Chapter 2

Ein Schatten fällt

Eine unheilvolle Dunkelheit legt sich über das Dorf. Ernten verdorren, Tiere werden krank. Ein Gefühl der Angst macht sich breit. Isadora spürt, dass dies kein natürliches Ereignis ist.

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Ein Schatten fiel über unser kleines, friedliches Dorf, so schleichend und unaufhaltsam wie die Dämmerung. Zuerst waren es nur Kleinigkeiten, die niemand so recht ernst nahm. Die Kirschen am alten Baum vor meiner Hütte schienen ihren süßen Saft verloren zu haben, die Beeren im Wald waren kleiner und saurer als sonst. Dann wurden die Hühner unruhig, legten keine Eier mehr und ihr Gefieder wirkte stumpf und kraftlos. Selbst die sonst so robusten Ziegen schienen matt und lustlos. Ein feiner, grauer Schleier legte sich über das einst so lebendige Grün, und die Luft, die sonst nach feuchter Erde und blühenden Kräutern duftete, trug nun einen Hauch von Moder und Verfall.

Ich, Isadora, spürte es tiefer als die anderen. Es war nicht nur die Veränderung der Natur, die mich beunruhigte. Es war ein Gefühl, das in meinen Knochen nagte, ein leises Flüstern in meinem Inneren, das mir sagte, dass dies kein gewöhnlicher Misserfolg der Ernte war. Es war, als ob etwas Dunkles, etwas Unheilvolles die Lebenskraft aus unserem Dorf saugte. Dieses Gefühl war mir nicht neu. Es war dasselbe leise Kribbeln in meinen Fingerspitzen, das seltsame Zittern in meinen Händen, wenn ich besonders aufgeregt oder verängstigt war. Früher hatte ich diese Empfindungen ignoriert, sie als Nervosität abgetan, als Zeichen meiner eigenen Unzulänglichkeit. Doch nun schienen sie mit der wachsenden Dunkelheit im Dorf zu verschmelzen, wie zwei unheilvolle Melodien, die sich zu einem dissonanten Chor vereinigten.

Meine Mutter, eine fleißige Frau mit Händen, die unermüdlich arbeiteten, aber auch stets ein Lächeln für mich bereithielten, bemerkte meine innere Unruhe. "Isadora, Kind, du siehst so blass aus", sagte sie eines Abends, als wir am Herd saßen und das Abendessen zubereiteten. "Mach dir keine Sorgen um die Ernte. Wir haben immer genug gehabt, und wir werden auch dieses Jahr über die Runden kommen." Ihre Worte waren tröstlich, aber ich konnte ihr Lächeln nicht erwidern. Ihre Augen, sonst so voller Wärme, zeigten nun eine Spur von Besorgnis, die sie zu verbergen versuchte.

Die Dorfbewohner begannen zu murren. Die Ältesten versammelten sich auf dem Dorfplatz, ihre Gesichter von Sorge zerfurcht. Alte Geschichten wurden wieder hervorgekramt, von vergangenen Hungersnöten und von Zeiten, in denen der Wald selbst gegen die Menschen wütete. Doch diese Geschichten klangen anders als die Bedrohung, die ich nun spürte. Dies hier war subtiler, heimtückischer. Es war kein Zorn der Natur, sondern ein schleichender Tod, der sich wie ein Tuch über alles legte.

Ich verbrachte immer mehr Zeit allein im Wald, dort, wo die Dunkelheit noch nicht ganz so präsent war. Die Bäume, die mir einst so vertraut und freundlich erschienen, wirkten nun bedrohlich, ihre Äste wie knochige Finger, die nach mir griffen. An einem Nachmittag, als ich tiefer als je zuvor in den Wald vordrang, stolperte ich über eine Lichtung, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. In der Mitte stand ein alter, knorriger Baum, dessen Rinde wie verwittertes Pergament aussah. Um ihn herum wuchsen seltsame, bläuliche Blumen, die im schwachen Licht leuchteten. Als ich mich näherte, spürte ich ein Ziehen in meiner Brust, eine seltsame Resonanz, die von dem Baum auszugehen schien.

Ich streckte zögernd eine Hand aus und berührte die raue Rinde. In diesem Moment geschah es. Ein Blitz von Licht, rein und weiß, schoss aus meinen Fingerspitzen und traf den Baum. Die bläulichen Blumen erstrahlten kurzzeitig in einem intensiveren Glanz, und ein leises Summen erfüllte die Luft. Ich zog erschrocken meine Hand zurück, mein Herz pochte wild gegen meine Rippen. Was war das? Ich hatte nichts getan, und doch hatte etwas stattgefunden. Ein Gefühl der Macht durchströmte mich, so überwältigend, dass mir schwindelig wurde. Aber es war keine angenehme Macht. Es war ein Gefühl, das mich gleichzeitig faszinierte und erschreckte.

Ich rannte davon, zurück in die Sicherheit des Dorfes, doch die Erinnerung an das Licht, an das Summen, an das seltsame Gefühl in meinen Händen, ließ mich nicht los. Ich versuchte, es zu verdrängen, es als eine Halluzination abzutun, als Folge meiner eigenen Angst. Doch die seltsamen Vorkommnisse häuften sich. Einmal, als ich sah, wie die kleine Elara, die Tochter des Bäckers, mit einem tiefen Schnitt am Knie weinte, streckte ich instinktiv meine Hand aus. Ich wollte sie trösten, ihr sagen, dass alles gut werden würde. Doch als meine Finger sich ihrem Knie näherten, spürte ich wieder dieses Kribbeln, intensiver als je zuvor. Elara schrie kurz auf, nicht vor Schmerz, sondern vor Überraschung. Als ich meine Hand zurückzog, war die Wunde verschwunden. Nur ein feiner, rosafarbener Streifen war noch zu sehen, wo zuvor das blutige Fleisch klaffte.

Elara starrte mich mit großen Augen an, ihre Tränen waren vergessen. "Isadora, wie hast du das gemacht?", flüsterte sie. Ich konnte ihr nicht antworten. Ich starrte nur auf meine Hände, die nun zu zittern begannen. Angst kroch in mir hoch, kalt und lähmend. Was, wenn die Dorfbewohner es sahen? Was, wenn sie mich für einen Hexer hielten, für jemanden, der Unheil brachte? Meine Gabe, so schien es mir, war kein Geschenk, sondern ein Fluch.

Die Schatten im Dorf wurden dichter. Die Tage waren kürzer, die Nächte länger und kälter. Die Ernte, die noch vor wenigen Wochen vielversprechend aussah, begann nun rapide zu verderben. Die Halme der Weizenfelder krümmten sich, als würden sie von unsichtbaren Händen erwürgt, und die Früchte an den Bäumen verrotteten, noch bevor sie reif waren. Ein leises, aber stetiges Murren ging durch die Gemeinschaft. Die Menschen begannen, sich voneinander abzuwenden, misstrauisch, jeder fürchtete, dass der andere ihm die letzten Reste von Nahrung wegnehmen könnte.

Ich hörte die Gerüchte, die geflüsterten Worte, die besorgten Blicke. Sie sprachen von einem Schatten, der über das Land gezogen sei, von einem Wesen, das die Lebenskraft aus allem saugte. Einige erinnerten sich an alte Legenden, an die dunklen Zeiten, von denen ihre Großeltern gesprochen hatten. Doch niemand konnte sich genau erinnern, was geschehen war oder wie man sich wehren konnte. Die Angst war greifbar, sie hing in der Luft wie der feine Staub, der sich nun über alles legte.

Ich selbst fühlte mich immer isolierter. Meine Gabe, die ich nun nicht mehr leugnen konnte, machte mir Angst. Ich versuchte, sie zu kontrollieren, sie zu unterdrücken, aber es war, als würde man versuchen, das Meer mit bloßen Händen zurückzuhalten. Jedes Mal, wenn ich meine Emotionen nicht mehr im Griff hatte, spürte ich dieses leichte Kribbeln, dieses seltsame Zittern. Ich mied die anderen Dorfbewohner, fürchtete, dass meine bloße Anwesenheit ihr Unglück verstärken könnte.

Eines Abends, als die Sonne blutrot hinter den kahlen Bäumen versank und lange Schatten über das Dorf warf, saß ich am Fenster meiner kleinen Hütte und starrte hinaus. Die Luft war kalt, und ein seltsames Rauschen war zu hören, das nicht vom Wind kam. Es war ein Geräusch, das tiefer ging, ein Geräusch, das mir die Nackenhaare aufstellte. Dann sah ich ihn.

Ein Schatten, der sich vom Wald her auf das Dorf zubewegte. Er war keine bloße Dunkelheit, kein Mangel an Licht. Er war eine Präsenz, eine Masse aus schwärzester Nacht, die sich in unheimlichen Wellen bewegte. Er hatte keine klare Form, doch ich spürte, dass er lebendig war, dass er eine böswillige Intelligenz besaß. Er schien die Erde unter sich zu verdorren, die wenigen verbliebenen Pflanzen erfroren, als er sie passierte.

Die Dorfbewohner, die noch draußen waren, erstarrten. Ihre Schreie waren nur ein leises Keuchen, als der Schatten näher kam. Ich sah, wie einige von ihnen zu Boden fielen, als ob ihnen die Kraft geraubt worden wäre. Panik ergriff mich. Ich wollte fliehen, mich verstecken, aber meine Füße waren wie angewurzelt.

In diesem Moment der größten Verzweiflung spürte ich wieder dieses vertraute Kribbeln, diesmal stärker als je zuvor. Es war, als ob mein ganzer Körper unter Strom stand. Ich sah, wie meine Hände sich hoben, unwillkürlich, und wie ein schwaches, aber stetiges Licht aus ihnen zu strömen begann. Es war kein blendendes Licht, sondern ein warmes, beruhigendes Leuchten, das sich gegen die wachsende Dunkelheit stemmte.

Der Schatten zögerte. Er schien von dem Licht abgestoßen zu werden, so wie ein Insekt von einer Flamme. Aber er wich nicht zurück. Er richtete sich auf, ein dunkler Wirbel, der sich bedrohlich auf mich zubewegte. Ich spürte, wie die Kräfte in mir zu fließen begannen, stärker und stärker, wie ein reißender Fluss, der sich seinen Weg bahnt. Es war, als ob der Schatten selbst die Energie in mir freisetzte, die mich dazu trieb, meine Gabe anzunehmen.

Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf das Licht, auf die Wärme, die von innen herausbrodelte. Ich dachte an mein Dorf, an die Menschen, die ich liebte, an die Felder, die einst grün und fruchtbar waren. Und ich wusste, mit einer Gewissheit, die tiefer ging als jede Angst, dass dieses Licht, diese seltsame Gabe, die ich so lange gefürchtet hatte, die einzige Hoffnung war, die wir hatten. Ich, Isadora, die einst ängstliche Tochter des Dorfes, musste mich dem Schatten stellen. Ein Schatten fiel, ja, aber ein Licht würde ihm entgegentreten.

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