Chapter 3

Ein unerwartetes Treffen

Auf ihrer Flucht vor Verfolgern gerät Lyra in eine gefährliche Situation. Dort begegnet sie Elia, einer Frau, die mehr zu wissen scheint, als sie zugibt. Elia bietet unerwartete Hilfe an.

6 min read

Der Wind peitschte mir ins Gesicht, trug den Geruch von feuchter Erde und verrottendem Laub mit sich. Jeder Atemzug war ein Kampf, jede Bewegung eine Qual. Hinter mir, so schien es, lag die Welt, vor mir nur Dunkelheit und die unaufhörliche Jagd. Die Nacht war mein ständiger Begleiter, aber sie bot keinen Schutz mehr. Die Schatten, die einst meine Zuflucht waren, schienen nun selbst zu lauern, ihre Finger nach mir auszustrecken.

Ich stolperte über eine knorrige Wurzel, ihr Griff um meinen Knöchel fest und unnachgiebig. Ein leiser Fluch entwich meinen Lippen, als ich mich mühsam aufrappelte. Die Kälte kroch durch meine dünne Kleidung, biss in meine Haut. Ich war erschöpft, meine Kräfte schwanden mit jedem Herzschlag. Aber die Angst – die allgegenwärtige, lähmende Angst – trieb mich weiter. Sie war ein ständiger Begleiter, ein Schatten, der sich nie von meiner Seite wich.

Ich hatte die Stadt hinter mir gelassen, ihre Lichter nur noch ferne, tröstende Funken in der Schwärze. Doch die Verfolger waren mir dicht auf den Fersen. Ihre Rufe, ihre Rufe des Hasses und der Furcht, hallten noch immer in meinen Ohren wider. Sie nannten mich Monster, Dämonin, die Ausgeburt der Hölle. Und vielleicht hatten sie recht. Die Macht, die in mir tobte, war wild und ungezähmt, eine Naturgewalt, die sich dem menschlichen Verstand entzog.

Plötzlich erstarrte ich. Ein Geräusch. Nicht das Knacken von Ästen unter menschlichen Stiefeln, nicht das Keuchen der Verfolger. Etwas anderes. Leiser, subtiler. Ein Rascheln, als ob sich unsichtbare Fäden durch das Unterholz zogen. Ich duckte mich instinktiv hinter einen dichten Farnbusch, mein Herz pochte wild gegen meine Rippen. Die Dunkelheit war mein Freund, doch heute schien sie mich zu verraten.

Ein Gestalt trat aus den Schatten. Nicht die grobschlächtigen, bewaffneten Männer, die ich erwartet hatte. Diese Gestalt war schlank, geschmeidig, bewegte sich mit einer Anmut, die mir fremd war. Ihre Kleidung war aus dunklem Stoff, der sich nahtlos in die Nacht einfügte. Ein langer Mantel fiel ihr um die Schultern, und ihr Gesicht war im Schatten verborgen. Doch ich spürte ihre Präsenz, eine Aura der Ruhe, die im krassen Gegensatz zu meiner inneren Unruhe stand.

Sie blieb stehen, nur wenige Meter von meinem Versteck entfernt. Ihre Augen, selbst im Dunkeln schimmernd, schienen mich zu durchdringen. Ich spürte, wie sie meine Furcht, meine Erschöpfung, meine Verzweiflung wahrnahm.

"Du bist weit von zu Hause weg, Dunkelkind", sagte sie. Ihre Stimme war sanft, melodisch, aber mit einem Unterton von etwas Uraltem, Mächtigem.

Ich wagte es nicht, mich zu rühren. Wer war sie? Eine weitere Jägerin, die sich als harmlos ausgab? Ein Lockvogel?

"Wer bist du?", flüsterte ich, meine Stimme rau und brüchig.

Sie neigte leicht den Kopf. "Man nennt mich Elia. Und du bist Lyra, nicht wahr?"

Mein Blut gefror. Wie konnte sie meinen Namen kennen? Ich hatte ihn nie laut gesagt, ihn vor niemandem preisgegeben. Die Geheimnisse, die ich hütete, schienen plötzlich brüchig wie dünnes Eis.

"Woher... woher weißt du meinen Namen?", krächzte ich.

Ein leises Lächeln spielte um ihre Lippen, auch wenn ich es im Dunkeln kaum erkennen konnte. "Die Welt ist voller Echoes, Lyra. Manch einer hört sie besser als andere." Sie trat näher, ihre Bewegungen waren fließend wie Wasser. "Du bist auf der Flucht. Deine Energie pulsiert wie ein verwundetes Tier."

Ich presste die Lippen zusammen. Ich wollte ihr nichts verraten, nichts von meiner Schwäche zeigen. Aber die Worte kamen einfach aus mir heraus, wie ein unaufhaltsamer Strom.

"Sie jagen mich. Sie wollen meine Macht. Sie fürchten sie." Die Angst brach aus mir hervor, eine Welle der Verzweiflung. "Aber ich will das nicht. Ich will das nicht sein."

Elia blieb stehen, ihre Augen ruhten nun auf meinem Gesicht. Ich konnte ihre Miene nun besser erkennen. Sie war älter, ihr Gesicht trug die Spuren von Weisheit und vielleicht auch von Leid. Aber ihre Augen waren klar und ruhig, frei von der panischen Furcht, die mich seit Wochen plagte.

"Deine Macht ist eine Bürde, wenn man sie nicht versteht", sagte sie leise. "Aber sie ist auch ein Geschenk. Ein gewaltiges Potenzial."

Ich lachte bitter. "Ein Geschenk? Es ist ein Fluch. Es bringt mir nur Leid und Verfolgung."

"Das ist die Perspektive des Gejagten", erwiderte Elia sanft. "Aber es gibt auch andere Perspektiven. Die des Verstehenden. Die des Beherrschers."

Sie machte eine Geste mit ihrer Hand, und vor ihr materialisierte sich ein kleines, sanft glühendes Licht. Es war keine kalte, klinische Magie, wie ich sie kannte. Es war warm, organisch, pulsierte im Einklang mit dem Schlag meines eigenen Herzens.

"Sie fürchten, was sie nicht verstehen können", fuhr sie fort. "Und sie wollen es kontrollieren oder zerstören. Das ist die Natur derer, die Angst haben." Sie blickte mich direkt an. "Aber du bist anders, Lyra. Du bist nicht nur ein Werkzeug der Zerstörung. Du bist mehr."

"Mehr? Was denn?", fragte ich bitter. "Diejenige, die die Welt vernichten wird? Die Prophezeiung..." Ich brach ab. Die Worte, die ich in der verlassenen Bibliothek gefunden hatte, brannten sich in mein Gedächtnis. Dunkle Verse, die von einem kommenden Untergang sprachen, von einer Dunkelheit, die aus den Tiefen der Erde aufsteigen und alles verschlingen würde. Und mein Name wurde darin genannt.

Elia nickte langsam, als hätte sie meine Gedanken gelesen. "Die Prophezeiung. Sie ist eine Warnung, Lyra. Aber auch eine Möglichkeit. Es liegt in deiner Hand, welche Zukunft du wählst."

"Aber wie? Ich kann diese Macht nicht kontrollieren! Sie ist zu stark!" Meine Stimme brach. Tränen brannten in meinen Augen, doch ich weinte nicht. Ich hatte die Tränen schon vor langer Zeit verloren.

"Niemand ist allein mit einer solchen Bürde", sagte Elia. Sie streckte ihre Hand aus, nicht um mich zu berühren, sondern als ein Angebot. "Ich kann dir helfen, Lyra. Ich kann dir zeigen, wie du deine Kräfte verstehen und beherrschen kannst. Nicht um zu zerstören, sondern um zu schützen. Um zu wählen."

Ich starrte auf ihre ausgestreckte Hand. Ein Teil von mir schrie auf, vor Misstrauen, vor Furcht. Alles in mir war darauf trainiert, niemandem zu trauen, jeden Fremden als Feind zu betrachten. Doch ein anderer Teil, ein winziger, fast vergessener Teil, sehnte sich nach Hilfe. Nach Verständnis. Nach einem Weg aus dieser endl

✦ ✦ ✦