Chapter 3
Die weise Elara
Auf ihrer Suche nach Hilfe trifft Walt auf Elara, eine weise und erfahrene Fee. Elara erkennt Walts Potenzial und erklärt sich bereit, ihr Mentorin zu werden und ihr den Umgang mit ihren Kräften beizubringen.
Der Wald rauschte in den sanftesten Tönen, als Walt tiefer in sein grünes Herz vordrang. Jeder Schritt auf dem moosbewachsenen Boden fühlte sich an wie ein Tanz auf samtigen Kissen, und doch spürte sie ein leichtes Zittern in ihren Knien, eine Nervosität, die sich wie ein kühler Hauch über ihre Haut legte. Die Nacht war noch jung, und der Mond warf lange, schlanke Schatten, die wie geheimnisvolle Finger durch das Dickicht griffen. Walt hatte Flicker, das kleine, schimmernde Wesen, das wie ein gestrandeter Stern im Unterholz lag, fest in den Armen gehalten. Sein Licht war schwach geworden, ein zarter Puls, der mit jedem Herzschlag von Walt synchron zu schlagen schien. Sie musste Hilfe finden, und zwar schnell. Die Erinnerung an den verzweifelten Ruf, der sie hierher geführt hatte, hallte noch immer in ihren Ohren nach, ein leises Klirren von Angst und Hoffnung.
Sie hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte, nur ein vages Gefühl, eine innere Stimme, die sie vorwärts zog. Es war, als würde der Wald selbst sie führen, ihm eine unsichtbare Hand, die sie sanft, aber bestimmt in die richtige Richtung lenkte. Sie hatte das Gefühl, dass sie nicht allein war. Manchmal meinte sie, ein leises Flüstern im Wind zu hören, das ihr den Weg wies, oder ein unerklärliches Glühen zwischen den Bäumen, das wie ein freundliches Nicken wirkte. Aber es war zu flüchtig, zu unwirklich, um es wirklich zu greifen.
Plötzlich, als sie eine kleine Lichtung erreichte, die von einem silbrig schimmernden Mondlicht erhellt wurde, stockte Walt der Atem. Vor ihr stand eine Gestalt, so anmutig und strahlend, dass sie fast unwirklich wirkte. Es war eine Fee, keine Frage. Ihre Flügel, zart wie die eines Schmetterlings, schimmerten in allen Farben des Regenbogens und verströmten ein sanftes, warmes Licht. Ihr Haar war wie flüssiges Gold, und ihre Augen, tief und klar wie Bergseen, schienen die Weisheit von Jahrhunderten zu bergen. Sie trug ein Kleid, das aus Blütenblättern und Tauperlen gewebt war, und um sie herum tanzten winzige Lichtpunkte wie gefangene Sterne.
Walt fühlte sich klein und unbedeutend in der Gegenwart dieser strahlenden Fee. Ihre Hände, die Flicker so fest umklammert hielten, begannen zu zittern. Was, wenn diese Fee sie abwies? Was, wenn sie sie für eine Eindringling hielt? All ihre Ängste und Unsicherheiten, die sie so lange unterdrückt hatte, brachen mit voller Wucht über sie herein.
Die Fee lächelte, und ihr Lächeln war wie das erste warme Licht des Morgens. Es traf Walt mitten ins Herz und löste einen Teil ihrer Anspannung. „Sei nicht bang, kleines Wesen", sagte sie mit einer Stimme, die klang wie das Läuten von kleinen Glöckchen. „Ich habe dich erwartet."
Walt starrte sie entgeistert an. „Erwartet? Aber… wie?"
Die Fee trat näher, ihre Bewegungen waren fließend und mühelos. Sie beugte sich zu Flicker herunter, und als ihre Hand das schimmernde Wesen berührte, schien es ein wenig heller aufzuleuchten. „Die Magie ist ein Flüstern, das man hören muss, wenn man lernt, zuzuhören. Und dein Herz, Walt, es schreit nach Hilfe. Ich bin Elara."
Elara. Der Name klang vertraut, wie ein Echo aus alten Geschichten, die ihre Großmutter ihr erzählt hatte. Walt spürte, wie eine Welle der Erleichterung sie durchströmte. Diese Fee war nicht nur schön, sie war auch gut.
„Ich… ich weiß nicht, was ich tun soll", stammelte Walt und drückte Flicker fester an sich. „Er ist so schwach. Ich habe ihn gefunden, und er… er braucht Hilfe."
Elara nickte verständnisvoll. „Ich sehe es. Er ist ein Lichtfunke, der droht zu erlöschen. Aber du hast ihn gefunden, und das ist kein Zufall. Die Magie hat dich zu ihm geführt, und sie hat mich zu euch geführt." Sie blickte Walt tief in die Augen. „Und sie hat dich zu dir selbst geführt, Walt. Du bist mehr, als du glaubst."
Walt schluckte. Die Worte von Elara waren wie Balsam für ihre Seele, aber sie konnten die Zweifel, die in ihr nagten, nicht ganz vertreiben. „Ich bin nur… ich. Ich habe keine Ahnung von Magie. Ich bin nicht wie du."
Elara lachte leise, ein Melodie, die den Wald erfüllte. „Jede Fee ist anders, Walt. Deine Magie ist noch jung, sie schlummert tief in dir und wartet darauf, geweckt zu werden. Aber sie ist da. Ich spüre sie. Ich spüre deine Kraft. Und ich spüre deine Angst. Das ist normal. Die Magie ist ein wildes Tier, sie muss gezähmt werden, mit Liebe und Geduld."
Sie streckte ihre Hand aus und berührte sanft Walts Wange. Ein warmes Kribbeln breitete sich von der Berührung aus und ließ Walt leicht erschaudern. „Du hast das Herz eines Helfers, Walt. Und das ist die größte Magie von allen. Ich kann dir helfen. Ich kann dir zeigen, wie du deine Kräfte entfesselst, wie du sie kontrollierst, wie du sie zum Guten einsetzt."
Walts Augen weiteten sich. Hilfe? Ein Mentor? Die Vorstellung war überwältigend, aber auch unglaublich verlockend. „Wirklich? Du würdest mir helfen?"
„Ja, Walt", sagte Elara mit fester Stimme. „Ich werde dir helfen. Denn du bist eine von uns. Du bist eine Fee."
Diese Worte trafen Walt wie ein Blitz. Eine Fee. Es war so unwirklich, so unglaublich, und doch… fühlte es sich richtig an. Ein Gefühl der Zugehörigkeit, das sie noch nie zuvor gekannt hatte, begann in ihr zu wachsen.
„Aber… was ist mit Flicker?", fragte Walt und blickte besorgt auf das kleine Wesen in ihren Armen.
Elara nickte. „Wir werden ihm helfen. Aber zuerst musst du lernen, dir selbst zu helfen. Komm mit mir. Es gibt einen Ort, an dem du sicher bist, an dem du lernen kannst. Einen Ort, an dem wir Flicker heilen können, wenn du bereit bist."
Walt zögerte nicht. Sie vertraute Elara. Sie spürte die Güte und die Weisheit, die von ihr ausgingen. Mit Flicker immer noch fest in ihren Armen, nickte sie. „Ja. Ich komme."
Elara lächelte wieder und wandte sich ab. „Dann folge mir. Der Weg ist nicht weit."
Sie begann, sich durch den Wald zu bewegen, ihre leuchtenden Flügel warfen tanzende Muster auf den Boden. Walt folgte ihr, ihr Herz schlug schneller vor Aufregung und einer neuen Art von Hoffnung. Als sie tiefer in den Wald eindrangen, bemerkte sie, dass die Geräusche des Waldes sich veränderten. Es war nicht mehr nur das Rauschen der Blätter und das Zwitschern der Vögel. Es gab ein leises Summen in der Luft, ein Melodie, die sie zuvor nicht wahrgenommen hatte. Und überall schienen kleine Lichter zu tanzen, unsichtbar für das ungeübte Auge, aber für Walt jetzt klar erkennbar.
Sie kamen zu einer Stelle, wo sich die Bäume zu einem dichten Dach schlossen. Elara blieb stehen und berührte mit ihrer Hand einen alten, knorrigen Baumstamm. Zu Walts Erstaunen begann der Stamm zu leuchten, und ein unsichtbarer Eingang öffnete sich in der Rinde. Es war wie eine Tür in eine andere Welt.
„Tritt ein, Walt", sagte Elara und trat beiseite.
Mit einem tiefen Atemzug trat Walt durch die magische Öffnung. Sie fand sich in einer Höhle wieder, die von leuchtenden Kristallen erhellt wurde. Die Luft war erfüllt von einem süßen, blumigen Duft. Überall standen Regale, gefüllt mit seltsamen Kräutern und leuchtenden Tränken. Es war ein Ort voller Magie und Geheimnisse.
In der Mitte der Höhle saß eine kleine Gestalt vor einem Tisch, die sich über etwas beugte. Es war ein Gnom, mit einem langen, weißen Bart und einer spitzen Mütze. Er blickte auf, als Walt eintrat, und seine Augen verengten sich misstrauisch.
„Und wer ist das, Elara?", brummte er mit einer tiefen, kratzigen Stimme. „Bringst du wieder mal ein verlorenes Kind in mein Zuhause?"
Elara lächelte sanft. „Grummel, mein Freund. Dies ist Walt. Und sie hat einen besonderen Freund bei sich, der unsere Hilfe braucht."
Grummel schnaubte und blickte zu Flicker, der immer noch schwach in Walts Armen lag. „Sieht nicht gut aus. Lichtfunke, wie sie sie nennen. Selten geworden, diese Dinger."
Walt spürte, wie ihre Unsicherheit wieder aufkam. Grummel schien nicht besonders freundlich zu sein. „Aber… ich dachte, hier könnte man ihm helfen?"
Grummel murmelte etwas Unverständliches, bevor Elara eingriff. „Walt hat gerade erst erfahren, dass sie eine Fee ist, Grummel. Sie ist überfordert und hat Angst. Sie braucht unsere Hilfe, aber vor allem braucht sie jemanden, der ihr die Augen öffnet."
Grummel blickte Walt nun genauer an, seine Augen wanderten über ihr Gesicht, dann zu ihren Händen, die Flicker umklammerten. Ein Hauch von Erstaunen huschte über sein Gesicht, aber er verbarg es schnell. „Eine Fee, sagst du? Nun, das erklärt einiges." Er blickte zu Elara. „Und du bist bereit, sie zu unterrichten? Das ist… unerwartet."
Elara nickte. „Ich sehe ihr Potenzial. Und sie hat das Herz am rechten Fleck. Das ist wichtiger als alles andere." Sie wandte sich an Walt. „Grummel ist ein Erdbewohner. Er kennt sich mit Heilkräutern und den Geheimnissen der Erde aus. Er wird uns helfen, Flicker zu versorgen. Aber er ist ein wenig… mürrisch. Lass dich davon nicht abschrecken. Er hat ein gutes Herz."
Walt nickte und versuchte, sich ein Lächeln zu entreißen, das Grummel erwiderte, wenn auch widerwillig.
„Nun denn", brummte Grummel und stand auf. „Bring mir das kleine Ding. Ich werde sehen, was ich tun kann. Aber erwarte keine Wunder auf Knopfdruck. Heilung braucht Zeit. Und du, junge Fee", er zeigte mit dem Finger auf Walt, „du wirst mir helfen müssen. Wenn du wirklich eine Fee bist, dann hast du eine Kraft. Zeig sie mir."
Walt zögerte. Zeigen? Ihre Kraft? Sie wusste nicht einmal, was ihre Kraft war. Sie war so verängstigt, so unsicher. Aber sie sah die Hoffnung in Elaras Augen und die sachte Neugier in Grummel. Sie sah Flicker, dessen Licht noch schwächer wurde.
Sie atmete tief durch. Sie musste es versuchen. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Gefühl in ihrem Inneren, auf das seltsame Kribbeln, das sie gespürt hatte, als Elara sie berührt hatte. Sie dachte an Flicker, an seinen kleinen, schmerzenden Körper. Sie wünschte sich, dass er sich besser fühlte.
Langsam öffnete sie ihre Augen und sah auf ihre Hände. Ein zartes, goldenes Licht begann, aus ihren Fingerspitzen zu fließen. Es war kein grelles Licht, sondern ein sanfter Schein, der warm und beruhigend wirkte. Es war klein, aber es war da.
Grummel schnappte nach Luft. Elara lächelte breit. „Siehst du, Walt? Es ist da. Deine Magie. Sie ist wunderschön."
Grummel murmelte anerkennend. „Nun, das ist mehr als ich erwartet hätte. Gut, gut. Bring mir Flicker. Wir haben viel zu tun."
Walt übergab Flicker vorsichtig an Grummel. Der Gnom nahm das kleine Wesen behutsam in seine harten Hände und begann, damit zu seiner Werkbank zu gehen. Elara legte Walt eine Hand auf die Schulter.
„Du hast es gut gemacht, Walt", sagte sie sanft. „Das war der erste Schritt. Du hast deine Angst überwunden und deine Kraft gezeigt. Das ist der Anfang von allem."
Walt blickte zu Flicker, der nun in Grummel's Obhut war, und spürte eine neue Entschlossenheit in sich wachsen. Sie war vielleicht ungeschickt und ängstlich, aber sie war keine Einzelgängerin mehr. Sie hatte Elara, die ihr den Weg wies, und selbst Grummel, der mürrische Gnom, schien ihr helfen zu wollen. Und sie hatte Flicker, der sie gebraucht hatte und den sie nicht im Stich lassen würde.
Die Höhle war voller Licht und Wärme, und zum ersten Mal seit langem fühlte sich Walt nicht mehr ganz so verloren. Sie war eine Fee. Und sie würde lernen, was das bedeutete. Sie würde lernen, ihre Kräfte zu nutzen. Sie würde Flicker retten. Und vielleicht, nur vielleicht, würde sie in dieser magischen Welt ihren Platz finden. Ein leises Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie Elara ansah. Die Reise hatte gerade erst begonnen, aber sie fühlte sich bereit dafür.