Chapter 2
Kapitel 2
Ich erwachte, als das Feuer schon fast verglüht war. Ein letzter Funke tanzte in der Asche, dann erlosch er. Es war kalt in der Hütte, und ich zitterte, obwohl ich mich in Kaels Umhang gewickelt hatte.
Er saß am Fenster, regungslos. Die ersten grauen Streifen des Morgens drangen durch die Scheibe und malten Schatten auf sein Gesicht. Er sah aus wie eine Statue. Wie etwas, das nicht atmen musste.
„Du schläfst nie?“, fragte ich heiser.
Er drehte den Kopf. Seine Augen fingen das dämmrige Licht ein und glühten kurz auf. „Nicht so wie du. Wir ruhen uns aus, aber wir schlafen nicht, wenn wir Wache halten müssen.“
„Wachst du vor etwas?"
„Immer.“
Ich setzte mich auf. Der Umhang rutschte mir von den Schultern, und ich fröstelte. „Du hast gesagt, ich solle bleiben“, begann ich langsam. „Aber du hast nicht gesagt, was danach passiert.“
„Was danach passiert?“ Er stand auf und trat näher. Seine Schritte waren lautlos. „Danach wirst du zurückgehen, Prinzessin. Oder du wirst sterben.“
„Ich gehe nicht zurück.“
„Das hast du gestern gesagt. Die Frage ist, ob du es heute noch genauso siehst.“
Ich ballte die Hände unter dem Umhang. „Ich hasse dieses Leben. Ich hasse Milan, ich hasse meinen Vater, ich hasse die Art, wie sie über mich bestimmen, als wäre ich kein Mensch. Ich hätte ihn nie geheiratet. Ich wäre lieber gestorben, als seine Frau zu werden.“
Kael betrachtete mich lange. „Du sprichst von Tod, als wärst du sicher, dass es die richtige Wahl ist. Aber ich habe viele Menschen sterben sehen. Keiner lächelt dabei.“
„Was weißt du schon davon? Du bist unsterblich.“
Seine Lippen verzogen sich. „Unsterblich? Nein. Wir können getötet werden. Wir werden älter, nur langsamer. Und wir erinnern uns an alles. Jeden Schmerz, jedes Gesicht, jede verpasste Chance.“
Seine Stimme war leise, aber sie schnitt durch mich hindurch. „Wie viele Jahre hast du schon?“, fragte ich.
„Genug, um zu wissen, dass Liebe eine Falle ist.“
Die Antwort traf mich unerwartet. „Warum sagst du das?“
Er beugte sich vor, bis sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt war. Sein Atem kühlte meine Haut. „Weil ich dich beobachte, Lena. Du siehst mich an, als ob ich eine Antwort wäre. Aber ich bin nur eine weitere Frage.“
Mein Herz raste. Ich konnte nicht wegsehen. Seine Augen zogen mich an, tief und dunkel, und ich spürte, wie die Angst langsam von einer seltsamen Wärme abgelöst wurde. „Du kennst meinen Namen“, flüsterte ich.
„Ich habe ihn in deiner Krone gelesen. Dein Vater lässt sie jeden Tag polieren. Der Name der Prinzessin steht darin eingraviert.“
„Du warst im Schloss?“
„Ich beobachte, ja. Ich habe dich schon oft gesehen, auf deinem Balkon, in den Gärten. Du sahst nie glücklich aus.“
Diese Enthüllung ließ mich schlucken. „Du hast mich beobachtet? Warum?“
„Weil du anders warst. Du hast die Blumen nicht gepflückt wie die anderen, du hast sie stehen lassen. Du hast den Vögeln Brot gegeben, das du dir selbst vom Teller stibst. Du hast gelacht, wenn die Diener einen Witz machten, und du hast geweint, als dein Vater dich ausschimpfte, ohne dass jemand es sah.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Alles, was er beschrieb, gehörte nur mir – und doch hatte er es gesehen.
„Ich bin ein Monster, Lena. Ein Raubtier der Nacht. Aber ich bin nicht blind.“
„Bist du gefährlich?“, fragte ich leise.
„Ja.“
„Wirst du mir wehtun?"
Er schüttelte den Kopf. „Nicht, wenn du mich nicht dazu zwingst.“
Ich atmete tief durch. „Dann bleibe ich.“
Kael zog sich zurück. Seine Miene wurde ernst. „Du gehst ein Risiko ein. Die Ultra-Vampire patrouillieren immer häufiger am Rand des Waldes. Sie suchen nach Verstärkung, nach neuen Opfern. Wenn sie dich finden, gibt es kein Entkommen.“
„Dann lehr mich, wie man sich wehrt“, sagte ich plötzlich. Die Worte waren heraus, bevor ich nachdenken konnte.
Er musterte mich kalt. „Du willst kämpfen lernen? Von einem Vampir? Das ist verrückt.“
„Du sagst, ich sei anders. Dann lass mich beweisen, dass du recht hast.“
Die Stille dehnte sich. Dann, ganz langsam, zuckte sein Mundwinkel. „Du bist wirklich verrückt.“
„Das haben die anderen auch gesagt"
Er lachte auf – ein seltsamer, abgehackter Laut, der fast menschlich klang. „Gut. Verrücktheit kann man trainieren. Aber wir haben wenig Zeit. Sie werden dich suchen, Lena. Spätestens heute Abend werden die Männer deines Vaters durch den Wald streifen.“
„Dann bleib ich hier. Im Wald."
„Das wirst du nicht durchhalten. Du brauchst Essen, Wärme, Schutz.“
„Du gibst mir das."
Er trat so nah an mich heran, dass ich seinen Körper spürte, kalt und fest. „Ich kann dir alles geben, Lena. Aber ich nehme auch. Nichts ist umsonst.“
Sein Ton ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. „Was willst du?“, flüsterte ich.
„Deine Entscheidung. Wenn du gehst, kannst du dein Leben weiterleben. Wenn du bleibst, gehörst du zu mir, zu dieser Welt. Du wirst nie wieder dieselbe sein.“
Ich schaute in seine silbernen Augen und sah etwas, das ich nicht benennen konnte. Vielleicht Sehnsucht. Vielleicht eine Warnung.
„Ich will bleiben."
Er legte seine Hand auf meine Wange. Sie kühlte meine Haut, aber es fühlte sich nicht schlimm an. Es fühlte sich richtig an. „Dann beginnt es jetzt“, sagte er leise.
Plötzlich zuckte sein Kopf zur Seite. Seine Finger spannten sich an. „Still.“
Ich erstarrte. Draußen hörte ich etwas – ein leises Knacken, wie ein Zweig, der zerbricht.
„Da ist jemand“, zischte er.
Mein Herz hämmerte. „Deine Leute? Die Ultra-Vampire?“
„Nein. Menschen. Zwei, vielleicht drei. Deine Verfolger.“
Auf einmal schob er mich hinter sich. „Bleib hier. Rühr dich nicht.“
Die Tür öffnete sich leise, und ich sah eine gebückte Gestalt im dämmrigen Licht. Es war ein Mann mit einer Fackel in der Hand. „Prinzessin?“, rief er. Seine Stimme zitterte. „Sind Sie da? Ihr Vater sucht Sie.“
Ich wollte antworten, aber Kael legte den Finger auf die Lippen. Dann flüsterte er an meinem Ohr: „Wenn du jetzt gehst, kannst du dein Leben zurückhaben. Wenn du bleibst, wirst du zur Gejagten. Entscheide dich, Lena. Jetzt.“
Die Fackel kam näher. Der Mann rief erneut. Und ich stand zwischen zwei Welten, mit einem Vampir, dessen Hand noch immer auf meiner Schulter ruhte.