Chapter 3

Die Gabe erwacht

In einem Moment der Not manifestiert sich Isadoras verborgene Gabe zum ersten Mal deutlich. Sie erschrickt über ihre eigene Kraft und versucht, sie zu unterdrücken. Sie hat Angst, was sie ist.

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Die Nacht legte sich wie ein schwerer, samtener Umhang über das Dorf. Nur das flackernde Licht der Öllampen und der bleiche Schein des Mondes durchbrachen die Dunkelheit. Doch diese Nacht war anders. Eine Kälte, die nicht vom Wetter kam, kroch durch die Gassen, eine Kälte, die sich in den Knochen festsetzte und ein tiefes Unbehagen hervorrief. Isadora saß am Fenster ihres kleinen Zimmers, die Hände fest um ihre Knie geschlungen, und starrte hinaus in die Nacht. Die Schatten schienen länger, tiefer zu sein als sonst. Sie tanzten und verzerrten sich, nahmen Formen an, die ihr Herz schneller schlagen ließen. Ein leises Murmeln ging durch das Dorf, besorgte Stimmen, die sich aneinanderreihten wie die Wellen eines aufgewühlten Meeres.

Vor ein paar Tagen war es nur ein merkwürdiges Gefühl gewesen, ein Kribbeln in den Fingerspitzen, wenn sie wütend war, ein plötzliches Aufleuchten von Farben in ihrem Blickfeld, wenn sie glücklich war. Kleine Dinge, die sie als seltsame Launen abgetan hatte. Doch dann kam der Vorfall am Fluss. Ein paar der jüngeren Jungen hatten sie geärgert, sie mit Steinen beworfen und ihr nachgerufen. Die Wut war in ihr hochgeschossen, heiß und unkontrollierbar. Und plötzlich, ohne dass sie es beabsichtigt hatte, waren die Steine, die sie auf sie schleuderten, in der Luft erstarrt. Sie schwebten dort, für den Bruchteil eines Herzschlags, bevor sie zu Boden fielen, als hätten sie ihre Kraft verloren. Die Jungen waren erschrocken davongerannt, und Isadora war zurückgeblieben, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ihre Hände zitterten.

Sie hatte versucht, es zu vergessen, es als einen Zufall abzutun. Aber die Angst war geblieben, ein ständiger Begleiter, der ihr ins Ohr flüsterte, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie war anders. Und Anderssein, das wusste sie, war in diesem Dorf oft gleichbedeutend mit Gefahr.

Heute Nacht war die Angst größer denn je. Etwas Dunkles lag über dem Land, etwas, das die Luft schwer machte und die Seelen der Menschen bedrückte. Die Geschichten, die sie in den letzten Tagen gehört hatte, die verschwundenen Tiere, die unerklärlichen Unfälle, die verdorrten Pflanzen in den Feldern am Rande des Waldes – sie alle schienen sich zu einem einzigen, furchterregenden Bild zusammenzufügen. Ein Schatten. Ein Wesen aus der Dunkelheit, das sich langsam näherte, um alles zu verschlingen, was ihm in den Weg kam.

Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Ein Kratzen an ihrer Fensterscheibe. Ihr Atem stockte. Sie wagte es kaum, sich umzudrehen. Langsam, mit pochendem Herzen, drehte sie ihren Kopf. Draußen, im schwachen Mondlicht, sah sie eine Gestalt. Klein, mit dunklem, struppigem Fell und glühenden Augen. Es war ein Fuchs, aber kein gewöhnlicher Fuchs. Er wirkte seltsam angespannt, seine Augen waren auf sie gerichtet, als würde er sie verstehen. Dann, mit einer Bewegung, die so schnell war, dass sie sie fast verpasste, hob der Fuchs seine Pfote. Vor seiner Pfote schwebte ein kleiner, glühender Stein. Er pulsierte mit einem sanften, warmen Licht, das allen Schatten zu trotzen schien.

Isadora erstarrte. Das war nicht möglich. Sie hatte diese Kraft nicht. Sie wollte sie nicht. Sie schloss die Augen und drückte ihre Hände gegen ihre Ohren, als könnte sie so die Realität ausblenden. „Nein“, flüsterte sie wieder und wieder. „Das bin nicht ich. Das ist nicht echt.“

Als sie die Augen wieder öffnete, war der Fuchs verschwunden. Aber der kleine Stein schwebte immer noch vor ihrem Fenster, ein warmer, leuchtender Punkt in der Dunkelheit. Ihr Herz raste, ihr ganzer Körper zitterte. Sie konnte die Energie spüren, die von dem Stein ausging, eine Energie, die ihr eigen war. Es war ihre Gabe. Ihre verdammte, furchterregende Gabe.

Sie sprang vom Fenster auf und rannte durch ihr kleines Zimmer, als würde sie vor etwas davonlaufen, das sie verfolgte. Sie stolperte über einen Teppich, fiel fast hin und sprang dann wieder auf. Ihre Gedanken rasten. Warum sie? Was hatte sie getan, um dies zu verdienen? Sie wollte keine Magie. Sie wollte nur ein normales Leben, ein Leben, in dem sie nicht anders war, in dem sie keine Angst haben musste, dass jeder Fehler, jeder unbedachte Gedanke eine Katastrophe auslösen könnte.

Ein Klopfen an ihrer Tür ließ sie zusammenzucken. „Isadora?“, rief eine Stimme. Es war ihre Mutter. „Ist alles in Ordnung, mein Schatz?“

Isadora presste die Lippen zusammen. Was sollte sie sagen? Dass sie seltsame Dinge tun konnte? Dass sie Angst hatte, sich selbst zu verletzen oder andere? Sie versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten. „Ja, Mama. Alles gut. Nur ein bisschen unruhig.“

Ihre Mutter öffnete die Tür und trat mit einem besorgten Gesichtsausdruck herein. Sie trug eine warme Decke über den Schultern. „Du siehst blass aus, mein Kind. Hast du schlecht geträumt?“

Isadora schüttelte den Kopf und vermied den Blick ihrer Mutter. Sie konnte ihre Angst nicht zeigen. Nicht jetzt. Nicht, wenn die Dunkelheit so nah war. „Nein, Mama. Nur… die Geräusche draußen. Sie machen mir Angst.“

Ihre Mutter kam zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Stirn. „Du hast kein Fieber. Komm, leg dich wieder hin. Ich bleibe bei dir, bis du eingeschlafen bist.“

Isadora ließ sich von ihrer Mutter ins Bett führen. Während ihre Mutter ihr leise vorsang, schloss sie die Augen und versuchte, die seltsame Energie zu ignorieren, die immer noch in ihr pulsierte. Sie versuchte, an normale Dinge zu denken – an den Duft von frisch gebackenem Brot, an das Lachen der Kinder im Sommer, an die Wärme des Feuers im Winter. Aber die Vorstellung dieser schwebenden Steine, dieses glühenden Lichts, das von ihr ausging, ließ sich nicht verdrängen.

Die Nacht verging langsam. Immer wieder hörte Isadora die besorgten Stimmen der Nachbarn, das Bellen der Hunde, das Heulen des Windes, das sich anhörte wie ein klagendes Lied. Und jedes Mal spürte sie dieses seltsame Kribbeln in ihren Händen, als würden sie nach etwas greifen, als würden sie sich nach etwas sehnen, das sie nicht benennen konnte.

Am nächsten Morgen war die Kälte immer noch da, aber sie schien nicht mehr so bedrohlich. Die Sonne schien zaghaft durch die Wolken, und das Dorf erwachte langsam zum Leben. Doch die Gespräche waren gedämpft, die Gesichter der Menschen waren von Sorge gezeichnet. Der Schatten war näher gekommen.

Isadora ging mit ihrer Mutter zum Brunnen, um Wasser zu holen. Sie versuchte, sich normal zu verhalten, aber jeder Schritt fühlte sich schwer an, jeder Atemzug war von einer unterschwelligen Angst geprägt. Als sie am Brunnen ankamen, saßen einige der Dorfältesten zusammen und sprachen leise miteinander. Ihre Gesichter waren ernst.

„Es wird schlimmer“, sagte einer der Ältesten, ein Mann namens Gregor, mit tiefer Stimme. „Die Ernte wird welken, bevor sie reif ist. Und die Tiere… sie verschwinden. Es ist, als würde die Erde selbst vor etwas zurückschrecken.“

Eine ältere Frau, Elara, nickte zustimmend. Ihr Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, aber ihre Augen waren scharf und wach. „Ich habe solche Geschichten gehört, als ich ein Kind war. Von einer dunklen Macht, die aus den tiefsten Wäldern kommt. Sie nährt sich von Angst und Dunkelheit.“

Isadora hörte ihnen zu, ihr Herz wurde schwerer. Sie wusste, dass sie etwas tun musste. Sie konnte nicht einfach hier sitzen und warten, bis der Schatten ihr Dorf verschlang. Aber was konnte sie tun? Sie war nur Isadora, ein einfaches Mädchen, das Angst vor ihren eigenen Händen hatte.

Als sie das Wasser holten, bemerkte Isadora, dass ihre Hände leicht zitterten. Sie versuchte, sie hinter ihrem Rücken zu verstecken, aber es war nutzlos. Sie fühlte die Energie, die sich in ihr aufstaute, eine Mischung aus Angst und einer seltsamen, neuen Entschlossenheit.

Zurück im Haus versuchte sie, sich abzulenken. Sie half ihrer Mutter beim Kochen, beim Waschen, beim Flicken der Kleidung. Aber ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Sie dachte an den Fuchs, an den leuchtenden Stein. Sie dachte an die Worte der Ältesten. Sie dachte an die Angst in den Augen der Menschen.

Am Nachmittag, als sie allein im Garten arbeitete, passierte es wieder. Eine Katze sprang plötzlich aus dem Gebüsch und jagte eine Maus. Die Maus versuchte zu entkommen, aber die Katze war schneller. In diesem Moment spürte Isadora einen Stich des Mitleids. Sie wollte nicht, dass die Maus starb. Und wieder, ohne dass sie es wollte, hatte sie es getan. Die Katze erstarrte mitten im Sprung, ihre Krallen ausgefahren, ihre Augen auf die Maus gerichtet. Sie blieb wie eingefroren stehen, unfähig, sich zu bewegen. Die Maus nutzte die Gelegenheit und huschte davon.

Isadora starrte die erstarrte Katze an. Ihre Hände fühlten sich heiß an. Sie schluckte schwer. „Ich… ich kann das nicht“, flüsterte sie. Sie rannte ins Haus, ihre Augen voller Tränen. Sie musste weg, sie musste sich verstecken. Sie konnte diese Kraft nicht ertragen, nicht ertragen, dass sie so gefährlich war, so unkontrollierbar.

Sie lief in den Wald, in den Teil, der ihr am vertrautesten war. Sie setzte sich unter eine alte Eiche, deren Äste wie schützende Arme über sie reichten. Sie weinte, leise und verzweifelt. Sie war allein mit ihrer Angst, allein mit ihrer seltsamen, schrecklichen Gabe. Sie verstand nicht, warum sie diese Kraft besaß, aber sie wusste, dass sie sie nicht wollte. Sie wollte nur normal sein. Sie wollte nur, dass die Angst verschwand.

Während sie dort saß, hörte sie ein Geräusch. Ein Rascheln im Unterholz. Sie versteifte sich, erwartete das Schlimmste. Doch dann trat eine Gestalt aus dem Schatten der Bäume. Es war ein Mann, gekleidet in dunkle, aber einfache Kleidung, die sie noch nie zuvor in ihrem Dorf gesehen hatte. Sein Gesicht war ruhig und freundlich, und seine Augen schienen Weisheit auszustrahlen. Er trug einen Wanderstab und eine kleine Ledertasche über der Schulter.

„Fürchte dich nicht, Isadora“, sagte er mit einer sanften Stimme, die sie beruhigte. Es war, als würde die Stimme direkt in ihre Seele sprechen.

Isadora sah ihn verwundert an. „Woher kennen Sie meinen Namen?“

Der Mann lächelte leicht. „Die Wälder sprechen zu mir. Und sie haben mir von dir erzählt. Von deiner Gabe. Von deiner Angst.“

Isadora schluckte. Ihre Angst war wieder da, aber sie war vermischt mit einer seltsamen Neugier. „Sie… Sie wissen davon?“

„Ich weiß vieles“, sagte der Mann. „Und ich weiß, dass deine Gabe keine Fluch ist, Isadora. Sie ist ein Geschenk. Ein Geschenk, das du lernen musst zu beherrschen.“

Er trat näher und setzte sich neben sie auf den Waldboden. „Du hast Angst vor deiner eigenen Kraft. Das ist verständlich. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Sie lässt dich deine wahre Stärke nicht erkennen.“

Isadora sah ihn an, ihre Augen voller Fragen. „Aber wie? Wie kann ich sie beherrschen? Sie ist so… stark. Und unkontrollierbar.“

„Alles, was stark ist, muss geführt werden“, sagte der Mann ruhig. „Und alles, was unkontrollierbar scheint, braucht nur die richtige Führung. Ich kann dir helfen, Isadora. Ich kann dir zeigen, wie du deine Gabe verstehen und lenken kannst. Aber du musst den ersten Schritt tun. Du musst bereit sein, deine Angst zu überwinden.“

Isadora sah in seine Augen. Sie spürte eine Wärme, eine Güte, die sie seit Tagen nicht mehr gefühlt hatte. Und zum ersten Mal seit Langem keimte in ihr ein Funken Hoffnung. Vielleicht war sie doch nicht allein. Vielleicht gab es einen Weg.

„Ich… ich will es versuchen“, sagte sie, ihre Stimme leise, aber fest. „Ich will lernen.“

Der Mann nickte zufrieden. „Dann ist der erste Schritt getan. Mein Name ist Kael. Und von nun an werde ich dein Begleiter sein.“

Isadora sah ihn an, und zum ersten Mal seit dem Vorfall am Fluss fühlte sie nicht nur Angst, sondern auch eine aufkeimende Entschlossenheit. Die Dunkelheit mochte näher kommen, aber vielleicht, nur vielleicht, war sie nicht machtlos. Vielleicht konnte sie tatsächlich etwas tun. Die Gabe, die sie so sehr gefürchtet hatte, fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz so fremd an. Sie war noch immer ungewiss und beängstigend, aber nun gab es auch einen Hauch von Möglichkeit, einen Hauch von Hoffnung, der sich in ihr ausbreitete. Die Nacht war noch immer dunkel, aber ein winziger Lichtschein begann in Isadoras Herzen zu glimmen.

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