Chapter 2
Das letzte Signal
In letzter Sekunde sendet Seraphina ein Notsignal. Ihr Schiff gibt den Geist auf, und sie wird auf das Schiff der Angreifer gebracht, ohne zu wissen, was sie erwartet.
Das letzte Signal
Das metallische Kreischen, das durch mein Schiff fuhr, war kein gewöhnlicher Defekt. Es war der Schrei einer sterbenden Maschine, ein Todeskampf, der mir bis ins Mark ging. Die Warnleuchten blinkten wie verrückt und tauchten die Brücke in ein unheilvolles rotes Licht, das die Panik in mir nur noch verstärkte. Draußen, durch die Panzerglasscheibe, sah ich die Sterne vorbeiziehen, unbeeindruckt von meinem Schicksal. Sie waren so fern, so gleichgültig. Mein Schiff, einst mein sicherer Hafen, mein Zuhause auf dieser endlosen Reise, zerfiel unter meinen Händen.
„Systeme fallen aus! Hauptantrieb offline! Hülle kompromittiert!“, schrie die Computerstimme, ihre kalte Monotonie ein grausamer Kontrast zu dem Chaos, das ausbrach. Ich presste die Hände gegen meine Ohren, versuchte, das Geräusch auszublenden, aber es war nutzlos. Es war, als würde mein eigenes Herz von der Zerstörung mitgerissen. Ich musste etwas tun. Ich konnte nicht einfach hier sitzen und warten.
Mit zitternden Fingern tastete ich nach der Notfallkonsole. Mein Schiff war alt, ja, aber es hatte mich nie im Stich gelassen. Bis jetzt. Wer oder was war das? Und warum? Die Fragen hämmerte in meinem Kopf, während meine Finger über die Tasten flogen, getrieben von einem instinktiven Überlebenswillen. Ich musste ein Signal senden. Irgendjemand musste wissen, was passierte.
„Notfallkommando, Sektor Gamma-7. Dies ist die Seraphina Coast. Schiff unter schwerem Beschuss. Antriebe ausgefallen. Hülle…“ Meine Stimme brach. Die Konsole zuckte und die Lichter flackerten immer schwächer. Der Strom fiel aus, und die Brücke wurde in Dunkelheit getaucht, nur unterbrochen von den vereinzelten, sterbenden Funken der Instrumente. Nur das Notsignal… Ich musste es abschicken.
Ich drückte den letzten Knopf, die Finger krampften sich darum, als wäre er mein Lebensretter. Ein schwaches Surren ertönte, dann ein Piepton. Ein Signal. Ich hatte es geschafft. Ein Funke Hoffnung flackerte auf. Dann wurde das Licht komplett ausgelöscht. Die Dunkelheit schluckte mich, und mit ihr kam ein dumpfer Schlag, der mich von meinem Sitz riss.
Der nächste Moment war ein Wirbel aus Geräuschen und Empfindungen. Ein Dröhnen, das tiefer ging als alles, was ich zuvor gehört hatte. Ein Rütteln, das meine Knochen erschütterte. Und dann… ein Sog. Ein unwiderstehlicher Sog, der mich aus meinem sinkenden Schiff zog, durch die kalte Leere des Alls, und mich in eine unbekannte Richtung schleuderte. Ich schrie, aber meine Stimme ging im Lärm unter. Ich kämpfte, aber meine Gliedmaßen waren schwer wie Blei. Es fühlte sich an, als würde ich von einem gigantischen, unsichtbaren Greifarm erfasst und fortgezogen.
Als die Bewegung abrupt endete, fand ich mich in einer anderen Art von Dunkelheit wieder. Es war keine Leere, sondern eine stickige, metallische Enge. Ich lag auf dem Boden, mein Kopf pochte, mein Körper schmerzte. Langsam hob ich den Kopf. Schritte. Mehrere Paare. Sie kamen näher. Ich versuchte aufzustehen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Angst kroch wie eine kalte Schlange meinen Rücken hinauf.
Ein Scheinwerfer richtete sich auf mein Gesicht und blendete mich. Ich blinzelte, meine Augen tränen. Langsam schälte sich eine Gestalt aus dem Licht. Groß, massiv, in einer dunklen Uniform, die ich nicht kannte. Seine Hände waren behandschuht, und er hielt etwas, das wie eine Waffe aussah. Hinter ihm standen weitere Gestalten, ebenso bedrohlich.
„Wer bist du?“, knurrte eine tiefe Stimme, die nicht menschlich klang. Es war guttural, rau, wie das Mahlen von Felsen.
Ich schluckte. Meine Kehle war trocken und schmerzte. „Ich bin… Seraphina Coast.“
Die Gestalt neigte den Kopf. Ein leises Geräusch, das wie ein Schnurren klang, kam von ihm. „Seraphina Coast… Dein Schiff hat ein Notsignal gesendet. Aber wir haben dich aufgefangen, bevor wir uns darum kümmern konnten.“
„Aufgefangen?“, wiederholte ich verwirrt. „Ihr… ihr habt mein Schiff angegriffen?“
Ein kurzes, hartes Lachen hallte durch den Raum. „Das ist unwichtig jetzt. Was wichtig ist, ist, wer du bist. Und warum dein Signal so dringend war.“
Ich schloss die Augen für einen Moment. Mein Schiff war zerstört. Ich war gefangen. Auf dem Schiff von… wem auch immer diese Wesen waren. Ich hatte keine Ahnung, was sie mit mir vorhatten. Die Angst war überwältigend, aber tief in mir regte sich auch ein Funken Trotz. Ich würde nicht einfach so aufgeben.
„Ich bin eine Reisende“, sagte ich, meine Stimme fester, als ich erwartet hatte. „Mein Schiff wurde angegriffen. Ich weiß nicht von wem.“
Die Gestalt trat näher. Sein Gesicht war im Schatten verborgen, aber ich konnte die Intensität seines Blicks spüren. „Das glauben wir nicht. Niemand sendet ein solches Signal ohne Grund. Und niemand hat die Technologie, um dein Schiff so schnell zu deaktivieren.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Sie wussten mehr. Oder sie vermuteten mehr. Die Macht, die sie hatten, die Fähigkeit, mein Schiff zu zerstören und mich auf ihr Schiff zu ziehen, war beängstigend.
„Ich habe nichts“, sagte ich leise. „Ich bin nur… eine Frau, die versucht, ihren Weg durch die Galaxie zu finden.“
Er stieß ein Geräusch aus, das wie ein Seufzer klang. „Das werden wir sehen.“ Er deutete mit einer Handgeste. „Bringt sie weg. Und untersucht ihr Schiff. Findet heraus, was dort passiert ist.“
Zwei der Gestalten traten vor und packten mich an den Armen. Ihre Griffe waren fest, aber nicht brutal. Pragmatisch. Ich ließ mich von ihnen mitreißen, mein Blick haftete an der ersten Gestalt, bis er in der Dunkelheit verschwand. Was würde mit mir geschehen? Wohin brachten sie mich?
Während ich durch endlose Korridore geführt wurde, deren Wände aus einem unbekannten, dunklen Metall bestanden, versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen. Mein Schiff war weg. Meine Reise war vorbei, zumindest vorerst. Aber ich lebte. Und wer weiß, vielleicht war dieser unerwartete Einschlag nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Ein gefährlicher, unsicherer Anfang, aber ein Anfang nonetheless.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir eine Kammer. Sie war spartanisch eingerichtet: ein Bett, ein Tisch, eine kleine Konsole. Die beiden Wachen schoben mich sanft hinein und schlossen die Tür hinter sich. Ich war allein. Wieder.
Ich ließ mich auf das Bett fallen. Es war hart, aber es war ein Ort zum Ausruhen. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Die Angst war immer noch da, aber sie war nicht mehr lähmend. Sie hatte sich in eine Art wachsamer Vorsicht verwandelt. Ich musste stark bleiben. Ich musste herausfinden, wer diese Leute waren und was sie von mir wollten.
Die nächsten Stunden vergingen in einer Art Benommenheit. Ich schlief nicht wirklich, aber ich döste, immer wieder aufgeschreckt von Geräuschen oder dem Gefühl, beobachtet zu werden. Dann hörte ich Schritte vor meiner Tür. Sie klangen anders als die der Wachen. Ruhiger. Bestimmter.
Die Tür öffnete sich und ein Mann trat ein. Er war groß, aber nicht so massiv wie die Gestalten, die mich zuvor gebracht hatten. Seine Uniform war anders, eleganter, mit den Abzeichen der Denaida-janischen Militärflotte. Sein Gesicht war von einem ernsten, aber gütigen Ausdruck geprägt. Seine Augen, tiefblau und wachsam, musterten mich mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis.
„Frau Coast?“, fragte er. Seine Stimme war tief und ruhig, mit einer Melodie, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Sie beruhigte mich auf eine seltsame Weise.
Ich nickte. „Ja. Das bin ich.“
Er trat näher, seine Schritte waren lautlos auf dem Metallboden. „Mein Name ist Kaelen. Ich bin der Kapitän dieses Schiffes. Wir haben Ihr Notsignal empfangen.“ Er machte eine Pause und sein Blick wurde intensiver. „Es tut mir leid, was mit Ihrem Schiff passiert ist. Wir konnten es nicht mehr rechtzeitig erreichen.“
„Sie… Sie sind nicht diejenigen, die es angegriffen haben?“, fragte ich hoffnungsvoll.
Ein Schatten zog über sein Gesicht. „Das wissen wir noch nicht. Wir haben die Trümmer Ihres Schiffes verfolgt. Aber die Angreifer sind verschwunden.“ Er seufzte. „Wir haben Sie von Bord ihrer… Jägerin, nehme ich an, geborgen. Sie haben Sie offenbar dort zurückgelassen, als sie gemerkt haben, dass wir uns näherten.“
Ich atmete erleichtert auf. Das war eine gute Nachricht. Die erste gute Nachricht seit… seit dem Einschlag. „Das… das ist gut zu wissen.“
„Wir haben Ihre Brücke und Ihre Rettungskapsel untersucht“, fuhr Kaelen fort. „Es gab keine Hinweise auf Ihren Aufenthaltsort, bis wir ein schwaches Lebenszeichen auf dem Schiff der Angreifer entdeckten. Darum haben wir Sie dorthin gebracht.“
Ich nickte langsam. Es ergab Sinn. „Und die Leute, die mich gebracht haben…?“
„Sie waren Teil der Besatzung des Angreifer-Schiffes“, erklärte Kaelen. „Sie haben Sie nicht verletzt, nehme ich an?“
„Nein“, sagte ich. „Sie waren… pragmatisch.“
Kaelen lächelte schwach. „Das ist eine gute Beschreibung für die Denaida-janische Mentalität. Wir sind effizient, wenn auch manchmal etwas… direkt.“ Er musterte mich aufmerksam. „Sie scheinen unverletzt zu sein. Aber Sie sind sichtlich erschöpft. Wir haben Ihnen etwas zu essen und zu trinken gebracht. Und Sie können hier ruhen, so lange Sie brauchen.“
Ich nickte dankbar. „Danke, Kapitän Kaelen. Das ist sehr nett von Ihnen.“
„Es ist unsere Pflicht“, sagte er. „Besonders, wenn jemand in Not ist.“ Er zögerte. „Frau Coast, wir haben etwas Seltsames festgestellt, als wir Sie geborgen haben. Etwas… Ungewöhnliches.“
Meine Augen weiteten sich. „Was meinen Sie?“
Kaelen trat einen Schritt zurück und deutete mit einer Geste auf die Konsole. „Unsere Scans zeigten eine… Energieemission, die von Ihnen ausging. Eine sehr starke, aber auch sehr ungewöhnliche Signatur. Etwas, das wir noch nie zuvor gemessen haben.“
Ich spürte, wie mir das Blut in den Adern gefror. Meine Gabe. Sie hatten sie gespürt. Mein größtes Geheimnis.
„Ich… ich weiß nicht, wovon Sie reden“, stammelte ich.
Kaelens Blick wurde noch intensiver. „Frau Coast, ich bin ein Mann der Wissenschaft und der Logik. Aber ich bin auch ein Mann, der die Wahrheit sucht. Was auch immer diese Energie ist, sie ist nicht natürlich. Und sie ist mächtig.“ Er sah mich direkt an. „Und ich glaube, sie ist der Grund, warum Ihr Schiff angegriffen wurde.“
Die Worte hingen in der Luft zwischen uns. Die Dunkelheit, die mich verschluckt hatte, schien sich wieder um mich zu legen, diesmal nicht durch äußere Kräfte, sondern durch die Erkenntnis, dass mein Geheimnis vielleicht gar kein Geheimnis mehr war. Und dass mein Überleben nun von Dingen abhing, die ich kaum verstand. Aber Kaelens Blick war nicht bedrohlich. Er war neugierig, ja, aber auch… verständnisvoll. Als ob er verstand, dass dies keine einfache Situation war.
„Ich… ich muss Ihnen etwas erzählen“, sagte ich leise, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Das Notsignal war gesendet. Mein Schiff war zerstört. Nun musste ich auch mein Innerstes preisgeben. Der Weg vor mir war ungewiss, aber ich spürte, dass ich ihn nicht allein gehen würde.