Chapter 3
Kapitel 3
Die Fackel flackerte im Dunkeln, und der Mann rief erneut: „Prinzessin! Sind Sie hier? Bitte, Ihr Vater macht sich Sorgen!“
Lena spürte Kaels Hand auf ihrer Schulter, kalt und fordernd. Sein Flüstern war kaum hörbar: „Wenn du jetzt gehst, kannst du dein Leben zurückhaben. Wenn du bleibst, wirst du zur Gejagten. Entscheide dich, Lena. Jetzt.“
Ihr Herz raste. Der Mann mit der Fackel kam näher, sein Schatten tanzte an den Bäumen. Sie dachte an das Schloss, an die kalten Korridore, an Milans eisigen Blick. Sie dachte an ihren Vater, der sie wie eine Schachfigur behandelt hatte. Und dann dachte sie an Kaels Stimme, die sie beim Namen genannt hatte, als wäre sie mehr als eine Prinzessin.
„Ich bleibe“, flüsterte sie zurück.
Kael nickte einmal. Dann bewegte er sich – so schnell, dass sie es kaum sah. Er war neben der Tür, bevor der Mann sie erreicht hatte. Ein leises Zischen, ein dumpfer Aufprall. Der Mann fiel zu Boden, die Fackel erlosch im feuchten Laub.
Lena erstarrte. „Hast du ihn getötet?“, fragte sie, ihre Stimme zitterte.
„Nur betäubt. Er wird aufwachen, ohne sich zu erinnern. Komm.“
Kael zog sie mit sich, hinaus in die kalte Nacht. Der Wald war still, nur das Knacken von Ästen unter ihren Füßen begleitete sie. Sie rannten, bis das Licht der Fackeln verschwunden war und nur noch die Sterne durch das Blätterdach lugten.
„Hier sind wir sicher“, sagte Kael und ließ ihre Hand los. Sie standen auf einer Lichtung, umgeben von uralten Eichen. Eine kleine Hütte lehnte sich an einen Felsen, moosbedeckt und halb verfallen.
„Was ist das?“, fragte Lena, noch immer außer Atem.
„Mein Zuhause. Nun deins, wenn du willst.“
Sie trat näher. Die Tür knarrte, als er sie öffnete. Drinnen war es warm, ein Feuer brannte im Kamin. Ein einfaches Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Mehr nicht.
„Du lebst hier? So?“, fragte sie ungläubig.
„Ich brauche nicht viel. Und du wirst auch lernen, weniger zu brauchen.“
Lena setzte sich auf die Bettkante. Der Stoff war rau, aber es war besser als der kalte Waldboden. „Du hast gesagt, du würdest mich lehren, mich zu wehren. Wann fangen wir an?“
Kael lehnte sich an die Wand, die Arme verschränkt. „Morgen. Heute Nacht musst du schlafen. Du bist erschöpft.“
„Ich kann nicht schlafen. Nicht nach dem, was passiert ist.“
„Dann erzähl mir etwas."
„Was willst du wissen?"
„Warum du weggelaufen bist. Die ganze Wahrheit."
Lena zögerte. Aber seine Augen waren ruhig, ohne Urteil. Und so begann sie zu sprechen. Sie erzählte von ihrer Kindheit, von der strengen Erziehung, von der ersten Begegnung mit Milan, als sie zehn war. „Er hat mich angesehen wie ein Stück Fleisch. Ich wusste sofort, dass ich ihn nie lieben würde. Aber mein Vater... er hat nicht gefragt. Er hat befohlen.“
„Dein Vater ist ein Narr“, sagte Kael leise. „Er hat das wertvollste Geschenk, das er je hatte, weggeworfen.“
Lena schaute auf. „Was meinst du?“
„Deine Freiheit. Deine Seele. Du bist mehr als eine politische Figur, Lena. Du bist ein Feuer, das nicht gelöscht werden kann.“
Seine Worte trafen sie tief. Tränen stiegen in ihre Augen, aber sie blinzelte sie weg. „Und du? Warum lebst du allein hier? Du sagtest, du seist ein Vampir. Aber du bist kein Monster. Nicht wirklich.“
Kaels Miene verdunkelte sich. „Ich habe Dinge getan, die ich nicht ungeschehen machen kann. Ich habe Menschen getötet, um zu überleben. Ich habe gelogen, betrogen, gestohlen. Die Ultra-Vampire haben mich geformt, aber ich habe mich geweigert, ihr Werkzeug zu sein. Also bin ich geflohen.“
„Du bist also ein Ausgestoßener wie ich.“
„Ja. Vielleicht sind wir uns ähnlicher, als du denkst.“
Die Stille dehnte sich. Das Feuer knackte. Lena spürte, wie Müdigkeit sie überkam. Sie legte sich hin, den Kopf auf dem rauen Kissen. Kael setzte sich auf den Boden, den Rücken an die Wand, die Augen auf die Tür gerichtet.
„Wirst du wachen?“, fragte sie schläfrig.
„Immer.“
Sie schlief ein, getröstet von seiner Gegenwart.
Der Morgen kam grau und kalt. Lena erwachte von einem Geräusch – einem metallischen Klingen. Sie setzte sich auf und sah Kael, der ein Schwert in der Hand hielt, die Klinge blitzte im fahlen Licht.
„Zeit für deine erste Lektion“, sagte er ohne Umschweife.
Sie stand auf, ihr Körper schmerzte von der harten Nacht. „Ich habe noch nie eine Waffe gehalten.“
„Das wird sich ändern. Komm."
Draußen auf der Lichtung gab er ihr einen Stock. „Stell dir vor, das sei ein Schwert. Dein erster Feind ist die Angst. Sie macht dich steif. Du musst locker sein, wie Wasser.“
Er zeigte ihr eine einfache Abwehrbewegung. Sie versuchte, sie nachzuahmen, aber ihre Arme waren ungelenk. Er korrigierte ihre Haltung, seine Hände kalt und fest auf ihren Schultern.
„Konzentrier dich. Atme. Noch einmal.“
Sie übten stundenlang. Lena stolperte, fiel hin, stand wieder auf. Kael war geduldig, aber streng. „Wenn du aufgibst, stirbst du. Du hast keine Wahl.“
Am Nachmittag war sie erschöpft, aber sie hatte die Bewegung verinnerlicht. „Gut“, sagte er. „Morgen mehr.“
Sie saßen am Feuer, und Lena fühlte sich lebendiger als je zuvor. „Warum tust du das?“, fragte sie. „Du könntest mich einfach meinem Schicksal überlassen.“
Kael sah sie an, und zum ersten Mal war sein Blick weich. „Weil du mich an das erinnerst, was ich einmal war. Einen Menschen, der nicht aufgeben wollte.“
Sie spürte einen Sog, eine Anziehung, die sie nicht erklären konnte. Sie rückte näher. „Kael...“
Er legte einen Finger auf ihre Lippen. „Sprich nicht. Tu es einfach.“
Er küsste sie. Seine Lippen waren kalt, aber sein Kuss brannte. Es war wild, ungestüm, voller unterdrückter Leidenschaft. Lena erwiderte ihn, ihre Hände gruben sich in sein Hemd. Sie spürte, wie die Welt um sie herum verschwamm.
Als er sich löste, war sein Atem unruhig. „Das ist gefährlich“, flüsterte er.
„Mir egal."
„Es sollte dir nicht egal sein. Die Ultra-Vampire kommen näher. Ich habe heute Nacht Spuren gesehen.“
Lena erstarrte. „Wo?“
„Nördlich von hier. Sie suchen nach etwas. Vielleicht nach dir, vielleicht nach mir. Es ist nur eine Frage der Zeit.“
„Dann kämpfen wir."
Er lächelte, ein trauriges Lächeln. „Ja. Aber zuerst müssen wir wissen, was sie wollen. Ich werde heute Nacht auf Erkundung gehen. Du bleibst hier.“
„Nein. Ich komme mit."
„Lena...“
„Ich lerne zu kämpfen. Aber ich muss auch lernen, mich zu verstecken. Wie sonst soll ich überleben?“
Er seufzte. „Du bist stur.“
„Das hast du gern an mir."
Er zog sie hoch. „Komm. Wir gehen zusammen. Aber wenn ich sage, dass wir fliehen, dann fliehen wir. Keine Diskussion.“
Sie nickten.
Die Nacht war mondlos. Sie schlichen durch den Wald, Kael voraus, Lena dicht hinter ihm. Seine Schritte waren lautlos, ihre vorsichtig aber hörbar. Er drehte sich um und legte einen Finger auf die Lippen.
Dann hörte sie es – Stimmen. Tiefe, raue Stimmen, die eine Sprache sprachen, die sie nicht verstand. Kael flüsterte: „Ultra-Vampire. Sie sind zu dritt. Sie reden über einen Angriff auf das Schloss.“
Ihr Herz setzte aus. „Das Schloss? Mein Vater? Milan?“
„Sie wollen den König von Enka. Sie glauben, er hat etwas, das sie brauchen.“
„Was?“, fragte sie.
Kael schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber wir müssen es herausfinden. Komm, wir folgen ihnen.“
Sie bewegten sich leise durch das Unterholz. Die Ultra-Vampire waren groß, ihre Augen glühten rot im Dunkeln. Sie trugen schwarze Rüstungen, und ihre Schwerter blinkten im Sternenlicht.
Plötzlich blieb einer stehen. Er drehte den Kopf, als ob er etwas hörte. Kael zog Lena hinter einen Busch. Sie hielt den Atem an.
Der Ultra-Vampir schnupperte. „Mensch“, knurrte er. „Frisch.“
Kael fluchte leise. „Lauf. Jetzt.“
Er packte ihre Hand und zog sie mit sich. Sie rannten, so schnell sie konnten. Die Ultra-Vampire verfolgten sie, ihre Schritte schwer und schnell. Bäume flogen vorbei. Lena stolperte, aber Kael riss sie hoch.
„Hier entlang!“, rief er.
Sie erreichten eine Lichtung. In der Mitte stand eine uralte Eiche, deren Wurzeln sich in den Boden gruben. Kael zog sie zu einer versteckten Öffnung unter den Wurzeln.
„Rein!“, zischte er.
Sie kletterten hinein, in eine enge Höhle. Draußen hörte sie die Stimmen der Ultra-Vampire, die vorbeizogen. Sie warteten, bis die Stille zurückkehrte.
Lena zitterte. „Das war knapp.“
Kael legte den Arm um sie. „Sie wissen jetzt, dass du hier bist. Wir müssen schneller handeln.“
„Was machen wir?“, fragte sie.
Er sah sie an. „Wir werden deinen Vater aufsuchen. Wir müssen ihn warnen, bevor es zu spät ist.“
„Mein Vater wird mich umbringen, wenn ich zurückkomme.“
„Dann bringen wir ihn um, bevor er dich umbringt.“
Lena lachte nervös. „Du machst Witze.“
„Nein. Aber vielleicht müssen wir das nicht. Vielleicht gibt es einen anderen Weg. Komm, wir ruhen uns aus, und dann planen wir.“
Sie lehnte sich an ihn. Seine Kälte war seltsam tröstlich. „Kael?“, flüsterte sie.
„Ja?“
„Ich glaube, ich verliebe mich in dich."
Er schwieg einen Moment. Dann drückte er sie fester. „Ich weiß. Und ich fürchte, ich auch. Aber das macht alles nur komplizierter.“
„Mir egal."
Er küsste ihren Scheitel. „Schlaf jetzt. Morgen beginnt der Kampf.“
Und als sie die Augen schloss, hörte sie in der Ferne ein Heulen – das Heulen der Ultra-Vampire, das die Nacht durchschnitt. Sie wusste, dass der Frieden vorbei war.