Chapter 2
Kapitel 2: Die Entscheidung
Roxy zögert, Dustin anzurufen, doch als sie am nächsten Tag zur Arbeit geht, wird sie von einem Fremden angesprochen, der sie zu einem geheimen Kampf einlädt. Sie folgt ihm und gerät in eine Falle, aus der Dustin sie rettet. Dabei erfährt sie, dass er seit Wochen ihren Weg verfolgt hat, um sie für ein Turnier zu gewinnen. Zwischen Misstrauen und Anziehung schwankend, willigt sie zögernd ein, ihn am nächsten Abend zu treffen.
Der Regen hatte aufgehört, als Roxy am nächsten Morgen erwachte. Das graue Licht des frühen Tages fiel durch das schmale Fenster und zeichnete Schatten an die Wand. Sie lag still, die Decke bis zum Kinn gezogen, und starrte an die Decke. In ihren Gedanken war immer noch Dustin. Die Karte lag auf dem Nachttisch, und das Handy vibrierte längst nicht mehr. Sie hatte ihm nicht geantwortet.
„Du bist verrückt“, murmelte sie sich selbst zu und schwang die Beine aus dem Bett. Der kalte Boden ließ sie frösteln. Sie zog sich an, wie immer: Jeans, einfaches Shirt, Kapuzenjacke. Kein Make-up, keine Extras. Sie war kein Mensch, der sich verstellte.
In der kleinen Küche machte sie sich einen starken Kaffee, setzte sich an den wackligen Tisch und ließ die Finger um die heiße Tasse kriechen. Die Karte lag vor ihr, die schwarze Schrift auf dem cremefarbenen Karton. Telefonnummer, nichts weiter. „Ruf mich an“, hatte er gesagt. Und dann die Nachricht. Ihre Finger zuckten, aber sie stand auf, stellte die Tasse in die Spüle und schnappte sich ihre Sporttasche.
Heute war Trainingstag im Boxclub. Sie brauchte das, den Schweiß, den Schmerz in den Knöcheln, das dumpfe Geräusch der Schläge auf den Sandsack. Alles, was sie von diesem Mann und seinen rätselhaften Angeboten ablenkte.
Der Club lag in einer heruntergekommenen Halle im Industrieviertel. Alte Matten auf dem Boden, muffiger Geruch nach Schweiß und Metall. Der Trainer, ein älterer Mann mit grauen Schläfen namens Heiko, nickte ihr kurz zu, als sie eintrat. „Roxy, schön, dass du da bist. Harte Woche gehabt?“
„Ich hab’s überlebt“, antwortete sie trocken und begann, ihre Hände zu bandagieren. Die Bewegungen saßen, Routine, die sie in den letzten Jahren perfektioniert hatte.
Das Training dauerte zwei Stunden. Sie boxte gegen den Sack, übte Kombinationen, weichte aus – alles, was ihren Geist füllte. Aber in den Pausen, wenn sie keuchend auf der Bank saß, krochen die Gedanken zurück. Dustin. Seine Augen. Die Art, wie er sie angesehen hatte, als ob er alles wüsste.
Heiko kam zu ihr, ein Handtuch über der Schulter. „Du bist abwesend heute. Was ist los?“
„Nichts. Nur müde.“
„Aha. Pass auf dich auf. Ich hab da so ein Gefühl, dass du bald eine größere Bühne brauchst als meinen kleinen Club.“ Er zwinkerte, aber Roxy spürte, dass er etwas ahnte. Sie lächelte gezwungen und stand auf.
„Bis morgen“, rief sie ihm zu und verließ den Club. Draußen war die Luft klar, der Himmel fahl. Sie schlug den Weg zurück in ihre Wohnung ein, aber ihre Schritte führten sie stattdessen zu einer kleinen Imbissbude an der Ecke. Pommes mit Mayo, das war ihr Luxus. Während sie aß, beobachtete sie die Straße. Menschen eilten vorbei, keiner beachtete sie. Sie war unsichtbar.
Doch dann sah sie ihn.
Ein Mann in einem schwarzen Anzug, der an einem Laternenpfahl lehnte, die Hände in den Taschen. Er war groß, breitschultrig, und seine Augen waren unter einer Sonnenbrille verborgen. Er starrte direkt auf sie. Roxy erstarrte, die Gabel halb zum Mund geführt. Sie kannte ihn nicht. Aber sein Blick ließ sie frösteln.
Sie stand auf, warf das Papptellerchen in den Mülleimer und ging schnellen Schrittes weiter. Die Schritte hinter ihr – nicht laut, aber gleichmäßig – bestätigten ihre Befürchtung: Er folgte ihr. Sie bog in eine schmale Gasse ein, die in einen Hinterhof führte. Dort blieb sie stehen, drehte sich um.
„Was willst du?“, fragte sie, die Stimme scharf.
Der Mann blieb stehen, nahm die Sonnenbrille ab. Er hatte kalte, graue Augen. „Roxy?“, fragte er, als ob er sich vergewissern müsse. „Dustin schickt mich. Er will dich treffen.“
„Sag ihm, ich hab kein Interesse.“
„Das hab ich ihm gesagt. Aber er meint, du wirst deine Meinung ändern. Komm mit. Es dauert nicht lang.“
„Nein.“ Roxy machte einen Schritt zurück, aber der Mann trat näher. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, aber eine Hand glitt zur Jackentasche. Ihr Instinkt schlug Alarm. Sie ballte die Fäuste.
„Ich wiederhole mich nicht gern“, sagte er leise. „Dustin sagt, du hast eine Wahl. Aber wenn du nicht mitkommst, gibt es Konsequenzen. Für deinen Trainer. Für den Club.“
Roxys Herz schlug hart. „Das ist Erpressung.“
„Das ist Geschäft. Komm einfach mit. Oder willst du, dass Heiko morgen seine Halle nicht mehr hat?“
Sie sah ihn an, die Wut stieg in ihr hoch. Aber die Drohung war real. Sie wusste nicht, wie weit Dustin ging, aber sie konnte kein Risiko eingehen. „Okay. Aber wenn mir etwas passiert, wirst du mich kennenlernen.“
Der Mann grinste schief und drehte sich um. „Folge mir. Nicht zu nahe.“
Sie gingen durch die Gassen, weg vom belebten Teil der Stadt, hin zu einem alten Lagerhaus. Rostige Tore, zerbrochene Fenster. Der Mann blieb vor einer Seitentür stehen, klopfte ein bestimmtes Muster. Die Tür öffnete sich, und sie traten ein.
Drinnen war es dämmrig. Neonröhren flackerten an der Decke. Der Raum war leer, bis auf ein paar Stühle und einen Tisch in der Mitte. Auf dem Tisch lag eine Waffe. Roxys Magen zog sich zusammen. Sie drehte sich um, aber die Tür war bereits verschlossen.
„Setz dich“, sagte der Mann und deutete auf einen Stuhl.
„Ich stehe lieber.“
„Wie du willst.“ Er ging um den Tisch herum, setzte sich selbst. „Dustin wird gleich hier sein. Er möchte dir ein Angebot machen, das du nicht ablehnen kannst.“
„Und wenn ich ablehne?“
„Dann hast du ein Problem. Aber ich denke, du wirst nicht ablehnen.“ Es klang wie eine Drohung.
Die Minuten vergingen. Stille, nur das Summen der Neonröhren. Roxy spürte, wie der Schweiß auf ihrer Stirn perlte. Sie dachte an Heiko, an den Club, an ihr ganzes mühsam aufgebautes Leben. Und dann dachte sie an Dustin. War dieser Mann wirklich so mächtig, dass er alles zerstören konnte?
Die Tür öffnete sich.
Dustin trat ein, lässig, in einem hellen Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Er sah aus, als käme er von einem Spaziergang. Sein Blick fiel auf Roxy, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Roxy. Schön, dass du gekommen bist. Auch wenn es nicht freiwillig war.“
„Was soll das?“, fauchte sie. „Erpressung? Drohungen? Ist das deine Art, Leute zu überzeugen?“
Er zuckte mit den Schultern. „Manchmal braucht es Druck, um eine Entscheidung zu beschleunigen. Ich wusste, du würdest zögern. Also habe ich nachgeholfen. Aber glaub mir, ich hätte nicht wirklich etwas gegen Heiko unternommen. Es war nur ein Bluff.“
„Bluff? Du hast einen Bewaffneten geschickt, der mich hierher gebracht hat!“
Dustin sah den Mann an, der sich erhob. „Gib mir die Waffe“, sagte Dustin ruhig. Der Mann zögerte, dann legte er die Pistole auf den Tisch. Dustin nahm sie, öffnete das Magazin – es war leer. Er hielt es Roxy hin. „Siehst du? Keine echte Gefahr. Ich wollte dich nur testen.“
Roxy starrte auf das leere Magazin. „Testen? Wofür?“
„Für das Turnier. Ich muss wissen, ob du cool bleibst, wenn es brenzlig wird. Und du hast bestanden. Keine Panik, keine Flucht. Du bist bereit.“
„Ich habe nicht zugesagt.“
„Noch nicht. Aber ich hoffe, du ändert deine Meinung, nachdem ich dir die Details erkläre. Setz dich bitte.“ Er deutete auf den Stuhl, nahm selbst Platz.
Roxy blieb stehen, aber sie hörte zu. Dustin sprach über das Turnier: eine illegale Boxveranstaltung, hohe Einsätze, viel Geld. „Du wirst gegen die Besten antreten. Keine Regeln, fast keine Grenzen. Aber der Gewinner bekommt eine halbe Million. Halbe Million, Roxy. Denk daran, was du damit machen könntest.“
Ihr Herz schlug schneller. Halbe Million. Das war mehr, als sie je in zehn Jahren verdienen würde. Sie könnte ihr Leben ändern, aus dieser Stadt raus, neu anfangen. „Und was willst du davon?“, fragte sie misstrauisch.
„Ich bin der Veranstalter. Ich suche Kämpfer. Du bist eine Kämpferin. Ich sehe es in deiner Art, wie du dich bewegst, wie du zuschlägst. Du hast etwas Besonderes. Aber du musst zustimmen, freiwillig. Ich zwinge dich nicht.“
„Du hast mich heute hierher gezwungen.“
„Das war ein Test. Jetzt hast du die Wahl.“
Roxy sah ihn lange an. In seinen Augen lag eine Mischung aus Ernst und etwas, das sie nicht deuten konnte. „Ich brauche Zeit zum Nachdenken.“
„Natürlich. Du hast bis morgen Abend. Dann treffen wir uns in der alten Lagerhalle am Hafen. Um zehn Uhr. Du allein, wenn du kommst. Wenn nicht, dann nicht. Kein Druck, keine Drohungen mehr. Ehrenwort.“
Er stand auf und trat auf sie zu. Seine Nähe ließ ihren Atem stocken. „Ich hoffe, du kommst“, sagte er leise, drehte sich um und ging, gefolgt von dem Mann. Die Tür blieb offen.
Roxy blieb einen Moment lang stehen, ihr Herz raste. Sie wusste nicht, ob sie ihm trauen konnte. Aber die Idee, halbe Million, ließ sie nicht los. Sie verließ das Lagerhaus, ging nach Hause, und den ganzen Weg über hämmerte in ihrem Kopf die Frage: Was hast du zu verlieren?
Am Abend lag sie wieder auf ihrem Bett, die Karte in der Hand. Sie nahm ihr Handy, tippte die Nummer ein, die er ihr gegeben hatte, und schrieb: „Ich komme morgen. Aber wenn du mich betrügst, werde ich dich finden.“
Die Antwort kam sofort: „Ich zähle darauf. Bis morgen, Roxy.“
Und zum ersten Mal seit langem lächelte sie. Ein kleines, zögerliches Lächeln. Vielleicht war das der Beginn von etwas Neuem. Vielleicht war es der Anfang von etwas Gefährlichem. Aber sie war bereit, es herauszufinden.