Chapter 1

Das Flüstern im Wind

Theresa und Sophia, zwei unzertrennliche Freundinnen im friedlichen Königreich Saba, bemerken seltsame Vorkommnisse. Schatten werden länger, die Ernte verkümmert. Ein unheilvolles Gefühl beschleicht die beiden Mädchen, das bald das ganze Reich erfassen wird.

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Das Königreich Saba lag eingebettet in einem Tal, das von sanften, smaragdgrünen Hügeln umgeben war. Seit Generationen herrschte hier ein friedvoller Einklang zwischen Mensch und Natur, ein Gleichgewicht, das so tief verwurzelt war wie die uralten Eichen, die die Wege säumten. Die Sonne schien stets warm und gnädig, die Flüsse glitzerten wie flüssiges Silber und die Felder trugen reiche Ernte. Doch in letzter Zeit schien sich etwas verändert zu haben. Ein leises, kaum wahrnehmbares Flüstern schlich sich in den Wind, ein Hauch von Unbehagen, der sich wie ein feiner Nebel über das einst so sorglose Leben legte.

Theresa und Sophia, beide zwölf Jahre alt und unzertrennlich wie zwei Finger derselben Hand, spürten diese Veränderung am deutlichsten. Sie verbrachten ihre Tage am liebsten draußen, erkundeten die verborgenen Winkel des Königreichs, jagten Schmetterlinge mit Flügeln, die wie juwelengeschliffene Scherben funkelten, und lauschten den Geschichten der alten Bäume. Theresa, mit ihrem lebhaften Blick und dem stets zu einem frechen Knoten gebundenen kastanienbraunen Haar, war diejenige, die zuerst aufmerksam wurde. Es war ein Nachmittag, wie viele andere zuvor, als sie mit Sophia am Rande des Waldes saß und die Wolken beobachtete, die wie träge Schafe über den blauen Himmel zogen.

„Hast du das bemerkt, Soph?“, fragte Theresa leise, ihre Augen auf einen Schatten gerichtet, der sich unnatürlich lang und dünn über das Gras zog, obwohl die Sonne hoch am Himmel stand.

Sophia, deren blonde Haare zu einem ordentlichen Zopf geflochten waren und deren blaue Augen stets wachsam die Welt betrachteten, runzelte die Stirn. Sie folgte Theresas Blick. „Was meinst du? Den Schatten? Der ist doch ganz normal, Süße.“

„Nein, nicht nur der Schatten“, erwiderte Theresa, und ein leichtes Zittern lag in ihrer Stimme. „Es ist alles. Die Blumen dort drüben, sie sehen irgendwie blass aus. Und der Wind… er klingt traurig heute.“

Sophia lachte leise, doch es war ein Lachen ohne die gewohnte Fröhlichkeit. Sie bückte sich und strich über ein Gänseblümchen, dessen Blütenblätter tatsächlich einen matten Glanz hatten, als hätte jemand die Farbe aus ihnen gesogen. „Du bildest dir das ein, Tess. Es ist nur ein bisschen windig, das ist alles.“

Aber Theresa war nicht zu beruhigen. In den folgenden Tagen häuften sich die seltsamen Vorkommnisse. Die sonst so saftigen Beeren am Wegesrand schienen kleiner und saurer zu werden. Die Vögel sangen nicht mehr mit derselben Lebensfreude, und manchmal, wenn der Wind durch die Blätter rauschte, schien er mehr wie ein Seufzen zu klingen, als wie das fröhliche Lied, das sie gewohnt waren. Die Schatten schienen tatsächlich länger zu werden, als würden sie sich ausbreiten und die Farben des Tages verschlucken.

Eines Abends, als die beiden Mädchen im Garten von Theresas Eltern spielten, fiel ihnen auf, dass die sonst so strahlenden Hortensienbüsche welkten, obwohl sie täglich gegossen wurden. Die Blätter kräuselten sich und wurden braun, als würden sie von einer unsichtbaren Krankheit befallen. Ein Gefühl des Unbehagens, das sich bisher wie ein leiser Hauch angefühlt hatte, begann sich nun wie ein dichter Nebel auszubreiten, der ihnen die Luft zum Atmen nahm.

„Ich glaube, du hattest recht, Tess“, flüsterte Sophia, ihre Stimme kaum hörbar. Sie hielt Theresas Hand fest, ihre Finger verkrampften sich darin. „Etwas stimmt hier nicht.“

Theresa nickte, ihr Herz pochte wild gegen ihre Rippen. Sie war neugierig und mutig, aber selbst sie spürte eine aufkeimende Angst. Es war keine Angst vor einem wilden Tier oder einem Sturm, es war eine tiefere, unbekanntere Furcht, die aus dem Innersten von Saba zu kommen schien. „Es ist, als ob das Land selbst krank wird“, sagte sie, und ihre Stimme war überraschend fest für ihr junges Alter. „Als ob etwas Dunkles versucht, sich hier einzunisten.“

Sie begannen, aufmerksamer zu beobachten, ihre anfängliche kindliche Neugier verwandelte sich in eine ernste Untersuchung. Sie bemerkten, dass die Schatten in den Gassen der Stadt länger und dunkler waren als früher, selbst am helllichten Tag. Die Menschen schienen weniger zu lachen, ihre Gesichter waren ernster, und ein leises Murmeln der Besorgnis ging durch die Marktstände. Selbst die sonst so lebhaften Kinder spielten in gedämpfteren Tönen.

„Hast du gesehen, wie der Bäcker gestern aussah?“, fragte Sophia, als sie an der Bäckerei vorbeigingen, wo die Auslagen seltsam leer wirkten. „Er wirkte so… müde. Als hätte er seit Wochen nicht mehr geschlafen.“

Theresa nickte. „Und die Blumen auf dem Marktplatz. Sie sind fast alle welk geworden. Die Verkäuferin sagte, sie hätte so etwas noch nie erlebt.“

Die Mädchen tauschten besorgte Blicke aus. Sie waren erst zwölf, aber sie hatten das Gefühl, dass die Erwachsenen die Gefahr nicht erkannten, oder vielleicht nicht erkennen wollten. König Theron, der weise und gütige Herrscher von Saba, schien von den Sorgen des Alltags eingenommen zu sein, und seine Berater flüsterten ihm vermutlich beruhigende Worte ins Ohr. Aber Theresa und Sophia wussten, dass das Unheil nicht in den alltäglichen Problemen zu finden war. Es war etwas Größeres, etwas Uraltes.

Eines Nachmittags, als sie wieder einmal am Rande des Waldes saßen, weit weg von den neugierigen Blicken der Erwachsenen, geschah etwas, das ihre Vermutungen bestätigte. Ein kalter Windstoß, der sich von den sonst so sonnenverwöhnten Hügeln herabsenkte, ließ die Blätter der Bäume rascheln und wirbelte Staub auf. Doch dieser Wind war anders. Er trug kein Aroma von Kiefern oder Erde, sondern einen seltsamen, metallischen Geruch, der ihnen die Nasenhaare kitzelte und ein Gefühl der Beklemmung hervorrief.

Inmitten des aufgewirbelten Laubes sahen sie etwas Glänzen. Neugierig näherten sie sich. Es war ein kleiner, dunkler Stein, der seltsam kalt war, obwohl die Sonne ihn hätte erwärmen müssen. Als Theresa ihn aufhob, durchfuhr sie ein unerklärlicher Schauer. Es war, als würde eine eisige Hand ihre Seele berühren. Sie spürte eine seltsame Energie von dem Stein ausgehen, eine Energie, die sich gleichzeitig fremd und doch auf unheimliche Weise vertraut anfühlte.

„Was ist das?“, flüsterte Sophia, ihre Augen weit aufgerissen.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Theresa, ihre Stimme zitterte leicht. „Aber ich glaube, es hat etwas mit dem zu tun, was hier passiert.“

Sie betrachteten den Stein genauer. Er war nicht einfach nur schwarz, sondern schien die Farben zu schlucken, als würde er das Licht selbst absorbieren. Ein feines Muster, das an verästelte Wurzeln erinnerte, zog sich über seine Oberfläche. Als Theresa den Stein festhielt, spürte sie ein leises Flüstern in ihrem Kopf, so leise, dass sie nicht sicher war, ob es wirklich da war oder nur ein Produkt ihrer eigenen Fantasie. Es waren keine Worte, eher ein Gefühl, ein Echo von etwas Uraltem und Mächtigem, das tief in der Erde schlief.

Sophia, die immer vorsichtig war, zog Theresa am Arm. „Leg ihn weg, Tess. Er fühlt sich nicht gut an.“

Theresa zögerte, aber dann legte sie den Stein vorsichtig zurück ins Gras. Doch das Gefühl, das er hinterlassen hatte, blieb. Ein Gefühl der Vorahnung, dass sie und Sophia gerade etwas entdeckt hatten, das weit über ihre Vorstellungskraft hinausging.

Als sie nach Hause gingen, schien die Sonne bereits tiefer am Himmel zu stehen, und die Schatten hatten sich zu langen, unheimlichen Gestalten gestreckt, die über das Land krochen. Die Luft war kühler geworden, und ein Hauch von Melancholie lag über allem. Sie sprachen kaum, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken, die von einer wachsenden Erkenntnis erfüllt waren: Etwas war im Herzen von Saba im Begriff zu erwachen, etwas Dunkles und Gefährliches, das die friedliche Welt, die sie kannten, bedrohte. Und sie, zwei ganz normale zwölfjährige Mädchen, schienen die Ersten zu sein, die seine Ankunft spürten. Das Flüstern im Wind war lauter geworden, und es trug die Vorahnung von kommenden Schatten.

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