Chapter 3
Der böse Magier entlarvt
Maria und Leon entdecken Spuren, die zu einem finsteren Magier führen. Er stiehlt die Artefakte, um das Land in ewige Dunkelheit zu stürzen. Maria und Leon schwören, ihn aufzuhalten.
Maria kniete im moosbedeckten Boden des Waldes, ihre Finger strichen über die seltsamen, verschlungenen Symbole, die in die Rinde einer alten Eiche geritzt waren. Leon, sein goldener Pelz im Dämmerlicht des Waldes fast unsichtbar, saß aufmerksam neben ihr, seine großen, bernsteinfarbenen Augen folgten jeder ihrer Bewegungen. Die Luft war erfüllt von der feuchten Erde und dem süßen Duft von Kiefern, doch unter allem lag eine unterschwellige Kälte, die Maria seit Tagen beunruhigte.
„Siehst du das, Leon?“, murmelte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Diese Zeichen… sie sind alt. Älter als alles, was ich je gesehen habe.“ Sie fühlte eine vertraute Unruhe in ihrer Brust, eine Vorahnung, die sie oft überkam, wenn Gefahr nahte.
Leon brummte leise, ein tiefes Grollen, das sowohl Sorge als auch Entschlossenheit ausdrückte. Er stieß mit seiner Nase sanft gegen Marias Hand, als wollte er sie ermutigen. Er spürte die Anspannung in ihr, die unheilvolle Energie, die von diesen seltsamen Schnitzereien ausging.
Sie waren den Spuren gefolgt, seitdem die erste der heiligen Artefakte, der Kristall des Lichts, aus dem Dorfschrein verschwunden war. Zuerst waren es nur Gerüchte, dann das blanke Entsetzen der Dorfbewohner, als auch der Runenstein und der Silbermond weg waren. Jedes Mal hinterließen die Diebe keine Spuren, als wären sie vom Wind davongetragen worden. Doch Maria, mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe und Leons Unterstützung, hatte etwas gefunden – eine winzige Spur von Asche, die anders war als jede Asche, die sie kannte. Sie roch nach Verfall und vergessener Magie.
„Diese Asche… sie ist nicht von einem einfachen Feuer“, sagte Maria und stand langsam auf. Sie blickte sich um, ihre Augen suchten nach weiteren Hinweisen, die sie vielleicht übersehen hatte. Der Wald, der sonst ihr Zufluchtsort war, schien nun bedrohlich, seine Schatten länger und tiefer als üblich. „Es ist, als hätte jemand versucht, seine Spuren zu verwischen, aber diese Zeichen sind geblieben.“
Leon erhob sich ebenfalls, seine Muskeln spannten sich. Er schnupperte in die Luft, sein Blick wanderte zu einem dichten Dickicht am Rande einer kleinen Lichtung. Ein leises Knurren entwich seiner Kehle.
„Du riechst etwas?“, fragte Maria, ihre Stimme geschärft. Sie vertraute Leons Instinkten mehr als allem anderen.
Leon nickte und begann vorsichtig, sich in Richtung des Dickichts zu bewegen. Maria folgte ihm, ihr Herz pochte schneller. Die Kälte, die sie spürte, verstärkte sich, als sie näher kamen. Es war, als würde die Luft selbst langsamer atmen.
Sie erreichten den Rand des Dickichts. Dahinter lag eine kleine, von Bäumen verborgene Lichtung. In der Mitte der Lichtung stand eine Gestalt, gehüllt in einen dunklen Mantel, der sich wie ein Schatten um sie wand. Die Gestalt bückte sich über etwas auf dem Boden, das im Halbdunkel kaum zu erkennen war.
„Halt! Wer ist da?“, rief Maria, ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte.
Die Gestalt zuckte zusammen und drehte sich langsam um. Als sie das Gesicht enthüllte, erstarrte Maria. Es war kein Gesicht im eigentlichen Sinne, eher eine Maske aus tiefster Dunkelheit, aus der zwei glühende, rote Augen hervorstachen. Ein Lächeln, das keine Freude, sondern nur Hohn kannte, zog sich über die nicht vorhandenen Lippen.
„Wer… wer bist du?“, fragte Maria erneut, ihre Hand griff unwillkürlich nach dem kleinen Holzmesser, das sie immer bei sich trug.
„Ich bin der, der die Dunkelheit bringt“, zischte die Stimme, rau wie zerbrechendes Glas. „Der, der die Welt von ihrem unnötigen Licht befreien wird. Und ihr… ihr seid nur kleine Hindernisse.“
Leon knurrte laut, seine Vorderpranken hoben sich leicht vom Boden ab. Er war bereit, Maria zu verteidigen, egal wer oder was dieser Schatten war.
Die Gestalt lachte, ein trockenes, widerliches Geräusch. „Ein Löwe und ein Mädchen. Wie rührend. Glaubt ihr wirklich, ihr könnt mich aufhalten?“ Mit einer schnellen Bewegung hob die Gestalt etwas aus dem Boden auf. Es war ein schimmernder Kristall, der schwach pulsierte. Der Kristall des Lichts.
Maria keuchte. „Der Kristall! Was hast du damit vor?“
„Ich werde all diese nutzlosen Artefakte sammeln“, sagte der Magier, seine Stimme wurde lauter und grollender. „Den Runenstein, den Silbermond… und dann werde ich die Quelle der Dunkelheit entfesseln. Euer Dorf wird das erste sein, das in ewiger Nacht versinkt.“
Die Worte trafen Maria wie ein Schlag. Ewige Nacht. Ihr Dorf. Ihre Freunde. Die Dorfbewohner, die sie beschützen wollte. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, doch er wurde schnell von einem eisernen Entschluss verdrängt.
„Das wirst du nicht tun!“, rief sie, ihre Stimme bebte vor Zorn und Entschlossenheit. „Wir werden dich aufhalten!“
Der Magier neigte seinen Kopf, als würde er sie belustigt betrachten. „Mutig. Aber töricht. Eure kleinen Fähigkeiten reichen nicht aus.“ Er machte eine Geste mit seiner freien Hand, und aus dem Schatten um ihn herum schossen dunkle Ranken hervor, die sich auf Maria und Leon zubewegten.
Leon sprang vor, seine Pranken schlugen nach den Ranken, zerfetzten sie, doch sie wuchsen sofort nach. Maria wich zurück, ihr Blick fiel auf die seltsamen Symbole, die sie zuvor an der Eiche gesehen hatte. Sie spürte eine Verbindung zu ihnen, eine Art Echo in ihrem Inneren.
„Leon, die Symbole!“, rief sie. „Sie sind ein Schutz!“
Leon brüllte und stieß sich vom Boden ab, seine Krallen rissen tiefer in die Schattenranken. Maria rannte zu der Stelle, an der die Ranken ihren Weg begonnen hatten, und begann, die Symbole auf den Bäumen um sie herum nachzuzeichnen, so gut sie sich erinnerte. Konzentriert, ihre Stirn gerunzelt, spürte sie, wie eine seltsame Energie durch sie floss. Es war, als würde sie die alten Kräfte des Waldes selbst anzapfen.
Die dunklen Ranken zogen sich zurück, als sie die Symbole nachzeichnete, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft zurückgedrängt. Der Magier stieß einen wütenden Schrei aus.
„Was ist das?“, zischte er. „Diese alte Magie… sie sollte vergessen sein!“
Maria spürte eine neue Kraft in sich aufsteigen, etwas, das sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Es war warm und rein und stand im völligen Gegensatz zu der Kälte, die der Magier ausstrahlte.
„Du hast uns unterschätzt!“, rief sie. „Wir werden unser Zuhause verteidigen!“
Der Magier sah sie an, seine roten Augen verengten sich. Er erkannte, dass er hier nicht so leicht gewinnen würde. Mit einer letzten, hasserfüllten Grimasse machte er eine schnelle Bewegung, und eine dichte Wolke aus schwarzem Rauch stieg um ihn auf. Als der Rauch sich verzog, war er verschwunden. Nur die dunklen Symbole auf der Eiche und die noch immer spürbare Kälte blieben zurück.
Maria sank auf die Knie, ihre Beine zitterten. Leon kam sofort zu ihr, stieß sie sanft mit dem Kopf an und leckte ihr über die Wange. Er spürte ihre Erschöpfung, aber auch ihre Entschlossenheit.
„Er ist weg“, sagte Maria, ihre Stimme war heiser. „Aber er hat den Kristall. Und er will mehr.“ Sie blickte Leon in die Augen, ihre eigenen waren voller Sorge, aber auch von einem neuen Glanz. „Wir müssen ihn aufhalten, Leon. Wir müssen die Artefakte zurückholen, bevor es zu spät ist.“
Leon legte seinen Kopf auf ihre Schulter, ein stummes Versprechen. Er würde an ihrer Seite sein, immer.
Maria stand langsam auf. „Das Dorf muss es wissen. Ältester Elara muss es wissen.“ Sie blickte zurück auf die Lichtung, auf die Stelle, wo der Magier gestanden hatte. Die Kälte war noch immer da, aber sie wurde nun von einem anderen Gefühl überlagert – dem Gefühl, dass sie eine Aufgabe hatten, eine wichtige Mission.
„Wir werden ihn finden“, murmelte sie, ihre Stimme fest. „Und wir werden ihn stoppen.“
Die Sonne begann langsam am Horizont aufzugehen und tauchte den Wald in ein goldenes Licht. Doch für Maria und Leon war die Dunkelheit, die der Magier bringen wollte, bereits eine reale Bedrohung. Sie wussten, dass ihre Reise gerade erst begonnen hatte, eine Reise voller Gefahren, aber auch voller Hoffnung. Die Hoffnung, die sie gemeinsam in ihren Herzen trugen und die stärker war als jede Dunkelheit.