Chapter 1
Kapitel 1
Roxy, eine Boxkämpferin, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben, bis sie in einer Bar den geheimnisvollen Dustin trifft. Seine arrogante Art reizt sie, doch eine plötzliche Gefahr bringt sie dazu, ihre Kräfte zu vereinen – und eine unerwartete Anziehung entsteht.
Der Schweiß rann Roxy in den Nacken, als sie die letzten Sandsack-Schläge setzte. Der Raum roch nach altem Leder und staubiger Luft, gemischt mit dem leichten Metallgeschmack ihres eigenen Blutes von einer aufgeplatzten Lippe. Sie zog den Verband um ihre Knöchel fester und klopfte gegen den schweren Sack. Das dumpfe Geräusch war der einzige Takt, der ihr heute klaren Kopf machte.
„Hey, Roxy, Feierabend!“
Martins Stimme dröhnte durch die leere Halle. Er lehnte im Türrahmen, die Arme verschränkt, ein Grinsen im Gesicht, das sie nicht deuten konnte.
„Bin gleich fertig“, murmelte sie und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.
„Nein, wirklich. Der Chef sagt, du sollst heute pünktlich Schluss machen. Hat einen Job für dich.“
Roxy hob eine Augenbraue. Jobs waren ihr nie geheuer. Entweder es war harte Arbeit für wenig Geld oder etwas, das ihre Fäuste erforderte, aber kein sauberes Gewissen zurückließ. Sie hatte beides schon erledigt. Heute war sie einfach nur müde.
Sie zog ein abgewetztes Sweatshirt über den schwarzen Bustier, schulterte ihre Sporttasche und ging an Martin vorbei. Er reichte ihr einen Zettel mit einer Adresse. „Heute Abend. In ’ner Bar. Du sollst aufpassen, dass keiner Stress macht.“
„Und warum mache ich das?“, fragte sie, den Zettel kaum ansehend.
„Weil der Chef eine Wette verloren hat. Du kriegst das Doppelte.“
Das Doppelte. Gut. Roxy steckte den Zettel ein und verließ den Boxclub in den tristen Abendhimmel der Stadt. Die Straßenlaternen warfen flackernde Kreise auf den nassen Asphalt. Der Regen der letzten Stunden hatte aufgehört, aber die Luft war noch schwer von Feuchtigkeit.
Eine Stunde später stand Roxy vor der Bar „Zum letzten Glockenschlag“. Sie war ein schmuddeliger Laden in einer Nebenstraße, den sie nur von außen kannte. Neonlicht in rot und blau umrahmte die Tür, aus der leise Musik drang. Sie atmete tief durch und ging hinein.
Drinnen war es voll. Tabakqualm und Mief aus verschüttetem Bier hing in der Luft. Roxy bahnte sich einen Weg zur Theke, bestellte ein Wasser und stellte sich mit dem Rücken zur Wand. Ihr Blick glitt über die Gäste: ein paar ältere Männer an der Bar, ein Grüppchen Jugendliche am Billardtisch, eine Frau, die auf ihr Handy starrte.
Und dann sah sie ihn.
Dustin.
Er saß allein in einer Ecke, ein Glas Whiskey vor sich, und beobachtete den Raum mit einer Gelassenheit, die Roxy seltsam vorkam. Er trug einen dunklen Mantel, der zu teuer für diese Gegend wirkte. Sein Gesicht war scharf geschnitten, die Kieferpartie hart, die Augen weit und unergründlich. Als ihr Blick den seinen kreuzte, grinste er leicht, als ob er sie schon erwartet hätte.
Roxy musterte ihn kühl und wandte sich ab. Sie hatte gelernt, auf ihr Bauchgefühl zu hören, und hier stimmte etwas nicht. Aber ihr Job war es nicht, Fragen zu stellen. Sondern zuzusehen.
Die Minuten vergingen. Eine Glasscherbe flog an ihrem Kopf vorbei, als ein Streit zwischen zwei Kerlen am Billardtisch eskalierte. Roxy stellte sich dazwischen, schnappte sich den ersten am Kragen und drückte ihn gegen den Tisch. „Schluss jetzt, wir haben hier Gäste, die keinen Ärger wollen.“
Der Mann fluchte, ließ sich aber zurückdrängen. Der andere beruhigte sich ebenfalls. Roxy warf einen Warnblick in die Runde, der klarmachte, dass sie nicht zögern würde, härter einzugreifen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Dustin sein Glas abstellte und aufstand.
Er kam langsam auf sie zu, die Hände lässig in den Manteltaschen. „Scheint, du machst deinen Job gut“, sagte er mit einer Stimme, die tief und rau war, als ob er viel rauchte – obwohl er keine Zigarette in der Hand hielt.
„Hab ich keine Wahl. Gehört dazu“, antwortete Roxy knapp. Sie musterte ihn von oben bis unten. Sein Lächeln blieb, aber es erreichte nicht die Augen.
„Weißt du, warum ich hier bin?“, fragte er und lehnte sich an die Theke neben sie.
„Keine Ahnung. Frag mich nicht.“
„Weil ich jemanden suche, der kämpfen kann.“
Roxy drehte sich zu ihm um. „Ich bin kein käuflicher Schläger.“
„Das habe ich nicht gesagt. Ich suche eine Partnerin. Für einen Kampf. Keinen illegalen, sondern einen organisierten. Ein Turnier. Mit richtigem Geld.“
Roxy lachte kurz auf. „Ich kämpfe im Boxclub. Das reicht.“
„Nicht, wenn du mehr willst.“ Er zog ein Handy aus der Tasche und hielt es ihr hin. Ein Foto zeigte eine unterirdische Arena, voller Menschen, die eine flache Bühne umringten. „Das hier ist nicht deine Liga. Aber es könnte deine Chance sein.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Lust auf solche Geschichten. Die sind immer nur Ärger.“
„Ärger? Nein. Freiheit.“ Er steckte das Handy wieder ein und sah sie durchdringend an. „Du siehst aus, als ob du etwas suchst. Was, das weißt du selbst nicht. Aber ich sehe es in deinen Augen.“
Roxy erstarrte. Es war, als ob er in ihren Kopf schaute, und das gefiel ihr nicht. Sie trat einen Schritt zurück. „Hör zu, wer immer du bist. Ich bin hier für einen Job, und der ist gleich vorbei. Dann bin ich weg.“
„Dann bin ich auch weg. Aber ich werde wiederkommen. Du wirst mich noch brauchen.“
Er lächelte noch einmal, drehte sich um und ging zur Tür. Roxy starrte ihm nach, ein Gefühl von Unbehagen und Neugier in der Magengrube. Sie hasste es, wenn jemand so viel über sie zu wissen schien, ohne dass sie ein Wort gesagt hatte.
Der Rest des Abends verlief ruhig. Kurz vor Mitternacht zahlte Roxy den letzten Gast aus und schaltete das Licht aus. Die Bar lag still, nur das leise Summen der Kühlschränke war zu hören. Sie wollte gerade ihre Tasche nehmen, als die Tür wieder aufging.
Dustin stand im Schein der Laterne, den Mantel locker über der Schulter. „Ich habe was vergessen.“
„Was denn?“, fragte Roxy misstrauisch.
Er kam näher, bis er nur einen Schritt vor ihr stand. Seine Nähe ließ sie unwillkürlich die Fäuste ballen. „Meine Visitenkarte. Für den Fall, dass du deine Meinung änderst.“
Er drückte ihr eine Karte in die Hand, die kühl und schwer war. Roxy sah kurz darauf: nur eine Telefonnummer, kein Name. Als sie aufblickte, war er bereits im Dunkel der Straße verschwunden.
Sie steckte die Karte in ihre Tasche, ohne nachzudenken. Draußen begann erneut feiner Regen zu fallen. Sie zog die Kapuze über den Kopf und ging nach Hause, doch die Gedanken an den Fremden blieben, nagten an ihr wie ein ungelöstes Rätsel.
In ihrer kleinen Wohnung in der fünften Etage stellte sie sich ans Fenster, die kalte Scheibe an der Stirn. Die Stadt lag still unter dem Regen. Sie zog die Karte wieder hervor und drehte sie in den Fingern. Es war verrückt, darüber nachzudenken. Sie kannte den Mann nicht, vertraute ihm nicht. Und doch spürte sie, dass diese Begegnung etwas verändert hatte.
Das Handy vibrierte in ihrer Tasche. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer: „Ich warte. Wenn du bereit bist, ruf mich an. – D.“
Roxy starrte auf den Bildschirm. Ihr Herz schlug schneller, gegen ihren Willen. Sie wusste, dass sie die Nummer löschen sollte. Stattdessen schrieb sie: „Warum sollte ich? Wer bist du überhaupt?“
Die Antwort kam sofort: „Ich bin derjenige, der dein Leben auf den Kopf stellen wird. Aber nur, wenn du mich lässt.“
Sie lachte leise, aber ohne Humor. Ihre Finger zitterten, als sie das Telefon zur Seite legte. Irgendetwas an diesem Dustin ließ sie nicht los. Vielleicht war es die Abwechslung von der Routine, vielleicht der Hunger nach mehr. Sie wusste es nicht.
Im Einschlafen drehten sich die Bilder in ihrem Kopf: der Whiskey in seinem Glas, das blasse Licht, sein Blick, der zu viel wusste. Und eine leise Stimme in ihr flüsterte: Ruf ihn an. Du hast nichts zu verlieren.
Außer der Sicherheit, die sie so mühsam aufgebaut hatte.
Aber sie war noch nie jemand gewesen, der den einfachen Weg ging.