Chapter 2

Ein Herzschlag mehr

Finns Blick auf Lena wandelt sich. Aus Freundschaft wird mehr, ein zartes Verliebtsein. Er spürt die besondere Verbindung, doch Lenas Schweigen über ihre Krankheit lässt ihn ahnungslos. Sie versucht, ihre Schwäche zu verbergen, ihre Angst vor dem Verlust der Freundschaft ist größer als ihre Kraft.

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Finns Blick ruhte auf Lena, und es war, als würde er sie zum ersten Mal wirklich sehen. Die vertrauten Züge, die er seit Kindertagen kannte, schienen in einem neuen Licht zu erstrahlen. Ihr Lachen, das er so oft gehört hatte, klang nun wie Musik in seinen Ohren, und die Art, wie ihre Augen leuchteten, wenn sie von etwas begeistert war, zog ihn unwiderstehlich an. Die unbeschwerten Tage, die sie so oft miteinander verbrachten, mit ihren spontanen Ausflügen in den Wald oder ihren endlosen Gesprächen unter dem Sternenhimmel, hatten sich verändert. Etwas Neues, Zartes hatte sich in Finns Brust eingenistet, ein Gefühl, das er nicht ganz einordnen konnte, das ihn aber gleichzeitig aufregte und ein wenig verunsicherte. Es war mehr als nur Freundschaft, das wusste er. Es war dieses Kribbeln, das ihn durchfuhr, wenn ihre Hände sich zufällig berührten, dieser Wunsch, sie einfach nur in den Arm zu nehmen und nie wieder loszulassen.

Er beobachtete sie heimlich, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Die Art, wie sie sich manchmal an die Brust fasste, ein flüchtiger Ausdruck von Schmerz oder Anstrengung auf ihrem Gesicht, der so schnell wieder verschwand, wie er gekommen war. Er schrieb es ihrer oft übermäßigen Energie zu, ihrer Tendenz, sich zu verausgaben, wenn sie etwas wollte. Er kannte Lena als ein Mädchen, das niemals aufgab, das immer das Letzte aus sich herausholte, und so deutete er ihre kleinen Schwächen als Zeichen ihrer Stärke, ihres unbändigen Lebenswillens. Er wollte diese Stärke bewundern, sie noch mehr lieben lernen.

Eines Nachmittags saßen sie im Park, auf ihrer Lieblingsbank unter der alten Eiche, die schon ihre Eltern und Großeltern gekannt hatten. Die Sonne schien durch das Blätterdach und malte tanzende Muster auf den Boden. Lena hatte gerade eine Geschichte erzählt, eine, die sie sich ausgedacht hatte, voller Magie und ferner Länder. Finn hörte ihr gebannt zu, seine Augen folgten jeder ihrer Gesten, seinem Herzen schlug einen Takt schneller bei jedem ihrer Worte.

„Und dann, Finn“, fuhr sie fort, ihre Stimme wurde leiser, fast ein Flüstern, „dann flog die kleine Fee davon, auf den Flügeln des Windes, zu einem Ort, wo die Sterne näher waren und die Träume Wirklichkeit wurden.“ Sie seufzte leise und legte ihren Kopf gegen die raue Rinde des Baumes.

Finn drehte sich zu ihr. „Das ist eine wunderschöne Geschichte, Lena. Du bist so gut im Erzählen.“ Er lächelte sie an, ein warmes, aufrichtiges Lächeln, das seine Zuneigung verriet, ohne dass er es selbst ganz verstand.

Lena erwiderte sein Lächeln, aber es erreichte ihre Augen nicht ganz. Ein leichter Schatten fiel über ihr Gesicht, so flüchtig, dass Finn es fast für eine Täuschung gehalten hätte. Sie wandte den Blick ab und blickte in die Ferne, ihre Finger spielten nervös mit einem losen Faden an ihrem Kleid.

„Ich wünschte, ich könnte auch so fliegen“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm.

„Was meinst du?“, fragte Finn, seine Stirn leicht gerunzelt. „Du fliegst doch jeden Tag, Lena. Mit deinen Ideen, mit deinen Geschichten. Du bist die mutigste Person, die ich kenne.“

Lena schüttelte den Kopf, ihre Augen füllten sich mit einer Traurigkeit, die Finn nicht deuten konnte. „Manchmal ist es nur… schwer“, sagte sie. „Manchmal fühlt es sich an, als würde man gegen eine unsichtbare Wand rennen.“

Finn legte zögernd seine Hand auf ihre. Ihre Haut war kühl, aber er spürte ein leichtes Zittern, das von ihr ausging. „Gegen eine Wand? Was meinst du, Lena? Bist du traurig? Oder ist etwas passiert?“ Er wollte ihr helfen, wollte wissen, was sie bedrückte. Aber ihre Krankheit, das unsichtbare Hindernis, das sie Tag für Tag umklammerte, war für ihn noch ein Buch mit sieben Siegeln.

Lena zog ihre Hand langsam zurück. „Nein, nein, nichts ist passiert, Finn“, sagte sie schnell, ihre Stimme wieder fester, fast zu fröhlich. „Ich war nur… nachdenklich. Deine Geschichte hat mich so berührt.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln, das Finn zwar sehen konnte, das aber die tiefe Unsicherheit, die sie in sich trug, nicht verbergen konnte. Die Angst vor dem Moment, in dem ihre Lunge streiken würde, in dem die Luft nicht mehr ausreichen würde, um ihre Worte zu formen, war allgegenwärtig. Sie hatte Angst, dass er sie dann ansehen würde, mit Mitleid, mit einer neuen Art von Distanz, die sie nicht ertragen könnte.

Jeder Tag war ein Drahtseilakt. Sie musste stark wirken, musste die Lena sein, die Finn kannte und liebte. Sie übte Lächeln, wenn ihr die Kehle zuschnürte, sie übte Gelassenheit, wenn ihr Herz raste. Sie wollte ihn nicht belasten, wollte ihm nicht die Leichtigkeit ihrer jahrelangen Freundschaft nehmen. Sie hatte ihre Krankheit wie einen dunklen Mantel um sich gelegt, eine Last, die sie allein tragen wollte.

Manchmal, wenn sie allein war, ließ sie die Maske fallen. Sie sank auf den Boden ihres Zimmers und kämpfte nach Luft, ihre Hände krallten sich an ihren Brustkorb. Die Panik stieg in ihr auf, ein wildes Tier, das sie zu verschlingen drohte. In diesen Momenten sehnte sie sich nach Finn, nach seiner unerschütterlichen Ruhe, nach seiner Fähigkeit, alles zu reparieren. Aber sie konnte ihm nicht von diesen Anfällen erzählen. Was, wenn er sie für schwach hielt? Was, wenn er sich abwandte, weil er die Last nicht tragen konnte?

An einem besonders schönen Spätsommerabend, als die Luft noch warm war und der Duft von reifen Äpfeln in der Luft lag, spazierten sie durch die Felder am Rande der Stadt. Der Himmel war in sanfte Orange- und Rosatöne getaucht. Finn erzählte von seinen Plänen für die Zukunft, von seinem Wunsch, die Welt zu bereisen und Abenteuer zu erleben. Lena hörte ihm zu, ihr Herz voller Zuneigung, aber auch voller eines tiefen Bedauerns. Sie wusste, dass ihre eigenen Träume anders aussahen, eingeschränkter, gezeichnet von den Grenzen ihres Körpers.

„Und du, Lena?“, fragte Finn, als er merkte, dass sie still geworden war. „Was möchtest du machen? Wenn alles möglich wäre?“

Lena sah ihn an, und für einen winzigen Moment brach ihre Fassade. In ihren Augen lag eine tiefe Sehnsucht, eine Verletzlichkeit, die Finn nicht ganz deuten konnte. „Ich… ich möchte einfach nur, dass alles so bleibt, wie es ist“, sagte sie leise. „Ich möchte, dass wir immer so bleiben, Finn. Immer Freunde.“

Finn hielt inne. Ihre Worte trafen ihn unerwartet. Es war nicht die Antwort, die er erwartet hatte, nicht die Antwort, die er sich insgeheim erhofft hatte. Er hatte gehofft, dass sie von Abenteuern sprechen würde, von einer gemeinsamen Zukunft. Aber „immer Freunde“ klang so endgültig, so abschließend. Ein kleiner Stich der Enttäuschung durchzog ihn, aber er schob ihn beiseite. Er verstand es vielleicht nicht ganz, aber er verstand, wie wichtig ihr diese Freundschaft war.

Er nickte. „Das werden wir, Lena. Das verspreche ich dir.“ Er wollte ihr mehr sagen, wollte ihr von dem neuen Gefühl erzählen, das in ihm wuchs, von dem Wunsch, mehr als nur ihr Freund zu sein. Aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er sah die Anstrengung in ihren Augen, die leichte Blässe ihrer Haut, die sie mit einem Lächeln zu überspielen versuchte. Er spürte, dass etwas nicht stimmte, dass sie etwas verbarg. Aber er wusste nicht, was es war, und die Angst, sie zu verschrecken, sie zu verlieren, hielt ihn zurück.

Er beschloss, geduldig zu sein. Er würde sie lieben, wie sie war, und er würde darauf warten, dass sie ihm alles erzählte, wenn sie bereit war. Er würde ihr zeigen, dass er für sie da war, egal was kam. Er wusste nur noch nicht, wie tief die Wurzeln ihrer Geheimnisse reichten und wie schwer die Last war, die sie trug. Die zarte Blüte seines Verliebtseins begann sich zu entfalten, doch im Schatten lauerte eine Gefahr, die er noch nicht sehen konnte, eine Gefahr, die drohte, alles zu zerstören, was sie beide so sehr liebten. Und Lena, gefangen zwischen ihrer Liebe zu Finn und ihrer Angst vor der Wahrheit, rang weiter mit dem unsichtbaren Feind, der ihr die Luft zum Atmen raubte und ihre Zukunft in Frage stellte. Sie wollte ihn nicht verlieren, ihren besten Freund, ihre einzige Konstante. Und so schwieg sie weiter, und mit jedem Tag, der verging, wurde das Band zwischen ihnen stärker und zugleich zerbrechlicher.

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