „Ich verstehe. Aber ich bin kein Mann, der sich leicht verstellen kann. Ich bin kein Schauspieler.“

„Das verlangen wir nicht von Ihnen, Anton“, versicherte Eleonore. „Wir bitten nur um Ihre Kooperation. Ihre Zuverlässigkeit. Ihre gute Art. Das ist alles, was zählt.“

Nach einem langen Moment nickte Anton. „Ich werde es versuchen, Madame. Aber ich kann nichts versprechen, was ich nicht halten kann.“

Ein Stein fiel Eleonore vom Herzen. „Danke, Anton. Sie sind ein Lebensretter.“

Die Ehevermittlung nahm Fahrt auf. Die ersten Anfragen ließen nicht lange auf sich warten. Wohlhabende Witwen, gelangweilte Ehefrauen, einsame Erbtöchter – sie alle suchten nach einer Verbindung, nach einem Lächeln, nach einer Ablenkung. Und Eleonore und ihre Zofen gaben ihr Bestes, ihnen eine Illusion von Glück zu verkaufen.

Die erste Kundin war eine Dame namens Baronin von Steinberg, eine elegante, aber offensichtlich einsame Frau mittleren Alters. Sie war fasziniert von der Idee, einen charmanten Begleiter für die bevorstehende Opernsaison zu haben. Anton wurde ihr vorgestellt, und zu Eleonores Erleichterung nahm sie ihn mit offenen Armen auf. Er begleitete sie zu den Vorstellungen, führte höfliche Gespräche und war stets zuvorkommend. Die Baronin war begeistert und zahlte eine stattliche Summe, die Eleonores dringend benötigte Liquidität verschaffte.

„Sehen Sie!“, rief Eleonore triumphant, als sie die Goldmünzen in ihrer Hand wog. „Ich wusste, dass es funktionieren würde! Anton ist ein wahrer Schatz.“

Natalie nickte zustimmend, aber ihre Augen ruhten nachdenklich auf Anton, als er vom Wagen stieg, seine Miene wie immer ruhig und unbewegt. „Er macht das gut. Aber ich frage mich, was er wirklich davon hält.“

Clara, die die Berichte der Baronin über Anton vorgelesen hatte, war entzückt. „Er soll so galant gewesen sein! Und er hat ihr ein Gedicht vorgelesen!“

Eleonore runzelte die Stirn. „Ein Gedicht? Das war nicht Teil des Plans.“

Doch die Geschäfte liefen weiter. Eine Witwe suchte einen Mann für Spaziergänge im Park. Eine junge Erbin brauchte einen Beschützer auf ihren Reisen. Jede erfolgreiche Vermittlung brachte neues Geld in die Kasse und gab Eleonore und ihren Zofen ein Gefühl der Erleichterung. Sie begannen, sich in ihrer neuen Rolle als 'Kupplerinnen' zu etablieren, und die wohlhabenden Damen der Stadt schienen Gefallen an Eleonores diskreten, aber effektiven Methoden zu finden.

Doch mit dem Erfolg kamen auch die ersten Risse im sorgfältig konstruierten Plan. Eines Tages erschien eine neue Kundin, eine Dame von beeindruckender Erscheinung und einem scharfen Verstand, die sich als Frau von Welt gab. Sie hatte die Broschüren gesehen und war interessiert, aber sie war auch skeptisch.

„Ich suche keinen Mann, der mir Honig ums Maul schmiert, junge Dame“, sagte sie zu Eleonore, ihre Stimme schneidend. „Ich suche jemanden, der… nun ja, der echt ist. Jemand, der nicht nur eine Rolle spielt.“

Eleonore war überrascht. „Wir versichern Ihnen, Madame, dass wir nur seriöse und aufrichtige Partner vermitteln.“

„Und dieser Chauffeur?“, fragte die Dame, ihre Augen blitzten. „Ist er auch echt?“

Eleonore zögerte. „Anton ist ein Gentleman.“

Die Dame lachte, ein trockenes, kehliges Geräusch. „Ein Gentleman, der für Geld Damen Gesellschaft leistet? Das nenne ich Zynismus, nicht Gentleman. Aber wissen Sie was? Ich bin bereit, diese Erfahrung zu machen. Aber ich zahle nicht nur für seine Anwesenheit. Ich zahle für seine Ehrlichkeit. Sagen Sie mir, was er wirklich denkt.“

Eleonore war perplex. Sie hatte nie daran gedacht, Anton nach seinen Gedanken zu fragen. Er war nur ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck. Doch die Worte der Dame ließen sie nicht los.

Am Abend suchte sie Anton in der Garage auf, wo er gerade den Wagen polierte. Er blickte auf, als sie eintrat, seine Augen ruhig und fragend.

„Anton“, begann Eleonore zögernd, „eine unserer Kundinnen… sie fragte mich heute nach Ihnen. Nach Ihren Gedanken.“

Anton legte das Tuch beiseite. „Meine Gedanken, Madame?“

„Ja. Sie sagte, sie zahle nicht nur für Ihre Anwesenheit, sondern auch für Ihre Ehrlichkeit. Was denken Sie denn wirklich über diese Arbeit?“

Anton schwieg einen Moment, sein Blick wanderte über die glänzende Oberfläche des Wagens. Dann sagte er leise: „Ich tue, was von mir verlangt wird, Madame. Ich bin diskret. Ich bin zuverlässig. Ich versuche, den Damen eine angenehme Zeit zu bereiten. Aber…“ Er stockte.

„Aber was, Anton?“, drängte Eleonore.

„Aber es ist nicht immer einfach“, fuhr er fort. „Manchmal fühlt es sich an, als würde man ein Spiel spielen. Ein Spiel, das die Einsamkeit der Menschen nicht wirklich löst, sondern nur überdeckt.“

Eleonores Herz zog sich zusammen. Sie hatte Anton nie als einen Menschen mit eigenen Gefühlen und Gedanken betrachtet. Sie hatte ihn als Teil ihres Inventars gesehen, wie die Möbel oder die Pferde. „Sie… Sie fühlen sich also nicht wohl damit?“

Anton hob den Kopf und sah sie direkt an. „Ich bin kein Mann, der sich leicht beschwert, Madame. Aber es gibt Momente, da frage ich mich, ob wir den Damen damit wirklich einen Gefallen tun. Ob wir ihnen nicht nur eine Illusion verkaufen.“

Eleonore war tief getroffen. Sie hatte sich so sehr auf ihren Plan konzentriert, auf die finanzielle Rettung, dass sie die menschliche Komponente völlig vernachlässigt hatte. Sie hatte Anton und die Gefühle der Damen nur als Zahlen in ihrer Kalkulation gesehen.

„Ich… ich verstehe, Anton. Danke, dass Sie ehrlich sind.“ Sie wandte sich zum Gehen, doch Anton rief sie zurück.

„Madame“, sagte er, seine Stimme ernst. „Ich habe eine Idee. Vielleicht… vielleicht sollten wir uns nicht nur auf die Vermittlung von Männern konzentrieren. Vielleicht sollten wir auch… nun ja, vielleicht sollten wir auch auf die Bedürfnisse der Damen selbst eingehen. Nicht nur auf die Suche nach einem Partner, sondern auf die Suche nach Glück. Nach Erfüllung.“

Eleonore blickte ihn an, überrascht von seiner Einsicht. Er, der wortkarge Chauffeur, zeigte eine Tiefe, die sie nie vermutet hätte. „Was meinen Sie damit, Anton?“

„Ich meine“, fuhr Anton fort, seine Stimme nun fester, „dass viele dieser Damen nicht nur einen Mann suchen. Sie suchen Gesellschaft, Verständnis, vielleicht auch eine neue Perspektive auf ihr Leben. Und wir… wir haben hier im Haus doch auch eine Menge Wissen und Erfahrung. Vielleicht könnten wir ihnen mehr anbieten als nur ein paar Stunden mit einem Mann.“

Eleonore stand still, ihre Gedanken rasten. Anton hatte Recht. Sie hatten sich so auf die Ehevermittlung konzentriert, dass sie die eigentlichen Bedürfnisse der Menschen übersehen hatten. Und Anton, der Chauffeur, war derjenige, der sie darauf aufmerksam machte. Eine kühne Idee formte sich in ihrem Kopf, inspiriert von den Worten des Mannes, den sie als ihr Eigentum betrachtet hatte. Vielleicht war es an der Zeit, dass sie alle, nicht nur die Kundinnen, sondern auch sie selbst, nach ihrem eigenen Glück suchten. Und vielleicht war die Reise dorthin unerwarteter, als sie es sich je hätten vorstellen können.

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