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Chapter 1

Kapitel 1

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Die Kerzen flackerten im Thronsaal, als mein Vater das Wort ergriff. „Lena, morgen wirst du Prinz Milan dein Jawort geben.“ Seine Stimme klang wie ein Hammerschlag auf Stein – unerbittlich. Ich stand da, die Hände zu Fäusten geballt, und spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog. Achtzehn Jahre alt. Achtzehn Jahre lang hatte ich getan, was man von mir erwartete. Aber das hier? Das war zu viel.

„Ich will nicht“, flüsterte ich, aber mein Vater hörte nicht hin. Er hörte nie hin.

Der Saal war voller Adliger, die gierig auf die Verbindung zwischen Enka und Morgan starrten. Prinz Milan selbst saß auf einem vergoldeten Stuhl, sein Lächeln scharf wie eine Klinge. Er sah mich an, wie man ein Pferd auf dem Markt betrachtet. Ich hasste ihn. Ich hasste seinen Stolz, seine kalten Augen, die Art, wie er über die Diener sprach, als wären sie Dreck.

In dieser Nacht, als das Schloss in Schlaf fiel, zog ich meine schwerste Stiefel an. Ich schnürte sie fest, während mein Herz gegen meine Rippen schlug. Der Mond war voll und hell – fast ein Zeichen. Ich schlich durch die Gänge, vorbei an schlafenden Wachen, die in ihren Rüstungen leise schnarchten. Die Hintertür knarrte leise, aber ich schlüpfte hindurch, bevor jemand aufwachen konnte.

Der Wald vor mir war schwarz und dicht. Die Bäume reckten ihre Äste wie Finger in den Himmel. Der verbotene Wald. Der Wald der Vampire. Jeder in Enka wusste, dass man hier nicht hineinging. Aber ich war nicht mehr bereit, den Regeln zu gehorchen.

Ich rannte. Die Zweige peitschten gegen mein Gesicht, aber ich lief weiter, bis meine Lungen brannten. Der Boden war nass von letztem Regen, und meine Stiefel rutschten auf dem Moos. Hinter mir hörte ich keine Verfolger – vielleicht hatten sie mich noch nicht vermisst. Vielleicht war ich einfach nur eine weitere Närrin, die in den Tod lief.

Der Wald wurde dichter. Das Mondlicht fiel nur noch in schmalen Streifen durch die Blätter. Meine Füße fanden einen Pfad, der sich den Hügel hinaufschlängelte. Ich folgte ihn, weil ich keine Wahl hatte. Ich musste weiter weg, weiter weg von Milan, von meinem Vater, von dem goldenen Käfig, den sie mein Zuhause nannten.

Dann hörte ich es – ein Geräusch wie von schweren Schritten. Ich blieb stehen. Mein Herz raste. Etwas bewegte sich zwischen den Bäumen. Mein Instinkt schrie: Lauf! Aber meine Beine gehorchten nicht. Ich drehte mich um und stolperte rückwärts, als der Boden unter mir nachgab.

Die Klippe. Sie war direkt hinter mir, versteckt unter Farnen. Ich fiel, und die Welt drehte sich. Meine Arme griffen ins Leere, während ich in die Dunkelheit stürzte. Der Wind zog an meinem Haar. Ich schrie – ein schriller, panischer Laut, der im Nichts verhallte.

Dann war da eine Hand. Fest und kalt. Sie packte mein Handgelenk und riss mich nach oben. Ich knallte gegen einen harten Körper, und wir landeten gemeinsam auf dem felsigen Boden. Meine Brust hob und senkte sich in heftigen Zügen. Ich konnte nicht atmen.

„Bist du verrückt?“, zischte eine Stimme über mir. „Du wärst fast gestorben.“

Ich öffnete die Augen. Ein Gesicht schwebte über mir – scharfkantig, mit Augen, die im Mondlicht silbern glühten. Seine Haut war blass wie Alabaster, sein Haar schwarz und zerzaust. Er musterte mich mit einer Mischung aus Wut und Neugier.

„Ich…“ Meine Stimme brach. „Ich wollte nur weg.“

Er ließ mich los und trat einen Schritt zurück. Ich rappelte mich auf, meine Hände zitterten. Er war groß, größer als jeder Mann, den ich je gesehen hatte, und er bewegte sich geschmeidig wie ein Raubtier. „Du bist aus dem Schloss geflohen“, sagte er. Es war keine Frage.

„Woher weißt du das?“

„Dein Kleid. Deine Krone.“ Er deutete auf mein Haar, wo die goldene Spange noch immer steckte. „Du riechst nach teurem Parfüm und Angst.“

Ich zuckte zurück. „Wer bist du?“

„Kael.“ Sein Name klang wie ein Fluch. „Und du bist in meinem Wald.“

„Deinem Wald? Du meinst…“ Die Wahrheit traf mich wie ein Schlag. „Du bist einer von ihnen. Ein Vampir.“

Er lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln. „Und du bist eine Prinzessin, die morgen heiraten soll. Bist du so verzweifelt, dass du lieber stirbst?“

„Nein“, sagte ich fester, als ich mich fühlte. „Ich will nur frei sein.“

Kael beugte sich vor, und ich roch etwas Wildes an ihm – wie feuchte Erde und kaltes Eisen. „Freiheit ist eine Illusion. Glaub mir, ich weiß das.“

„Dann lass mich gehen.“

„Wohin willst du? In den Wald? Nach ein paar Stunden wirst du erfrieren oder verhungern. Oder noch schlimmer – die Ultra-Vampire finden dich.“

Ich wusste nicht, was Ultra-Vampire waren, aber der Name ließ mich erschaudern. „Was schlägst du vor?“, fragte ich trotzig.

Er studierte mich einen langen Moment. Seine Augen durchbohrten mich. „Bleib bei mir. Für die Nacht. Morgen kannst du weitersehen.“

„Bei einem Vampir? Bist du verrückt?“

„Du hast keine Wahl“, sagte er und drehte sich um. „Komm, oder geh. Aber die Klippe wartet immer noch.“

Ich stand da, zerrissen zwischen Angst und Trotz. Aber die Kälte kroch unter meine Haut, und ich wusste, dass er recht hatte. Ich folgte ihm, langsam, jeden Muskel angespannt.

Seine Hütte war klein, aber warm. Ein Feuer flackerte im Kamin, und der Raum roch nach Kräutern. Er bot mir einen Stuhl an und setzte sich mir gegenüber. Das Schweigen war schwer wie Blei.

„Warum hilfst du mir?“, fragte ich schließlich.

„Weil ich es kann“, sagte er. Aber in seiner Stimme lag etwas, das ich nicht deuten konnte. Vielleicht Einsamkeit. Vielleicht Neugier. „Du bist nicht wie die anderen Menschen.“

„Wie meinst du das?“

Er beugte sich vor, und ich spürte seine Kälte wie einen Lufthauch. „Du hast keine Angst vor mir. Nicht genug, um wegzulaufen. Und du hast etwas in den Augen… etwas, das ich lange nicht gesehen habe.“

„Hoffnung?“, flüsterte ich.

Er nickte langsam. „Das auch.“

Ich wusste nicht, ob ich ihm trauen konnte. Aber als ich in seine silbernen Augen sah, spürte ich etwas, das stärker war als Vernunft. Etwas, das mich hier festhielt, obwohl ich es besser wissen sollte.

Draußen heulte der Wind. Der Wald atmete leise. Und ich saß da, am Rande des Abgrunds, die Hand eines Vampirs auf meiner.

„Morgen“, sagte er, „musst du entscheiden, ob du zurückgehst oder bleibst.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich gehe nie wieder zurück.“

Sein Lächeln war schwach, aber echt. „Das werden wir sehen.“

Das Feuer knisterte, und die Nacht zog sich um uns. Ich wusste, dass diese Entscheidung alles ändern würde. Aber ich wusste noch nicht, wie sehr.

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