Chapter 2
Ein leuchtender Hilferuf
Ein magisches Wesen namens Flicker gerät in große Gefahr. Walt hört seinen verzweifelten Hilferuf und spürt eine tiefe Verbindung. Trotz ihrer Angst und Unsicherheit beschließt sie, ihm zu helfen.
Der Wald war Walts Zufluchtsort gewesen, ein Ort, an dem die Welt weniger fordernd schien, wo die Bäume so hoch waren, dass sie die Wolken zu berühren schienen und das Moos unter ihren Füßen so weich wie ein Kissen war. Hier konnte sie atmen, hier konnte sie sein, ohne sich ständig beobachtet oder beurteilt zu fühlen. Doch seit dem seltsamen Morgen, seit dem Kribbeln in ihren Fingerspitzen und dem Flackern des Lichts, das sie nicht erklären konnte, hatte selbst der Wald eine neue, beunruhigende Aura angenommen. Jedes Rascheln der Blätter, jedes Knacken eines Zweiges schien eine verborgene Bedeutung zu tragen, ein Geheimnis, das ihr entging.
Sie saß auf ihrem Lieblingsfelsen, einem bemoosten Monolithen, der wie ein schlafender Riese inmitten einer Lichtung ruhte. Die Sonne kämpfte sich durch das dichte Blätterdach und malte tanzende Muster auf den Waldboden. Walt seufzte und zog ihre Knie an die Brust. Die Worte ihrer Mutter klangen immer noch in ihren Ohren nach: „Sei vorsichtig, mein Schatz. Die Welt ist nicht immer so, wie sie scheint.“ Hatte ihre Mutter etwas geahnt? Hatte sie gewusst, dass in Walt mehr steckte, als sie selbst verstand? Die Vorstellung war sowohl beängstigend als auch seltsam tröstlich.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, drang ein Geräusch an ihr Ohr. Es war kein gewöhnliches Waldgeräusch. Es war ein zartes, fast zerbrechliches Wimmern, das durch die Stille schnitt wie ein feiner Silberfaden. Walt hob den Kopf, ihre Augen suchten die Umgebung ab. Das Wimmern wurde lauter, ein Ausdruck von tiefstem Leid und Verzweiflung. Es schien aus einer Richtung zu kommen, die sie noch nie erkundet hatte, tiefer im Dickicht, wo die Schatten länger und die Bäume älter waren.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Ihr erster Instinkt war, sich zusammenzurollen und zu hoffen, dass das Geräusch verschwand. Aber dann spürte sie etwas anderes. Eine seltsame Resonanz in ihrem Inneren, eine Art unsichtbares Band, das sie mit dem Leid verband. Es war, als ob ein Teil von ihr selbst um Hilfe rief. Das Kribbeln in ihren Händen, das sie in letzter Zeit so oft beunruhigt hatte, begann erneut, stärker als je zuvor. Es war nicht mehr nur ein Kribbeln; es war ein sanftes Pulsieren, als ob ihre Hände lebendig würden.
„Hallo?“, rief Walt zögerlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Keine Antwort, nur das fortwährende, herzzerreißende Wimmern.
Sie stand auf, ihre Beine zitterten leicht. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie auf dünnem Eis wandeln. Die Angst nagte an ihr, die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor dem, was sie dort finden könnte, und vor allem die Angst vor sich selbst. Was, wenn dieses Geräusch sie zu etwas führte, das sie nicht bewältigen konnte? Was, wenn ihre neu erwachten, unkontrollierbaren Kräfte sie nur noch tiefer in Gefahr brachten?
Doch inmitten der Angst wuchs eine Entschlossenheit. Das Wimmern war zu verzweifelt, zu eindringlich, um es zu ignorieren. Es war ein Hilferuf, der an ihre tiefsten Instinkte appellierte. Sie dachte an all die Male, in denen sie sich allein und verloren gefühlt hatte. Sie konnte dieses Gefühl nicht ertragen, das einem anderen Wesen widerfuhr.
Mit jedem Schritt tiefer in den Wald wurde die Atmosphäre dichter. Die Luft schien dicker zu werden, erfüllt von einem seltsamen, süßlichen Duft, den Walt noch nie zuvor gerochen hatte. Die Sonnenstrahlen schienen hier kaum noch durchzudringen, und die Schatten verschmolzen zu einem tiefen, unheimlichen Grau. Das Wimmern war nun ganz nah, ein klarer, schmerzlicher Klang, der Walt das Herz zusammenschnürren ließ.
Sie stieß durch ein dichtes Gebüsch und fand sich auf einer kleinen Lichtung wieder, die von uralten, knorrigen Bäumen umgeben war. In der Mitte der Lichtung, gefangen in einem Netz aus stacheligen Ranken, lag ein kleines Wesen. Es war nicht größer als ihre Hand, sein Körper war von einem sanften, schimmernden Licht umgeben, das nun jedoch schwach und flackernd war. Seine Flügel, die wie zarte Seidenblätter aussahen, waren zerknittert und verfangen. Das Wesen zuckte vor Schmerz und Angst.
Walt stockte der Atem. Sie hatte noch nie etwas so Zerbrechliches und doch so Strahlendes gesehen. Es war wunderschön, selbst in seinem Leid. Das Licht, das von ihm ausging, pulsierte schwach, und in seinem Zentrum schien eine winzige, leuchtende Flamme zu lodern, die zu erlöschen drohte.
Das Wesen hob seinen kleinen Kopf, seine Augen, so groß wie Glühwürmchen, richteten sich auf Walt. Ein leiser Seufzer entwich ihm, und für einen Moment glaubte Walt, in diesen Augen eine tiefe, stumme Bitte zu sehen. Es war Flicker. Der Name schoss ihr durch den Kopf, ohne dass sie wusste, woher er kam.
„Oh, du Armer!“, hauchte Walt und trat näher. Die Ranken waren dick und dornig, und sie schienen sich fester um das Wesen zu winden, je näher sie kam. Sie sah, dass die Dornen tief in das schimmernde Fell eindrangen.
Flicker wimmerte erneut, ein schwacher, flehender Laut. Walt spürte, wie ihr Herz vor Mitgefühl schmerzte. Sie streckte eine Hand aus, um die Ranken zu berühren, doch in dem Moment, als ihre Finger sie berührten, zuckte sie zurück. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre Hand, als ob die Ranken selbst bösartig wären. Sie zog ihre Hand zurück und sah, dass kleine rote Spuren auf ihrer Haut erschienen waren.
„Das tut weh!“, murmelte sie. Die Ranken schienen auf ihre bloße Anwesenheit zu reagieren, sich fester zu schließen, als ob sie das Licht von Flicker beschützen oder vielleicht auch stehlen wollten.
Panik stieg in ihr auf. Sie konnte das Wesen nicht berühren, ohne selbst verletzt zu werden, und die Ranken schienen unzerbrechlich. Sie blickte sich um, suchte nach etwas, mit dem sie die Ranken durchschneiden könnte, nach einem Ast, einem Stein, irgendetwas. Aber es gab nichts. Nur das unerbittliche Dickicht.
Flicker wurde schwächer. Sein Licht wurde blasser, und sein Wimmern wurde leiser. Walt spürte, wie die Verzweiflung sie zu überwältigen drohte. Sie war hier, sie konnte das Wesen sehen, es hören, es spüren, aber sie war machtlos.
Und dann erinnerte sie sich. Das Kribbeln in ihren Händen. Das Flackern des Lichts, das sie nicht verstanden hatte. War das vielleicht… war das ihre Magie? Die Vorstellung war überwältigend. Sie, Walt, mit magischen Kräften? Sie, die sich immer so gewöhnlich gefühlt hatte, so unscheinbar.
Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Gefühl in ihren Händen. Sie stellte sich vor, wie das Licht, das sie in den letzten Tagen gespürt hatte, aus ihr herausfloss, warm und rein. Sie dachte an Flicker, an sein verzweifeltes Wimmern, an seine zerbrechliche Schönheit. Sie wollte ihm helfen. Mehr als alles andere wollte sie ihm helfen.
Langsam, ganz langsam, öffnete sie ihre Augen und hob ihre Hände. Sie hielt sie Flicker zugewandt, die Handflächen leicht nach oben geneigt. Sie konzentrierte sich auf die Ranken, auf ihre Härte, ihre Dornen. Und dann stellte sie sich vor, wie das Licht aus ihren Händen auf die Ranken fiel, nicht um sie zu verbrennen, sondern um sie weicher zu machen, um sie zu lösen.
Zuerst geschah nichts. Die Ranken blieben starr und bedrohlich. Walt spürte, wie ihre Unsicherheit wieder an ihr nagte. Sie war eine Narren, eine Träumerin. Ihre Magie war nur Einbildung, eine Ausrede für ihre eigene Hilflosigkeit.
Aber dann, ein leises Knistern. Ein schwaches Glühen begann an den Spitzen ihrer Finger. Es war dasselbe Licht, das sie in den letzten Tagen gesehen hatte, aber jetzt war es stärker, kontrollierter. Es breitete sich langsam aus, über ihre Handflächen, ihre Finger, und floss wie ein warmer Strom auf die Ranken zu.
Die Ranken begannen zu reagieren. Langsam, fast zögerlich, schienen sie sich zu lockern. Die Dornen wurden stumpfer, und das stachelige Gefühl wich einer seltsamen Geschmeidigkeit. Walt spürte, wie die Energie durch sie hindurchströmte, eine süße, warme Erschöpfung, die sie gleichzeitig belebte und ermüdete.
Flickers Wimmern verstummte. Er hob vorsichtig seinen Kopf und blickte auf die sich lösenden Ranken. Sein eigenes Licht schien wieder ein wenig heller zu werden, als ob es auf Walts Bemühungen reagierte.
Mit einem letzten, tiefen Atemzug konzentrierte Walt all ihre verbliebene Kraft auf eine einzige Stelle der Ranken. Ein heller Lichtstrahl schoss aus ihren Händen und traf die Stelle mit einer sanften, aber bestimmten Kraft. Die Ranken gaben nach, lösten sich voneinander und fielen wie welkende Blätter zu Boden.
Mit einem leisen Flattern hob Flicker vom Boden ab. Er schwebte kurz in der Luft, sein Körper pulsierte nun mit einem gleichmäßigeren, stärkeren Licht. Seine zerknitterten Flügel entfalteten sich, und er flog eine kleine, unsichere Runde um Walts Kopf.
Walt ließ ihre Hände sinken, erschöpft, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Ihre Hände schmerzten immer noch leicht, aber es war ein angenehmer Schmerz, der Beweis dafür, dass sie etwas getan hatte, etwas Wichtiges.
Flicker landete sanft auf ihrer ausgestreckten Hand. Sein kleiner Körper strahlte eine warme Dankbarkeit aus, die Walt direkt in ihr Herz traf. Er berührte ihre Finger mit seinem winzigen Kopf, und Walt spürte eine Verbindung, tiefer und stärker als alles, was sie je zuvor gefühlt hatte.
„Du bist frei“, flüsterte Walt und sah Flicker tief in seine glühwürmchengroßen Augen. „Ich… ich habe es geschafft.“
Flicker stieß ein leises, melodisches Summen aus, das wie Musik in Walts Ohren klang. Sein Licht wurde heller und heller, bis es die kleine Lichtung in ein warmes, goldenes Leuchten tauchte. Walt spürte, wie die Angst in ihr schwand, ersetzt durch ein Gefühl der Ehrfurcht und des Staunens. Sie hatte nicht nur einem hilflosen Wesen geholfen, sie hatte auch einen Teil von sich selbst entdeckt, den sie nie zuvor gekannt hatte. Sie hatte ihre Magie genutzt, und sie hatte funktioniert. Sie hatte ihre Angst überwunden. Sie hatte Flicker gerettet.
Als das Licht von Flicker langsam abebbte, begann Walt zu begreifen, dass ihre Welt sich unwiderruflich verändert hatte. Sie war nicht mehr nur Walt, das unsichere Mädchen, das sich im Wald versteckte. Sie war Walt, die Fee. Und zum ersten Mal fühlte sich diese Erkenntnis nicht beängstigend an, sondern wie das lang ersehnte Versprechen eines neuen Anfangs.