Chapter 3
Ein Ruf in der Leere
Der Denaida-janische Militärfrachter 'Sternenwächter' empfängt Seraphinas schwaches Notsignal. Kapitän Kaelen ist neugierig und beschließt, der Spur zu folgen.
Das leise Summen der Maschinen war das Einzige, was die erdrückende Stille der Brücke der *Sternenwächter* durchbrach. Draußen, hinter den dicken Panzerglasfenstern, erstreckte sich die unendliche, samtige Schwärze des Alls, gesprenkelt mit Diamanten ferner Sonnen. Ich, Kapitän Kaelen, stand vor dem Hauptbildschirm, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und starrte in diese Leere. Mein Schiff, ein stolzer Denaida-janischer Militärfrachter, war ein winziger Punkt in diesem Ozean der Nichts. Doch heute fühlte es sich anders an. Heute lag eine Verheißung in der Luft, ein leises Flüstern, das meine Aufmerksamkeit gefangen hatte.
„Statusbericht, Zweiter Offizier“, sagte ich, meine Stimme ruhig, aber mit einem Unterton von Ungeduld.
Der junge Denaida, dessen Name mir gerade entfallen war – sie waren alle so ähnlich in ihren grauen Uniformen und geschäftigen Bewegungen – richtete sich auf. „Die Scans sind abgeschlossen, Kapitän. Keine unmittelbaren Bedrohungen in der Nähe. Wir sind auf Kurs.“
Ich nickte. „Und das Signal?“
Ein Zögern. „Es ist immer noch da, Kapitän. Schwach, aber beständig. Es scheint von einer kleinen, zivilen Frachtkapsel zu stammen. Einer, die… nun, die eigentlich nicht mehr existieren sollte, basierend auf den Wrackteilen, die wir in der Nähe detektiert haben.“
Ein Wrack. Das machte die Sache interessanter. Die meisten Soloschiffe, die hier draußen unterwegs waren, hatten keine Chance gegen die Piraten, die in diesen Sektoren hausten. Oder gegen die unbekannten Gefahren, die tiefer in den unerforschten Regionen lauerten. Aber eine Kapsel, die ein Notsignal aussendete? Das deutete auf Überlebende hin.
„Wie alt ist das Signal ungefähr?“, fragte ich und wandte mich dem Bildschirm zu, auf dem eine schwache, pulsierende Linie aufleuchtete.
„Schwer zu sagen, Kapitän. Die Energiequelle scheint stark beschädigt zu sein. Es könnte schon eine Weile her sein, seit es gesendet wurde. Aber die Signatur ist… einzigartig. Nicht standardmäßig.“
Einzigartig. Das Wort hing in der Luft. Meine Neugier, die sonst nur von militärischen Notwendigkeiten geweckt wurde, begann zu kribbeln. Die Denaida-janische Flotte war bekannt für ihre Effizienz und ihre strikte Einhaltung von Protokollen. Aber manchmal, nur manchmal, gab es Momente, in denen die Routine durchbrochen werden musste. Ein Notsignal, das von einem Wrack ausging, war eine solche Gelegenheit.
„Kursänderung“, befahl ich. „Leiten Sie uns direkt auf die Quelle des Signals. Volle Sensorenreichweite. Ich möchte wissen, was dort draußen vor sich geht.“
Einige der Offiziere auf der Brücke tauschten Blicke. Eine Kursänderung ohne klare militärische Begründung war ungewöhnlich. Aber sie gehorchten. Die Befehlskette war unantastbar.
Die nächsten Stunden vergingen in angespannter Erwartung. Wir näherten uns der Quelle des Signals, und die Wrackteile wurden auf den Schirmen deutlicher. Es war tatsächlich eine kleine Frachtkapsel, oder besser gesagt, das, was davon übrig war. Ein zerfetzter Hüllenmantel, Trümmer, die wie gefrorene Tränen im Vakuum trieben. Und inmitten dieses Chaos, ein kleines, intaktes Rettungsmodul. Klein, ja, aber stark genug, um die Kapsel vor dem vollständigen Zerfall zu bewahren.
„Mehrere Lebenserhaltungssignaturen im Modul, Kapitän“, meldete der Zweite Offizier. Seine Stimme war jetzt voller Anspannung. „Aber sie sind schwach. Sehr schwach.“
Ich ging zum Hauptbildschirm und zoomte auf das Rettungsmodul. Es war kaum größer als mein Kommandostuhl. Wie konnte dort mehr als eine Person überlebt haben?
„Bereiten Sie ein Außenteam vor“, sagte ich. „Ich werde die Bergung persönlich leiten.“
Die Atmosphäre auf der *Sternenwächter* war elektrisierend, als wir uns dem Wrack näherten. Die Crew, normalerweise ruhig und professionell, war aufgeregt. Die Aussicht auf eine Rettungsmission, eine echte, menschliche Rettung, weckte etwas in ihnen, das im Alltag des Militärdienstes oft unterdrückt wurde.
Als wir an das Rettungsmodul andockten, spürte ich ein seltsames Kribbeln in meinen Fingerspitzen. Ich schob es auf die Aufregung. Mit meinem Sicherheitsteam stieg ich durch die Schleuse in das enge, klaustrophobische Innere des Moduls. Das Licht war schwach, die Luft stickig. Überall lagen verstreute Habseligkeiten, Kleidung, persönliche Gegenstände. Und dann sahen wir sie.
Eine junge Frau, zusammengerollt auf dem Boden, ihr Gesicht bleich und von Schmerz gezeichnet. Sie trug zerrissene Kleidung, die einst luxuriös ausgesehen haben musste. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Atem flach. Neben ihr lag… nein, das war kein Mensch. Es war ein kleines, metallenes Etwas, das wie ein Wesen aus purem Licht aussah, aber es war leblos.
„Sie ist die Einzige“, murmelte einer meiner Leute.
Ich kniete mich neben sie. Ihre Haut war kühl, aber die Lebenserhaltung schien zu funktionieren, wenn auch auf niedrigstem Niveau. Ich berührte vorsichtig ihre Stirn. Sie zuckte leicht zusammen und ihre Augenlider flatterten.
„Wer sind Sie?“, fragte ich sanft.
Ihre Augen öffneten sich langsam. Sie waren von einem ungewöhnlichen, tiefen Blau, wie die Nacht selbst, aber mit winzigen Sternen darin. Als sie mich ansah, schien ein Funke von Leben in ihnen aufzuleuchten, gefolgt von einem Anflug von Angst.
„Seraphina Coast“, flüsterte sie, ihre Stimme rau und brüchig. „Ich… ich habe ein Notsignal gesendet.“
„Das haben wir empfangen“, sagte ich. „Ich bin Kapitän Kaelen von der Denaida-janischen Sternenwächter. Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“
Sie starrte mich an, ihre Augen wanderten über mein Gesicht, über meine Uniform. Ein Hauch von Verzweiflung lag darin. „Sie… Sie müssen mich hier rausholen. Sie dürfen mich nicht kriegen.“
„Wer sind ‚sie‘?“, fragte ich, während ich ihr vorsichtig half, sich aufzurichten. Sie war dünn, fast zerbrechlich.
Sie schüttelte den Kopf, ihr Blick wanderte zu dem leblosen Objekt neben ihr. „Es… es war ein Angriff. Sie haben mein Schiff zerstört. Sie… sie wollten…“ Ihre Stimme brach ab, und sie klammerte sich an meinen Arm, als würde sie ertrinken.
Ich spürte, wie etwas in mir reagierte. Ihre Angst war echt, ihre Verzweiflung packend. Und da war etwas anderes, etwas, das ich nicht ganz greifen konnte. Eine Energie, die von ihr ausging, obwohl sie so geschwächt war.
„Wir bringen Sie an Bord“, sagte ich bestimmt. „Sie sind jetzt sicher.“
Die Rückkehr zur *Sternenwächter* war ein geschäftiges Treiben. Seraphina wurde sofort in die Krankenstation gebracht, wo unsere Mediziner sie versorgten. Ich blieb auf der Brücke und ließ die Daten des Wracks analysieren. Es gab keine Spuren eines Kampfes, keine Hinweise auf die Angreifer, außer Seraphinas vagen Andeutungen. Aber die Energieabdrücke, die wir von den Trümmern der Kapsel empfangen hatten, waren seltsam. Nicht die typischen Signaturen von Waffen, die wir kannten.
Als ich später in die Krankenstation ging, um nach Seraphina zu sehen, fand ich sie wach vor. Sie saß auf dem Bett, ihre blauen Augen waren klarer geworden, aber immer noch von einer tiefen Traurigkeit gezeichnet. Das kleine, lichtvolle Wesen, das ich im Rettungsmodul gesehen hatte, lag nun auf einem Tisch neben ihrem Bett, immer noch leblos.
„Wie fühlen Sie sich?“, fragte ich und trat näher.
Sie blickte auf das Lichtwesen. „Das war… das war mein Begleiter. Mein Sternengeist. Er hat mich beschützt.“ Ihre Stimme brach erneut. „Aber er hat nicht genug gehalten.“
Ich setzte mich auf einen Stuhl neben dem Bett. „Wir haben keine Spuren von den Angreifern gefunden. Können Sie sie beschreiben?“
Sie seufzte. „Ich habe sie nicht wirklich gesehen. Sie kamen aus dem Nichts. Eine Art… Tarnung, glaube ich. Sie waren schnell. Und sie schienen es auf mich abgesehen zu haben. Nicht auf mein Schiff. Auf mich.“ Sie legte eine Hand auf ihre Brust. „Ich spürte… eine Präsenz. Eine Kälte, die durch mich hindurchfuhr.“
Ich nickte langsam. Das passte zu den seltsamen Energieabdrücken. Etwas, das sich unserer normalen Detektion entzog. „Und was wollten sie von Ihnen? Wussten Sie das?“
Sie zögerte, ihre Augen wurden unruhig. „Ich… ich glaube, sie wollten meine Gabe.“
„Gabe?“, wiederholte ich.
Sie blickte mich direkt an, ihre blauen Augen voller einer Mischung aus Furcht und Entschlossenheit. „Ich kann… Dinge beeinflussen. Mit meinem Geist. Dinge, die nicht aus Fleisch und Blut sind. Sterne, Energien… ich kann sie hören, sie spüren. Und manchmal… manchmal kann ich sie lenken.“ Sie senkte die Stimme. „Es ist selten. Und sehr mächtig. Ich habe versucht, es zu verbergen.“
Ich war sprachlos. Eine solche Gabe war etwas, das ich nur aus alten Legenden kannte. Und diese Frau, Seraphina Coast, hatte sie. Und sie wurde dafür gejagt.
„Das erklärt vieles“, sagte ich leise. „Sie sind also keine gewöhnliche Zivilistin.“
Sie lächelte schwach. „Das bin ich wohl nicht. Aber ich möchte nur in Frieden leben.“
Plötzlich ertönte ein schriller Alarm auf der Brücke. Die Lichter auf der Krankenstation flackerten.
„Alarm!“, rief eine Stimme über die interne Kommunikation. „Unbekannte Schiffssignatur erfasst! Sie nähern sich schnell!“
Ich sprang auf. „Was für ein Schiff?“
„Unbekannt, Kapitän! Sie sind getarnt! Aber sie sind hier! Und sie scheinen auf uns zu zielen!“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Sie hatten uns gefunden. Sie hatten Seraphina gefunden. Und sie waren nicht hier, um zu verhandeln.
Ich wandte mich an Seraphina. Ihre Augen waren weit aufgerissen, erfüllt von neuem Schrecken. „Sie sind hier! Sie haben mich gefunden!“
„Keine Sorge“, sagte ich, meine Stimme fest, obwohl mein Herz wie ein Trommelwirbel gegen meine Rippen schlug. „Sie kommen nicht an Ihnen vorbei. Nicht, solange ich das Kommando habe.“
Ich eilte zurück zur Brücke, meine Gedanken rasten. Eine getarnte Bedrohung, die Jagd auf eine Frau mit einer unglaublichen Gabe. Das war mehr als nur eine Routine-Rettungsmission. Das war der Beginn von etwas Größerem. Etwas Gefährlicherem.
„Alle Mann an ihre Posten!“, brüllte ich, als ich auf der Brücke ankam. „Schilde hoch! Waffen bereit!“
Auf dem Hauptbildschirm erschienen kurzzeitig schemenhafte Umrisse, bevor sie wieder verschwanden. Sie waren nah. Zu nah.
„Sie feuern!“, rief die Waffenoffizierin.
Ein gewaltiger Stoß erschütterte die *Sternenwächter*. Die Schilde hielten, aber die Einschläge waren brutal.
„Das sind keine normalen Waffen“, sagte ich, meine Zähne zusammengebissen. „Das ist… etwas anderes.“
Dann sah ich es. Auf dem Bildschirm, durch die kurzen Momente, in denen ihre Tarnung nachließ, erkannte ich die Form. Es war kein Schiff, das ich kannte. Aber die Energieabdrücke… sie erinnerten mich an etwas, das ich tief in den Archiven der Denaida-janischen Flotte gesehen hatte. Etwas, das als Legende abgetan wurde.
„Seraphina“, murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu jemand anderem. „Was hast du da bloß mit dir gebracht?“
Die Jagd hatte gerade erst begonnen. Und ich hatte das Gefühl, dass dies erst der Anfang einer langen, gefährlichen Reise war, auf der unsere Schicksale auf unerwartete Weise miteinander verknüpft werden würden.