Chapter 2

Die ersten Schatten

Eine dunkle Magie breitet sich schleichend aus und bringt Angst und Unheil über Saba. Tiere verhalten sich seltsam, Lichter flackern unerklärlich. Theresa und Sophia spüren, dass etwas Grundlegendes im Königreich Saba aus den Fugen gerät.

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Die Sonne schien warm auf das Königreich Saba, wie sie es immer tat. Doch an diesem Morgen lag ein seltsamer Schatten über ihr, ein Hauch von Kälte, der sich nicht von den Strahlen vertreiben ließ. Theresa und Sophia, zwölf Jahre alt und unzertrennlich wie zwei junge Eichen, die Seite an Seite im Wald wachsen, saßen am Ufer des glitzernden Sees. Sie teilten sich einen Korb mit frisch gepflückten Beeren und erzählten sich Geheimnisse, die nur Freundinnen kennen.

„Hast du das gestern Abend bemerkt?“, fragte Sophia und zupfte an einem Grashalm. Ihre Stimme war leise, fast bedächtig, wie immer, wenn sie etwas beunruhigte. „Die Vögel haben aufgehört zu singen, als es dunkel wurde. Komplette Stille. Das ist doch nicht normal.“

Theresa nickte langsam, ihre braunen Augen, sonst so voller Lebensfreude, spiegelten eine leichte Besorgnis wider. „Ja. Und die Lichter in den Gasthäusern am Marktplatz flackerten so komisch. Als ob sie Angst hätten.“ Sie lachte kurz, doch es klang nicht überzeugend. „Vielleicht war es nur der Wind.“

„Aber es gab keinen Wind, Theresa“, erwiderte Sophia sanft. „Und die Hunde im Dorf haben die ganze Nacht gejault. Sogar der sonst so friedliche Hofhund vom Bäcker hat gegrunzt und mit den Zähnen gefletscht, als der Mond am höchsten stand.“

Ein leichter Schauder lief Theresa über den Rücken. Sie war eher impulsiv und mutig, aber die seltsamen Vorkommnisse machten auch ihr zu schaffen. Saba war ein friedliches Königreich, ein Ort, an dem die Sorgen des Alltags überschaubar blieben. Doch diese leise, schleichende Unruhe, die sich wie ein feiner Nebel über alles legte, war neu und beunruhigend.

„Vielleicht sollten wir mit Oma Elara darüber reden“, schlug Theresa vor. Oma Elara lebte in einer kleinen Hütte am Rande des Waldes, eine weise Frau, die mehr zu wissen schien, als sie preisgab. Sie hatte immer ein offenes Ohr für die beiden Mädchen und gab ihnen oft Rat, der klüger war als jeder, den sie von Erwachsenen bekamen.

Sophia stimmte zu, und so packten sie ihre Sachen und machten sich auf den Weg. Der Wald, der sonst ihr liebster Spielplatz war, wirkte heute anders. Die Schatten schienen tiefer, die Stille lauter. Die gewohnten Geräusche des Waldes – das Rascheln der Blätter, das Zwitschern der Vögel, das Summen der Insekten – fehlten. Es war, als hätte jemand die Melodie des Lebens ausgestellt.

Als sie Elaras Hütte erreichten, fanden sie die alte Frau auf ihrer Veranda sitzend, gebeugt über ein altes, ledergebundenes Buch. Ihre Augen, tief und unergründlich wie ein alter Brunnen, blickten auf, als die Mädchen sich näherten. Ein sanftes Lächeln spielte um ihre Lippen.

„Ich habe euch schon erwartet“, sagte sie mit ihrer ruhigen, melodischen Stimme. „Setzt euch zu mir.“

Die Mädchen setzten sich auf die knorrigen Holzstufen und erzählten Elara von den seltsamen Vorkommnissen. Sophia beschrieb die ungewöhnliche Stille, die Tiere, die sich unruhig verhielten, und die flackernden Lichter. Theresa fügte ihre Beobachtungen hinzu, die unheimliche Kälte und die allgemeine Beklommenheit, die sie spürten.

Elara hörte aufmerksam zu, ihre Stirn leicht gerunzelt. Als die Mädchen geendet hatten, schloss sie das Buch und legte es beiseite. Sie blickte in die Ferne, als ob sie etwas sehen könnte, das für andere unsichtbar war.

„Ihr habt gut beobachtet, meine Lieben“, sagte sie schließlich. „Eure Augen sind klar und euer Herz ist offen. Und das ist in diesen Zeiten wichtiger denn je.“ Sie seufzte leise. „Was ihr spürt, ist keine Einbildung. Es ist die erste Ahnung einer dunklen Macht, die sich in Saba ausbreitet.“

Theresa und Sophia sahen sich an, ihre Gesichter voller Unglauben und Angst. Dunkle Macht? In Saba?

„Aber… aber Saba ist doch ein friedliches Königreich“, stammelte Theresa. „Es gibt keinen Krieg, keine Monster. Warum sollte eine dunkle Macht hierherkommen wollen?“

„Manchmal sind die größten Gefahren nicht die, die mit Getöse und Zerstörung kommen“, erklärte Elara geduldig. „Manchmal sind es die, die sich leise einschleichen, die das Licht verzehren, ohne dass es jemand bemerkt. Eine alte, vergessene Kraft erwacht. Eine Kraft, die im Herzen der Finsternis lauert.“

Sophia runzelte die Stirn. „Das Herz der Finsternis? Was ist das?“

„Es ist ein Ort, den die meisten längst vergessen haben“, sagte Elara geheimnisvoll. „Ein Ort, an dem die Schatten am dichtesten sind und die Kälte am tiefsten. Dort, wo die Dunkelheit ihre Wurzeln hat.“ Sie blickte die beiden Mädchen ernst an. „Ihr spürt diese Veränderung, weil euer Herz noch jung und rein ist. Ihr seid empfänglich für die Wahrheit, die andere ignorieren.“

Theresa spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Eine Mischung aus Angst und einer seltsamen Aufregung durchströmte sie. „Aber was können wir tun? Wir sind doch nur Kinder.“

Elara lächelte wieder, diesmal wärmer. „Manchmal sind es gerade die Kleinen, die den größten Mut beweisen. Ihr habt etwas entdeckt, das selbst die Erwachsenen nicht sehen. Eure Freundschaft, euer Vertrauen zueinander, eure Neugier – das sind mächtige Waffen.“ Sie deutete auf das Buch, das sie gerade gelesen hatte. „Dieses Buch spricht von einer alten Legende. Von einer Zeit, in der Saba von einer ähnlichen Dunkelheit bedroht wurde. Und von zwei jungen Seelen, die sich ihr entgegenstellten.“

Sophia nahm das Buch vorsichtig in die Hand. Es roch nach altem Papier und Geheimnissen. „Meinst du… uns?“

„Ich meine, dass das Schicksal euch vielleicht auf einen Weg geführt hat, der eure Freundschaft und euren Mut auf die Probe stellen wird“, sagte Elara. „Die dunkle Magie wird stärker werden. Sie wird versuchen, Angst und Misstrauen zu säen. Aber ihr müsst euch ihr entgegenstellen. Gemeinsam.“

Theresa blickte zu Sophia, und in ihren Augen sah sie dasselbe Entschlossensein, das sie selbst empfand. Sie waren vielleicht nur Kinder, aber sie liebten Saba. Und wenn ihre Heimat in Gefahr war, würden sie alles tun, um sie zu schützen.

„Wir werden es tun“, sagte Theresa fest. „Wir werden herausfinden, was vor sich geht. Und wir werden Saba retten.“

Sophia nickte, ihre Stimme gefestigt. „Wir werden es zusammen tun.“

Elara nickte zufrieden. „Das ist der erste Schritt. Der Weg wird nicht einfach sein. Ihr werdet Gefahren begegnen, die ihr euch jetzt noch nicht vorstellen könnt. Aber ihr werdet auch Freunde finden, die euch helfen werden. Und ihr werdet lernen, eure eigenen Stärken zu entdecken.“ Sie blickte Theresa besonders an. „Manchmal sind die größten Kräfte in uns verborgen, bis wir sie wirklich brauchen.“

Theresa spürte ein leises Kribbeln in ihren Fingerspitzen, eine seltsame Energie, die sie nicht erklären konnte. Sie hatte dieses Gefühl schon öfter gehabt, besonders in Momenten der Aufregung oder der Gefahr, aber sie hatte es immer ignoriert. Nun, da Elara von verborgenen Kräften sprach, begann sie sich zu fragen, ob mehr dahintersteckte.

„Was müssen wir als Nächstes tun?“, fragte Sophia.

„Ihr müsst weiter beobachten“, sagte Elara. „Und ihr müsst auf euer Herz hören. Manchmal flüstert die Wahrheit leiser als die Angst. Sucht nach weiteren Zeichen. Und wenn ihr euch unsicher seid, wenn die Dunkelheit euch zu überwältigen droht, dann kommt zu mir zurück. Ich werde euch leiten, so gut ich kann.“

Die Mädchen verließen Elaras Hütte, die Sonne war mittlerweile höher gestiegen, aber die seltsame Kälte schien noch immer in der Luft zu liegen. Die Worte der alten Frau hallten in ihren Köpfen wider. Dunkle Macht. Herz der Finsternis. Ihre Reise hatte gerade erst begonnen, und schon jetzt spürten sie, dass sie alles verändern würde.

Auf dem Rückweg zum Dorf bemerkten sie noch mehr. Ein Eichhörnchen, das sonst immer fröhlich von Ast zu Ast sprang, saß apathisch am Boden, seine Augen glasig. Ein Schmetterling flatterte unbeholfen gegen einen Baum und fiel dann zu Boden, ohne wieder aufzustehen. Überall schienen die Zeichen der Lebendigkeit zu schwinden, ersetzt durch eine stille, beunruhigende Trägheit.

Als sie das Dorf erreichten, sahen sie, dass auch die Menschen verändert wirkten. Ihre Gesichter waren blasser, ihre Schritte schwerer. Die üblichen Gespräche auf dem Marktplatz waren gedämpft, die Lacher seltener. Ein Gefühl der Beklommenheit hing wie ein Leichentuch über dem sonst so fröhlichen Königreich.

Theresa und Sophia sahen sich an. Sie wussten nun, dass dies kein Zufall war. Etwas Dunkles war im Anmarsch, und sie waren die Ersten, die es bemerkt hatten. Die Angst war da, aber auch ein neuer, fester Entschluss. Sie würden Saba nicht untergehen lassen. Sie würden die ersten Schatten bekämpfen, egal wie groß die Gefahr sein mochte. Ihr Abenteuer hatte begonnen, und das Herz der Finsternis wartete.

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