Chapter 3
Das vergessene Wissen
Die Mädchen entdecken, dass die Gefahr von einer uralten, vergessenen Macht ausgeht, die im Herzen der Finsternis lauert. Sie stoßen auf Hinweise in alten Büchern und Legenden, die von einer dunklen Bedrohung sprechen.
Die Luft in der königlichen Bibliothek von Saba war immer erfüllt vom Duft alten Papiers und dem leisen Knistern der Zeit. Für Theresa und Sophia war sie ein Zufluchtsort, ein Labyrinth aus Wissen, in dem sie sich verloren und wiederfanden. Heute jedoch lag eine andere Stimmung in der Luft, eine Schwere, die selbst die staubigen Folianten zu beben schien. Das Flüstern, das sie seit Tagen begleitet hatte, war zu einem drängenden Raunen angewachsen, und die Schatten, die sie zuerst nur geahnt hatten, schienen nun greifbarer, bedrohlicher.
„Ich habe das Gefühl, als würde uns jemand beobachten“, murmelte Sophia und zog die Schultern hoch, obwohl die Bibliothek angenehm warm war. Ihre Finger strichen über den ledergebundenen Einband eines alten Buches, dessen Titel in verblassten Goldbuchstaben kaum noch zu entziffern war.
Theresa, deren Blick bereits suchend durch die hohen Regale glitt, nickte zustimmend. „Ich auch. Als ob die Bücher selbst etwas wüssten, aber uns nicht sagen könnten.“ Sie seufzte und ließ sich auf einen der schweren Holzstühle fallen. „Wir müssen mehr herausfinden, Sophia. Diese seltsamen Ereignisse… die Pflanzen, die welken, die Tiere, die unruhig sind, die Angst, die sich wie ein kalter Nebel über die Stadt legt. Das ist kein Zufall.“
Sophia setzte sich ihr gegenüber, ihr Gesichtsausdruck ernst. „Aber wo sollen wir anfangen? Wir haben schon die Chroniken des Königreichs durchforstet, die Aufzeichnungen der Heiler, die Berichte der Grenzwächter. Nichts erklärt… das.“ Sie machte eine vage Geste, die die unsichtbare Bedrohung um sie herum umfasste.
„Vielleicht suchen wir an den falschen Stellen“, erwiderte Theresa nachdenklich. „Vielleicht ist die Antwort nicht in den offiziellen Aufzeichnungen zu finden. Manchmal verbergen sich die wichtigsten Wahrheiten in alten Legenden, in Geschichten, die man für Märchen hält.“ Sie sprang auf und ihre Augen leuchteten vor einer plötzlichen Idee. „Erinnerst du dich an die Geschichten, die uns unsere Großmütter erzählt haben? Von der Zeit vor der Gründung Sabas? Von den alten Mächten, die angeblich in den tiefen Wäldern schlummern?“
Sophia runzelte die Stirn. „Ja, aber das sind doch nur… Geschichten. Von Feen und Drachen und… Schattenwesen.“
„Aber was, wenn sie mehr sind als nur Geschichten?“, drängte Theresa. „Was, wenn diese alten Mächte wieder erwachen? Die Legenden sprachen immer von einer dunklen Macht, die Saba bedroht, einer Macht, die tief im Herzen der Finsternis verborgen liegt.“ Sie ging zu einem abgelegenen Regal, das mit Büchern bedeckt war, die so alt waren, dass sie beinahe vergilbten. „Hier, das hier… ‚Die Chroniken des Vergessens‘. Ich habe es noch nie zuvor gesehen. Es ist nicht einmal im Katalog verzeichnet.“
Vorsichtig zog sie einen dicken, schwerfälligen Band hervor. Der Einband war aus einem dunklen, rauen Material, das sich kühl unter ihren Fingern anfühlte. Keine Verzierungen, kein Titel, nur die leere Fläche, die eine Aura des Geheimnisvollen ausstrahlte. Sophia trat näher und betrachtete das Buch mit einer Mischung aus Neugier und leichter Beklommenheit.
„Das sieht… seltsam aus“, flüsterte sie. „Als ob es nicht hierher gehört.“
„Genau das meine ich!“, rief Theresa leise und legte das Buch auf einen der Lesetische. Sie öffnete es vorsichtig. Die Seiten waren brüchig und vergilbt, die Schrift darin war anders als alles, was sie bisher gesehen hatte. Es waren keine Buchstaben im herkömmlichen Sinne, sondern eigenartige Symbole, ineinander verwoben, die eine fast hypnotische Wirkung hatten. Doch seltsamerweise schienen sie, wenn Theresa sie betrachtete, eine Bedeutung zu offenbaren, eine Art intuitives Verstehen.
„Ich… ich glaube, ich kann das lesen“, sagte sie überrascht und ihre Stimme wurde leiser. „Die Symbole… sie erzählen von einer Zeit, in der Saba noch jung war. Von einer tiefen Dunkelheit, die unter der Erde schlummerte, von einem Wesen, das aus dem Nichts geboren wurde und das Licht verschlingen wollte.“ Sie blätterte weiter, ihre Finger tasteten über die seltsamen Zeichen. „Es spricht von einem Pakt, der geschlossen wurde, um diese Dunkelheit zu bannen. Ein Pakt, der mit einem großen Opfer verbunden war. Und es spricht von einem Ort… dem Herzen der Finsternis.“
Sophia beugte sich über die Seiten, ihre Augenbrauen zusammengezogen. „Das Herz der Finsternis? Das klingt… unheilvoll. Aber wer oder was war diese dunkle Macht?“
„Es ist nicht klar benannt“, antwortete Theresa. „Nur als ‚Der Schatten, der alles verschlingt‘. Aber es heißt, dass diese Macht niemals wirklich besiegt wurde, sondern nur in einen tiefen Schlaf versetzt. Und dass sie erwachen könnte, wenn die Siegel, die sie bannen, schwächer werden.“ Sie hob den Blick, ihre Augen trafen die von Sophia. „Und die Siegel… sie sind an bestimmte Orte gebunden, an Orte von großer Macht. Orte, die wir in den letzten Wochen… verändert wahrgenommen haben.“
Ein Schauer lief Sophia über den Rücken. „Die alten Bäume im Verborgenen Hain, die plötzlich ihre Blätter verloren haben? Die Quelle des Lebens, deren Wasser trüb geworden ist? Das sind doch Orte, die als heilig gelten!“
„Genau!“, bestätigte Theresa. „Und dieses Buch… es deutet an, dass diese Orte mit den Siegeln verbunden sind. Wenn die Siegel geschwächt werden, breitet sich die dunkle Macht aus. Und sie verzehrt das Leben.“ Sie schlug eine weitere Seite auf und ihre Augen weiteten sich. „Hier, es gibt eine Zeichnung. Sie zeigt eine Art… Energiefluss. Von einem Zentrum, das als ‚Das Herz der Finsternis‘ bezeichnet wird, ausgehend, und sich über das ganze Land verteilt.“
Die Zeichnung war rudimentär, aber eindringlich. Sie zeigte einen dunklen Kreis in der Mitte, von dem aus sich wirbelnde Linien ausbreiteten, die sich mit den Umrissen von Saba deckten. An verschiedenen Punkten dieser Linien waren kleine Kreuze eingezeichnet, die sie als die heiligen Orte identifizierte.
„Das… das erklärt die seltsamen Vorkommnisse“, sagte Sophia leise, ihre Stimme zitterte leicht. „Die dunkle Magie breitet sich aus. Und sie kommt aus… diesem ‚Herz der Finsternis‘.“
„Aber was ist das ‚Herz der Finsternis‘?“, fragte Theresa. „Und wo ist es? Und wie können wir die Siegel stärken oder die Macht aufhalten?“
Sie blätterten weiter, doch die Symbole wurden immer undeutlicher, die Seiten immer brüchiger. Es schien, als ob das Wissen, das sie suchten, absichtlich verborgen oder verloren gegangen war. Doch in ihrer Suche stießen sie auf eine weitere Legende, die in diesem Buch versteckt war, eine Geschichte von einer Hüterin, die einst die Siegel bewachte und das Wissen um die dunkle Macht besaß. Ihr Name war Elara.
„Elara…“, murmelte Sophia. „Das ist ein ungewöhnlicher Name. Ich habe ihn noch nie in den Aufzeichnungen der königlichen Familie gehört.“
„Vielleicht war sie keine Königin“, sagte Theresa. „Vielleicht war sie… etwas anderes. Eine Person, die im Verborgenen lebte, aber über große Macht und Weisheit verfügte. Die Legende sagt, sie hätte das Wissen um die Natur der Dunkelheit besessen und Wege gefunden, sie zu bannen.“ Sie schloss das Buch vorsichtig, der Duft des alten Papiers schien nun eine Mischung aus Neugier und Bedrohung zu sein. „Wir müssen Elara finden.“
Sophia sah sie mit großen Augen an. „Aber wie? Wenn sie in den Legenden nur als eine vergessene Figur vorkommt, wie sollen wir sie dann finden?“
„Ich weiß es nicht“, gab Theresa zu. „Aber wir müssen es versuchen. Wenn diese dunkle Macht Saba bedroht, dann müssen wir alles tun, was in unserer Macht steht, um es zu retten. Und Elara… sie scheint die einzige zu sein, die uns weiterhelfen kann.“ Sie stand auf, ihre Entschlossenheit war deutlich in ihren Augen zu sehen. „Wir werden die alten Wälder durchsuchen, die Orte, von denen die Legenden sprechen. Wir werden nach Hinweisen suchen, nach Zeichen, die uns zu ihr führen.“
Ein Gefühl von Aufregung und einer leichten Furcht erfüllte Sophia. Die Vorstellung, sich auf eine solche Suche zu begeben, war beängstigend. Aber der Gedanke an Theresa, die mutig voranpreschte, zog sie mit sich. „Ich bin bei dir, Theresa“, sagte sie und stand ebenfalls auf. „Wir werden das gemeinsam tun.“
Als sie die Bibliothek verließen und sich der Dämmerung näherten, die sich über Saba legte, spürten sie beide, dass ihre Reise gerade erst begonnen hatte. Das vergessene Wissen war kein einfaches Geheimnis, das man in Büchern fand, sondern eine Wahrheit, die tief in den Schatten Sabas vergraben lag und darauf wartete, von ihnen enthüllt zu werden. Die Angst war da, aber auch ein neuer Funke Hoffnung, genährt durch die Erkenntnis, dass sie nicht allein waren in ihrer Sorge um ihr Königreich. Sie hatten einen Namen, eine Richtung, und die unerschütterliche Gewissheit, dass ihre Freundschaft sie durch jede Dunkelheit tragen würde.